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Georg-Christof Bertsch ist Verkehrs- und Mobilitätsexperte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und wohnt selbst in der Gartenstraße. 

„Dilettantisch gelaufen“

Mainkai-Sperrung und ÖPNV: Mobilitätsexperte stellt Frankfurt schlechtes Zeugnis aus 

Ein Mobilitätsexperte übt starke Kritik an der Mainkai-Sperrung in Frankfurt. Dem ÖPNV in Frankfurt stellt er ein schlechtes Zeugnis aus - und nennt mehrere Gründe. 

Frankfurt - Der Sachsenhäuser Mobilitätsexperte Prof. Georg-Christof Bertsch (60) erarbeitet am Designinstitut für Mobilität und Logistik der Hochschule für Gestaltung Offenbach Konzepte für die Verkehrswende und den Umstieg auf den ÖPNV. Den täglichen Stau vor seiner Haustür in der Gartenstraße, der sich seit der Mainkai-Sperrung verschlimmert hat, beobachtet er mit zunehmendem Argwohn. Redakteurin Stefanie Wehr hat sich mit ihm unterhalten.

In der Gartenstraße staut sich der Verkehr. Ist das schlimmer geworden seit der Mainkai-Sperrung?

Gerade morgens ist der Stau extrem. Dann blockiert der Lieferverkehr, der hier an der Gartenstraße die Supermärkte der Schweizer Straße beliefert, zusätzlich den Verkehr. Die Kreuzung ist völlig überlastet: Straßenbahn, Autos, Fußgänger, Schulkinder, Lieferverkehr. Den Mainkai zu sperren und den Verkehr ausgerechnet hierher umzuleiten, ist ein Unding. Die Ströme der Ostwestverbindungen am Main sind wie zwei kommunizierende Röhren - wenn man eine dichtmacht, läuft die andere über.

Was läuft hier schief?

Man kann eine sehr wichtige Verkehrsachse wie den Mainkai nicht ohne gut begründete Vision dahinter dichtmachen. Die Bürger empfinden die Sperrung als willkürlich. Das hatte Konsequenzen, Bürgerinitiativen gründeten sich. Dieser Konflikt ist vollständig hausgemacht. Das wäre überhaupt nicht nötig gewesen, denn es gibt ja wahrscheinlich einen großen Konsens darüber, dass es sinnvoll ist, die Stadt nach und nach verkehrsberuhigter zu machen.

Die Stadt zielt darauf, dass sich das legt, wie bei der Sperrung von Zeil und Hauptwache auch. Was ist diesmal anders?

Auch bei der Sperrung der Zeil gab es verschiedene Meinungen. Aber im Gegensatz zu heute gab es damals eine öffentliche Diskussion. Beim Mainkai gab keinerlei Bürgerbeteiligung. Es wurde einfach zugemacht und gesagt: Ihr müsst gucken, wo ihr bleibt. Das Ganze ist schlicht und ergreifend dilettantisch gelaufen, in einem Ausmaß, wie man sich das überhaupt nicht vorstellen konnte. Dass sich ein Verkehrsdezernat so verhalten konnte in einer Zeit, in der man ganz genau weiß, wie wichtig Bürgerbeteiligungen sind, verstehe ich nicht.

Mainkai-Sperrung in Frankfurt: „Dilettantisch gelaufen“ 

Am gesperrten Mainkai passiert wenig. Eine kleine Eisbahn, kleine autonom fahrende Testbusse. Dafür den ganzen Verkehrsstau zu riskieren, ergibt keinen Sinn.

Die leere Straße wird tatsächlich nicht benötigt. Die Fußgänger ziehen nach wir vor die Uferpromenade vor. Diese autonom fahrenden Wägelchen, diese Gondeln auf Rädern, das ist erbärmlich. Was mich persönlich daran stört ist, wie billig und stillos das alles ist. Wie un-urban und un-weltstädtisch. Es ist einfach nur provinziell. Das hat nichts mit Frankfurt zu tun.

Gibt es ein gutes Gegenbeispiel aus einer anderen Stadt?

Es gibt Beispiele von gelungenen Umhausungen von Uferstraßen, etwa in Düsseldorf und in Barcelona. Man könnte auch den Verkehr unter die Erde legen. Natürlich ist das eine Investitions- und eine technische Frage. Man könnte das als Plan in Betracht ziehen und sagen, "wir würden das gern machen, wenn wir das Geld hätten". Aber nicht mal das wird gemacht. Es wird einfach nur dichtgemacht. Aber was dabei rauskommt, ist dass die Politiker ihre eigene Glaubwürdigkeit beschädigen. Das ist nicht gut.

