Große Menschenmenge auf dem Platz vor dem Frankfurter Hauptbahnhof: Hunderte gedenken hier am Dienstagabend des toten Jungen. Fotos: Patrick Scheiber

"Wichtig ist, Struktur ins Chaos zu bringen"

Mahnwache am Frankfurter Hauptbahnhof: Leise Trauer übertönt den Hass

  • schließen

Am Tag nach dem grauenvollen Tod eines achtjährigen Jungen fahren die Bahnen nach Plan. Zumindest sieht es so aus. Frankfurt steht unter Schock. 

Frankfurt – Auf dem Gesteck aus weißen Nelken, weißen Hortensien und weißen Gladiolen mit roter Banderole steht "Frankfurt trauert". Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat ihn dort abgelegt, wo an Gleis 7 ein Blumen- und Plüschtiermeer liegt. Es ist still an dieser rechteckigen, abgesperrten Fläche ganz am Ende des Gleises. Es ist genau jenes Gleis, von dem am Montagvormittag ein Mann ohne ersichtlichen Grund eine Mutter und ihren achtjährigen Sohn auf das ICE-Gleis stieß. Der Junge starb, die Mutter konnte sich in letzter Sekunde retten.

Am frühen Dienstagabend werden noch mehr Kerzen, Briefe, Bilder, von Kinderhand gemalt, Blumen und Stofftiere abgelegt. Von Männern, Frauen und Kindern aus aller Herren Länder. Manche weinen dabei, andere halten entsetzt die Hand vor den Mund. Kinder kuscheln sich nah an ihre Eltern. Alle sind still. Sprachlos vor Trauer und Fassungslosigkeit. Bahnmitarbeiter sind bedrückt. Immer wieder stehen auch ihnen Tränen in den Augen.

Auch interessant:  Bankeinbruch am Frankfurter Hauptbahnhof: Polizei verhört Verdächtige

Unzählige Polizeibeamte beobachten konzentriert die Menschenmenge. Auch manche von ihnen schütteln immer wieder den Kopf, wenn ihr Blick über das Blumenmeer schweift.

Spontan-Demo 

Um 18.30 Uhr ist eine Gedenkveranstaltung auf dem Bahnhofsplatz geplant. Die evangelische Hoffnungsgemeinde, die eritreische Gemeinde und die Bahnhofsmission wollen Menschen die Gelegenheit geben, zu beten, zu trauern und gemeinsam des kleinen Jungens zu gedenken. Eine halbe Stunde vorher hatte eine ehemalige Pegida-Aktivistin eine Demonstration angemeldet. Dagegen wiederum kündigten sofort diverse linke Gruppen ihren Widerstand an.

Lesen Sie auch: Acht Bundespolizisten wegen Körperverletzung am Hauptbahnhof angeklagt

Die Atmosphäre auf dem Bahnhofsplatz ist schwer zu fassen. Auf der einen Seite werden Hassreden gehalten, auf der anderen Seite wird gebetet und still des toten Jungen gedacht. Die mehreren Hundert Teilnehmer der Gedenkveranstaltung sind leise, in sich gekehrt, traurig. Die wenigen politischen Demo-Teilnehmer sind laut, schaukeln sich gegenseitig hoch.

Vier Geistliche gestalten die Andacht (von links): Carsten Baumann (Bahnhofsmission), Jutta Jekel (Hoffnungsgemeinde), Beatrix Henrich (Dompfarrei) und Abba Kibreab Saad von Frankfurts katholischer eritreischer Gemeinde.

Überall dazwischen stehen Polizeibeamte in Gruppen. Sie behalten jeden auf dem Bahnhofsvorplatz genau im Auge. Plakate gegen die Politik mischen sich mit dem Vaterunser. Die einen halten sich an den Händen oder Arm in Arm, die anderen halten Reden voller Hass. Wer zwischen den beiden Seiten steht, versteht nur schwer, was hier gerade vor sich geht.

Die Trauernden lassen sich nicht stören, nicht provozieren. Sie halten Blumen in der Hand und Kerzen. Manche haben Freunde dabei, die das Gesprochene für sie leise und simultan in verschiedene Sprachen übersetzen. "Gott, wo warst Du gestern, als dieser kleine Junge getötet wurde?", klingen die Worte durch das Mikrofon der Gedenkfeier. Ein Mann im Hintergrund brüllt: "Sie missbrauchen die Religion." Ordner geben dem Mann ruhig, aber bestimmt zu verstehen, dass er leise sein soll. Die Trauernden haben Tränen in den Augen, beißen sich auf die Lippen. Auch diverse Stadtpolitiker sind dabei. Sie stehen bei den Trauernden und hören zu. Auch in ihren Gesichtern ist die Betroffenheit zu lesen.

Feldmann fordert Respekt

Alle erfahren, dass auch in den nächsten Tagen jederzeit Seelsorger für Betroffene zur Verfügung stehen. Für Bürger und Bahnmitarbeiter. Für jeden, der den tragischen Tod des kleinen Jungen nicht verkraften kann.

Oberbürgermeister Feldmann sagt, dass "der Täter seine gerechte Strafe erhalten wird". Er ermahnt die Menschen, "Respekt zu zeigen vor der Mutter, dem Vater, der Familie und den Freunden des Jungen. Vor denen, die den grausamen Tod des Kindes miterleben mussten." Und er wird deutlich: "Hass und Gewalt sind das falsche Mittel." Ein Mann starrt eines der politischen Plakate an und schüttelt den Kopf. "Das echte Frankfurt zeigt sich am Bahnsteig", sagt er. "Die Solidarität der Menschen, die Blumen und Teddybären ablegen und leise kondolieren."

Lesen Sie auch: 

Sprinter schleift Fußgänger durch Stadt und flüchtet - Polizei nennt Details zum Fahrzeug

Am Hauptbahnhof Frankfurt hat ein Sprinter einen Fußgänger angefahren und kilometerweit mitgeschleift. Die Polizei nennt neue Details zum flüchtigen Fahrer.

Tödliche Attacke: Familie wollte in den Urlaub - Schwester hatte keine Lust auf Zugfahren

Der Junge und seine Mutter waren auf dem Weg in den Urlaub. Die Schwester des Jungen hatte keine Lust auf Zugfahren.

Nach Tat am Frankfurter Hauptbahnhof: Nur die Wahrheit hilft

Die schreckliche Tat am Frankfurter Hauptbahnhof schockiert Deutschland auch noch Tage danach. Das Kapitel wird sich nicht schnell schließen. Ein Kommentar.

Achtjähriger vor ICE gestoßen: Seehofer kündigt Konsequenzen an - und nennt neue Details zum Täter

Horst Seehofer äußert sich zum Mordfall in Frankfurt. Neue Details über den Täter werden bekannt - der Innenminister will „Maßnahmen ergreifen“.

Massenunfall nach illegalem Autorennen auf der A3 - Raser weiter auf der Flucht

Ein illegales Autorennen auf der A3 war Auslöser für einen schweren Unfall mit mehreren Verletzten.Von den flüchtigen Rasern fehlt weiter jede Spur.

Frankfurter Hauptbahnhof ist gesperrt - Polizei meldet "extreme Gefahr"

Wie Augenzeugen berichten, ist der gesamte Hauptbahnhof Frankfurt evakuiert worden. Die Menschen drängen sich auf dem Bahnhofsvorplatz.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare