Die zwei oberen Balkone gehören zu den aufgestockten Etagen. Sie wurden auf eines der Bestandsgebäude in der Platensiedlung gebaut. Foto: dpa

380 Wohnungen allein durch Aufstockung

Nachverdichtung soll die Wohnungsnot in Frankfurt lindern

Im dicht besiedelten Frankfurt ist Wohnraum ein knappes Gut. Eine mögliche Lösung könnte die Aufstockung von Bestandsgebäuden sein. Doch gerade wenn Privateigentümer ins Spiel kommen, hat das Modell seine Tücken.

Frankfurt - Baugerüste an den Häusern, Arbeiter stehen auf Balkonen, hämmern und bohren. In der Platensiedlung tut sich gerade einiges. Hier entstehen jedoch nicht bloß Neubauten: Die bestehenden 19 Gebäude wachsen ebenfalls in die Höhe. Auf die dreistöckigen Häuserzeilen aus den 50er Jahren kommen noch zwei Etagen drauf. Etwa 680 neue Wohnungen werden so bis 2020 in der Siedlung geschaffen - 380 allein durch die Aufstockung. "Deutschlands größte Baumaßnahme beim Thema Nachverdichtung", bezeichnet ABG-Chef Frank Junker das Projekt bei einem Rundgang am Montag. "In der Größenordnung hat das noch niemand gemacht."

Frankfurt ist dich besiedelt, Wohnraum ist Mangelware

Ein Konzept, das im dicht besiedelten Frankfurt aber auch bundesweit den dringend benötigten Wohnraum schaffen könnte. In der Platensiedlung und auch bei dem etwas kleineren Projekt in der Spenerstraße am Dornbusch wurden erste positive Erfahrungen gesammelt. Ganz zur Freude der Stadt. "Wir versiegeln keine Flächen, es geht relativ flott, und es fallen keine Bodenpreise an", sagt Planungsdezernent Mike Josef (SPD). Im vergangenen Jahr wurden allein für Dachaufstockungen 450 Baugenehmigungen erteilt.

Am Dornbusch sind mittels Aufstockung zu den 84 Bestandswohnungen, bereits 14 neue Wohnungen dazugekommen. Alles Drei- bis Vier-Zimmer- Wohnungen mit Dachterrasse. Zusätzlich wurde das bestehende Gebäude saniert und mit Balkonen ausgestattet. Begonnen hat der Bau 2017 und wurde Ende 2018 beendet. Etwa 12 Millionen Euro hat der Träger dafür investiert. Eine Mieterhöhung gab es nicht. Die Neumieter zahlen eine Nettokaltmiete von 10,50 Euro pro Quadratmeter.

Die Feldfabrik in der Straße An der Sandelmühle. Hier werden die Module hergestellt. Foto: Rüffer

In der Platensiedlung wurde im Dezember 2018 mit der Aufstockung begonnen. Hierbei wurden vorgefertigte Holzmodule genutzt, die ganz in der Nähe der Siedlung, in einer sogenannten Feldfabrik in der Sandelmühle, zusammengesetzt werden. Die komplett hölzernen Bauteile kommen einzeln dort an, werden am Fließband zusammengebaut, auf Lkw zur Baustelle transportiert und mit einem Kran auf das Dach gesetzt. Die Module sind komplett mit Fenstern, Rollläden, Sanitäranlagen und Heizung versehen. Im Dezember 2018 wurde das erste Modul aufs Dach gesetzt, im Juni können die ersten Mieter einziehen. Auch hier liegt der Quadratmeterpreis bei 10,50 Euro kalt, deutlich unter dem Frankfurter Durchschnitt für Neubau-Erstbezug.

Mieter müssen aber von Anfang an mit einbezogen werden

Junker und auch Tokarski machen jedoch deutlich: Das funktioniert nur, wenn man die Bestandsmieter mitnimmt. Denn diesen wird buchstäblich das Dach über dem Kopf weggerissen. Der Baulärm und der Schmutz seien "eine Zumutung für die Mieter", sagt Junker.

Bei beiden Bauprojekten seien die Bewohner von Anfang an einbezogen worden. Es gab Mieterversammlungen, Sozialarbeiter kümmerten sich um die Bewohner, diese konnten Fragen und Kritik äußern. Auch bei der Gestaltung der Außenflächen konnten die Mieter mitreden. "Diese zwei Jahre Bauzeit waren für die Bestandsmieter alles andere als spannend", sagt Tokarski. "Aber zusammen konnten wir ein Projekt umsetzen, von dem jeder was hat."

Doch so schön diese Lösung für den Wohnungsmangel auch anmutet, fehlerfrei ist sie noch nicht. Was bei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften funktioniert, kann nicht eins zu eins bei Gebäuden in Privateigentum umgesetzt werden. "84 Prozent der Wohnungen in Hessen sind in privater Hand", merkt Nikolaus Jung, Geschäftsführer des Eigentümerverbandes Haus und Grund an. Auch in Frankfurt gehören die meisten Wohnungen Privatpersonen - und die haben beim Thema Aufstockung laut Jung einige Hürden zu bewältigen.

Nachverdichtung: Wohnungsbau am Fließband

Bauvorschriften machen es den Eigentümern schwer. In Frankfurt müsse man zum Beispiel eine Ablöse für Stellplätze bezahlen. Privateigentümer Reinhold Loskarn berichtet von seinen Erfahrungen. Der Familienvater besitzt ein 1903 gebautes Dreifamilienhaus in Nied. Das Dach wollte er zu Wohnraum ausbauen. Jahrelang habe er bei Bauaufsicht und Stadtplanungsamt darum gekämpft, berichtet er. Etwa 8000 Euro für seinen Architekten ausgegeben, doch 2018 wurde der Bauantrag für ihn überraschend abgelehnt. Der Grund: "Die wollten keine Änderung bei der Form des Daches", sagt Loskarn. Stadtrat Josef versprach sich den Fall anzusehen - und Erleichterungen beim Thema Stellplatz-Ablöse.

Die fertigen Module werden auf Lastwagen geladen und auf die Dächer bestehender Häuser aufgesetzt: zwei Module für ein Studentenapartment, drei für eine Zwei-Zimmer Wohnung - Wohnungsbau am Fließband. Fünf bis sechs Module verlassen Tag für die Tag die Fertigungshalle auf der grünen Wiese, elf Tage später hat das Haus aus den 1950er Jahren nicht mehr drei sondern fünf Stockwerke. Für die Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft ABG baut die Münchner Firma Li-Wood in ihrer temporären Fertigungshalle im Stadtteil Heddernheim gerade 1000 Module für die Platensiedlung im Stadtteil Ginnheim. "Das schaffen wir in einem Jahr", sagt Li-Wood-Geschäftsführer Christian Czerny, "schlüsselfertig".

dpa

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