Die Politik redet das Ganze klein. Es heißt, es gebe gar keinen Stau, und man regelt hier und da ein paar Ampelschaltungen anders.

Entweder man redet gar nicht über das Problem, oder man redet es klein, oder man zerlegt es in kleine Teile. Dann ist es praktisch nicht mehr verhandelbar. Das Gegenteil wäre richtig gewesen, nämlich ein großes Gesamtkonzept aufzustellen, eine Vision für die Zukunft der Mobilität in Frankfurt. Man hätte viel stärker erklären müssen: Wo wollen wir hin, und was ist der erste Schritt? Man hätte sagen müssen: Als ein Testelement, um eine gut begründete empirische Grundlage zu schaffen, schließen wir den Mainkai. Aber dass in der Gartenstraße etwa systematisch gezählt wird, davon sehe ich nichts.

Viele Befürworter der Sperrung sagen, man muss halt irgendwo anfangen.

Ja, das ist richtig, man muss irgendwo anfangen. Aber man muss dann sehr genau untersuchen, was bei einem solchen Eingriff passiert. Der Bürger muss sehen können, was da erforscht wird. Ich hab davon noch nichts wahrgenommen. Stattdessen werden - wie kürzlich in einem Fernsehbeitrag - Leute befragt, die am Mainkai im Café sitzen und sagen, sie finden die Sperrung gut. Das ist höchst manipulativ. Das ist eine Haltung, die Frankfurt nicht würdig ist. Auf diese Weise erstickt man jedes Interesse an Veränderung im Keim, weil man den Leuten das Gefühl gibt, hier wird sowieso irgendwas gemacht, ohne dass man es versteht.

Experte zu Mainkai-Sperrung in Frankfurt: Abbrechen und neu anfangen 

Die ganze Sache ist wie ein Erziehungsprojekt angelegt. Der Stau soll Pendler zum Umsteigen bringen. Kann das so funktionieren?

Ein interessantes positives Beispiel ist Kopenhagen. Dort wurde über einen Zeitraum von 30 Jahren hinweg der Autoverkehr reduziert, indem man Parkraum jedes Jahr um drei Prozent verringert hat. Kopenhagen wurde zu einer fahrradorientierten Stadt umgebaut. Das ist eine viel lebensnähere politische Strategie, als plötzlich eine wichtige Achse zu schließen. Ich sage gar nicht, dass man keine Straßen sperren soll. Aber nicht so!

Sollte man den Versuch am besten gleich abbrechen?

Ich würde unter den derzeitigen Bedingungen sagen: Abbrechen und noch mal neu anfangen. Die Erziehungsmaßnahme würde sich dann mehr an die städtische Politik richten als gegen die Bürger. Wenn man es noch mal anfängt, dann klar sagen: Wir machen ein Experiment. Es wird Probleme mit sich bringen, vor allem für Sachsenhausen, aber wir erforschen, was passiert. Um dann nach einem Dreivierteljahr mit einem fundierten Bericht zu kommen und ergebnisoffen - das ist ganz wichtig - zur Debatte zu stellen, wie es weitergehen soll.

Was braucht es noch, um den Verkehr zu verringern?

Der ÖPNV, der Fahrradverkehr muss gestärkt und attraktiver werden. Da kommt unser Designinstitut für Mobilität und Logistik ins Spiel, das ich mit Kai Vöckler und Peter Eckhart vor fünf Jahren an der HfG Offenbach gegründet habe. Mit unserem Forschungsschwerpunkt "Loewe" ergründen wir zusammen mit der Frankfurt University of Applied Sciences, der Goethe-Universität und der TU Darmstadt, wie Mobilitätsdesign ein umweltfreundliches Mobilitätsverhalten befördern kann. Wir sind davon überzeugt, dass es eine Frage des Designs ist. So lange sich die Straßenbahn noch nicht so gut anfühlt wie das private Auto, nutze ich das private Auto. So lange die E-Scooter so schlecht geplant sind, dass sie auf den Gehwegen rumliegen, werden auch diese keinen Erfolg haben, sondern Abwehr produzieren.

