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Frankfurt bekommt einen Fernbahntunnel. Rund um den Hauptbahnhof dürfte das Fahrtaufkommen damit weiter steigen. 

Verkehr in Frankfurt

Mehr Züge am Hauptbahnhof: Milliarden-Projekt Fernbahntunnel  weckt große Erwartungen

Frankfurt soll einen Fernbahntunnel bekommen – zusätzlich zum sowieso geplanten Gleis-Ausbau, wie der Bund jetzt sagt. An Widerstand glaubt die Politik derweil nicht. 

Frankfurt – 3,5 Milliarden Euro will der Bund für Frankfurt spendieren. Klar, dass Politiker und Verkehrsexperten in Stadt und Land das gut finden. Doch schwingt oft eine leise Furcht mit: Legt der Bund möglicherweise die noch nicht realisierten Vorhaben aus dem Ausbauprogramm "Frankfurt Rhein-Main Plus" auf Eis? Es war einst als Alternative zum verworfenen Tunnel-Hauptbahnhof "Frankfurt 21" beschlossen worden und soll Engpässe im Schienennetz beseitigen.

So richten sich am Dienstagnachmittag alle Augen auf Hugo Gratza, den Abteilungsleiter Eisenbahn im Berliner Verkehrsministerium. Er ist einer der Gäste einer Diskussion auf der Fachmesse "Hypermotion" in der Messehalle 1 in Frankfurt. 

Frankfurt (DB): 20 Prozent mehr Züge am Hauptbahnhof

Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) hat gerade gefordert: "Keine einzige Maßnahme" aus dem "Plus"-Programm "darf auch nur einen Monat verzögert werden" durch den Tunnel.

Den hatte der Bund vorgeschlagen, um den wichtigsten Bahnknoten der Republik fit zu machen. Die Kapazitäten reichten bereits heute nicht, mahnt Gerd-Dietrich Bolte, Großprojekte-Leiter der Bahn-Tochter DB Netz. Es gebe eine Warteliste für Zufahrten zum Hauptbahnhof. Der Bund will mit dem "Deutschlandtakt" den Bahn-Fernverkehr bis 2030 aber noch verdoppeln. "Wenigstens 20 Prozent" mehr Fern- und Regionalzüge könnten dank Tunnel via Hauptbahnhof fahren, so Bolte, also statt aktuell 438.000 pro Jahr mindestens 526 000 Züge. Hugo Gratza spricht lieber vom Reisezeitgewinn von acht bis zehn Minuten. "Multipliziert mit der Zahl der Fahrgäste, die es betrifft, ist es ein sehr großer Nutzen."

Später wird es aus dem Frankfurter Tunnelbaufachmann Rolf Katzenbach heraussprudeln, diese Fokussierung auf den kleinen Reisezeitgewinn sei "scheiße", denn: "Es geht um die Kapazität." Da nickt Thomas Busch, Chefplaner des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV): "Die Kapazitätserweiterung ist viel wesentlicher."

Frankfurt Hauptbahnhof (DB): Mehr statt weniger Gleise

Wenn die meisten ICEs durch den Frankfurter Tunnel rollen, können oben in der Halle mehr Regionalzüge abfahren. Auf welchen Strecken in die Region der RMV mehr Kapazitäten anbieten will? "Überall hin", sagt Busch. Binnen 20 Jahren stiegen die RMV-Fahrgastzahlen von 500 auf 800 Millionen im Jahr. 2030 dürften sie bei 1,04 Milliarden liegen.

Wenn Pendler dank des besseren Angebots vom Auto auf die Bahn umstiegen, entlaste das die Stadt Frankfurt sehr, sagt Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD). Mit dem Tunnel und den Schnellfahrstrecken nach Mannheim, Fulda und Eisenach würden ICEs viel schneller, ergänzt Tarek Al-Wazir. "Alle Welt fordert doch die Verlagerung von Kurzstreckenflügen auf die Bahn." Rolf Katzenbach nickt. "Etwas Besseres, als den Tunnel zu bauen, können wir in Frankfurt nicht tun für die CO2-Reduktion, das ist aktiver Klima- und Umweltschutz."

Auf dem Podium finden sich nur Befürworter des Projekts. Doch ist bisher auch noch kein nennenswerter Protest laut geworden. Warum? "Vom Tunnelbau merkt der durchschnittliche Frankfurter nichts", sagt Verkehrsdezernent Oesterling. In bis zu 30 Metern Tiefe soll der Tunnel unter der City verlaufen - wo genau, soll eine Machbarkeitsstudie bis Anfang 2021 klären.

Hauptbahnhof Frankfurt (DB) Fernbahntunnel soll nicht ersetzen

Am Wichtigsten für die Akzeptanz sei, dass der Tunnel den Hauptbahnhof Frankfurt nicht ersetze, sondern ergänze, findet Tarek Al-Wazir - und spielt auf Stuttgart 21 an: "Das ist dieses Projekt überhaupt nicht." Am Ende gebe es mehr Gleise, nicht weniger, und die Einschränkungen während der Bauphase seien gering. Die Baugruben an beiden Tunnelenden lägen auf oder direkt neben Bahngelände und tangierten so gut wie niemanden, erklärt Fachmann Katzenbach.

Auch die Sorge um die schon angeschobenen "Plus"-Projekte zerstreut Hugo Gratza: "Wir haben kein Interesse daran, dass lange geplante Maßnahmen nicht zum Zuge kommen", betont der Berliner Ministerialbeamte. "Wir haben die anderen Projekte nicht über Bord geworfen." Das sorgt für Erleichterung beim Landes-Minister.

Hauptbahnhof Frankfurt (DB) Bahn will „Plus“-Projekte

Bahn-Planer Bolte kündigt an, dass es mit "Plus"-Projekten nächstes Jahr weitergeht: Der Ausbau am Knoten Sportfeld und der nordmainischen S-Bahn starte. Anfang 2021 will der Bund über den Tunnel entscheiden, kündigt Hugo Gratza an. Wie lange dauert es dann noch, bis der erste Zug durch den Tunnel rollt? Experte Katzenbach verweist auf ähnliche Projekte in Zürich und Barcelona und legt sich fest: "15 Jahre, bis der Minister den Schnibbel durchschneidet."

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann

Der RMV-Chef Knut Ringat will neue Bahnstrecke unter der City bis 2035/40 realisiert wissen. Erheblichen Nutzen hätte der Fernbahntunnel in Frankfurt auch für Regionalzüge.

Laut Google Maps gibt es in Frankfurt zwei Hauptbahnhöfe: Neuer Hauptbahnhof an der Miquelallee*

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