Was muss besser werden?

Die Autoindustrie hat ihre Fahrzeuge in den letzten Jahrzehnten sehr attraktiv gemacht. Die Leute sind bereit, große Summen dafür auszugeben. Das ist nicht der Fall für den ÖPNV. Mir geht es um einfache Dinge: Sauberkeit etwa der Sitze, Qualität des Materials, Verständlichkeit und Lesbarkeit von Informationen, Behindertengerechtigkeit. Gerade Frankfurt hat da sehr viel nachzuholen.

Mobilitätsexperte: ÖPNV in Frankfurt ist sehr nutzerunfreundlich 

Frankfurts ÖPNV wird von vielen gemieden, vor allem von den meisten Pendlern. Warum ist das so?

Hier ist alles sehr nutzer-unfreundlich. Anderswo kann man in der Straßenbahn Tickets kaufen. Hier wird man, wenn man der Bahn hinterhergerannt ist, drinnen als Schwarzfahrer abkassiert. In Städten wie London gibt es Berater am Schalter, die sucht man hier vergeblich. Warum eigentlich? Es müsste mehr Beratung an Orten im Umland geben, etwa in Gelnhausen, wo die Leute in den ÖPNV des Rhein-Main-Gebiets einsteigen. So kann ich lenken, was in der Innenstadt passiert. Auch der Autoverkehr: Samstags fahren massenhaft Leute aus dem Umland mit dem Auto bis zur Kleinmarkthalle und produzieren riesige Staus.

Es scheint ein kommunikatives Problem zu sein?

Ja, denn es wird die falsche Geschichte erzählt. Diese Themen - Transformation der Innenstädte, CO2-Reduktion, die Situation des ÖPNV - müssen alle zusammen gedacht werden, um dann eine Vision hinzubekommen. In Frankfurt wird das nicht gemacht. Stattdessen werden Probleme in kleinste Einzelteile zerlegt. Wenn ich das mache, kommen am Ende hunderte Kleinstmaßnahmen heraus, wie am Schweizer Platz, wo jeder Zentimeter mit einem Verbotsschild, unzähligen in den Boden geschraubten Plastikpömpeln und Ampeln zugestellt ist. Dabei könnte der Verkehr ohne das alles normal fließen. Ich habe noch nirgendwo anders auf der Welt einen solchen Platz gesehen.

Wie sieht eine gelungene Verkehrsberuhigung aus?

Man muss dafür sorgen, dass es möglichst viele Park+Ride-Parkplätze möglichst weit außerhalb der Stadt gibt, mehr ÖPNV, sprich eine gut getaktete Anbindung. Es war ein großer Fehler, unter dem Goetheplatz ein großes Parkhaus zu bauen. Besser wäre es gewesen, die Standflächen zu reduzieren. In Orléans zum Beispiel ist es schon so: Dort kann man kostenlos das Auto vor der Stadt auf dem P+R stehen lassen, dann fährt man mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Weil es dort nur wenige Parkplätze gibt, ist das Reinfahren mit dem Auto nicht attraktiv - aber es ist möglich, zum Abliefern oder Einladen etwa. Für den Mainkai gab es den Vorschlag übrigens auch, den Verkehr dort nicht zu blocken, sondern ihn auf 15 km/h drosseln. Das wäre eine Variante, wie man übergangsweise diese Straße unattraktiver macht für den Verkehr, sie aber offen lässt.

Für die Schweizer Straße wird 2020 ein Gestaltungswettbewerb ausgeschrieben. Wie finden Sie die Idee, die Straße zu beruhigen, indem man sie zur Einbahnstraße macht - morgens Richtung Stadt, abends in die Gegenrichtung?

Das muss man ausprobieren, etwa drei Monate und den Versuch genau dokumentieren. Und wie gesagt: Die Bürger müssen einbezogen und mitgenommen werden. Die Schweizer wäre ein interessantes Testfeld. Der Schweizer Platz müsste für diesen Versuch zuvor komplett entrümpelt werden: Alle Schilder, Pömpel und Ampeln wegnehmen. Das wurde andernorts erfolgreich ausprobiert, und siehe da, der Verkehr floss besser als vorher.

Besonders zwei Themen beschäftigten die Frankfurter im Jahr 2019: Ein umstrittenes Verkehrsexperiment und Mietärger mit der Vonovia. Ausgang: offen.

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