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Frankfurt am Main - Alt-Sachsenhausen

Ausgehviertel

Die Aufwertung von Alt-Sachs ist ein Marathon – kann sie gelingen? 

Das Ausgehviertel Alt-Sachsenhausen ist seit Jahrzehnten vor allem bei jungen Leuten beliebt, litt aber zuletzt unter Müll, Lärm bis zum frühen Morgen, Junggesellenabschieden und überproportional vielen Shisha-Bars. Die Initiative „AltSaxNeu“ steuert dagegen.

Frankfurt - Dass die Aufwertung unseres Viertels ein Marathonlauf wird, das wussten wir. Aber es ist ein Marathon mit Hürden.“ Frank Winkler, Betreiber des Apfelweinlokals „Daheim im Lorsbacher Thal“ und Mitbegründer der Initiative „AltSaxNeu“, hat einen langen Atem. Die älteren Bewohner des Quartiers und aus der näheren Umgebung schätzen das „Thal“ ebenso sehr wie viele andere Ebbelwei-Lokale im Viertel.

Die Alten gehen aber früher ins Bett als die Jungen. Letztere haben mehr Energie. Und kaufen billigen Alkohol in Kiosken statt brav in Kneipen zu konsumieren, krakeelen am Wochenende bis morgens 5 Uhr auf den Kopfsteinpflastergassen getreu der Devise „sehen und gesehen werden“, gießen sich Gesöff wie den Likör „Ficken“ für 1,50 Euro hinter die Binde, kaufen Pizzen und Döner in den Imbissbuden in der Elisabethenstraße – und werfen den Müll achtlos irgendwohin. Die Müllabfuhr räumt’s ja weg . . . Die Polizei hatte immer wieder mit Messerstechereien und Schlägereien zu tun*.

Initiative zur Aufwertung von Sachsenhausen erhält Unterstützung der Stadt – Schluss mit Müll und Lärm

2018 war’s genug; die Initiative „AltSaxNeu“ aus einigen Gastronomen, Wirten und Kreativen gründete sich. Und erhielt sofort Unterstützung der Stadt in persona Bürgermeister Uwe Becker und Ordnungsdezernent Markus Frank (beide CDU). Ziel: die positiven und urbanen Seiten des Viertels stärken, feiern, aber auch leben, die Apfelweinkultur fördern, aber auch Kinder aufwachsen lassen. Die Akteure Denise Omurca (Hotel, Gastronomie), Uli Schlepper (Eventmanager, Künstler), Jürgen Vieth (Gastronom, Bewohner) und Frank Winkler (Gastronom) schufen als Erstes die Stelle eines „Ortsbürgermeisters“. 

Frank Reichenbacher, Betriebsleiter in Vieths Lokals „Oberbayern“, tourt seither auf 450-Euro-Basis regelmäßig durchs Quartier. Nicht als „Mini-Rambo“, so Frank, sondern als Ansprechpartner für alle. Er meldet Müllprobleme an Behörden, die seine Hinweise ernst nehmen und entsprechend schnell reagieren. Hausbesitzer, so bekannt, wurden motiviert, heruntergekommene Fassaden zu streichen, Blumenkästen aufzustellen, auf schrille Fassadengestaltungen zu verzichten: „Das hat sich gelohnt, wir haben weniger Müll als letztes Jahr“, sagte Winkler. Wer sich engagiert, erhält eine Plakette „AltSaxNeu“ für seinen Betrieb.

Initiative will Apfelweinkultur in Sachsenhausen fördern – Stadt Frankfurt hilft 

Becker lobte die Initiative. Sie sei „keine Eintagsfliege“, sondern an dauerhafter Verbesserung interessiert. Demnächst sollen einige Ampeln an den Quartierszugängen mit „Frau Rauscher“-Motiven“ auf die Apfelweinkultur hinweisen. Frank sagte, die Akteure seien ein „Segen“, weil sie Dinge konkret anpacken, ihr Viertel kennen. Man werde die Shisha-Bars weiter stark kontrollieren, obwohl deren Zahl leicht rückläufig sei. Dort herrschten oft Hygienemängel*, seien Minderjährige anzutreffen, würden Batterien aus Rauchmeldern gedreht, hätten Betreiber „entweder keine Ahnung von Vorschriften oder keine Lust, sie zu befolgen“. Vieth zeigte sich verwundert, welch hohe Mieten einige Shisha-Bars zahlten, obwohl dort erkennbar wenig los sei. Andererseits habe man an einem Juni-Abend 2018 auf den Tischen in der Kleinen Rittergasse fast 50 Shisha-Pfeifen gezählt. 

Erfolgreich gestartete Projekte will die Initiative fortsetzen: Den Weihnachtsmarkt und den Freitagstreff auf dem Paradiesplatz – für den Paradieshof gibt es allerdings selbst nach 16 Jahren Leerstand noch keine absehbare Nutzung, räumte Becker auf Nachfrage ein. Dazu mehr Licht und Bewegungsmelder in dunklen Ecken, mehr Grünpflanzen, eine Plattform für Vermieter, mehr Kommunikation auch auf den Social Media-Kanälen, ein Leitbild, regelmäßige Rundgänge und Ansprache von Bewohnern und Wirten – auch in den Shisha-Bars. Vieth will die Junggesellenpartys in seinem Lokal „Oberbayern“ weiterhin reglementieren. Und die Stadt will jetzt endlich die Bauaufsicht in die Kleine Rittergasse 21 schicken, eines der verwahrlosesten Häuser seit vielen Jahren.

Von Ute Vetter

Kommentar von Ute Vetter: Das Gute beginnt im Kleinen

Etwa 1200 Menschen haben ihren Hauptwohnsitz in Alt-Sachsenhausen, leben zwischen der Paradiesgasse und Elisabethenstraße, am Paradiesplatz, im Abtsgäßchen, in der Großen und Kleinen Rittergasse, im Neuen Wall, der Frankensteiner oder der Dreieichstraße. Die meisten von ihnen schätzen das Quartier, weil es dort (noch) keine Gentrifizierung gibt, weil dort (noch) keine Luxussanierungen alte und ärmere Menschen oder junge Familien in dem Maße vertreiben wie es in einigen anderen Bereichen Sachsenhausen bereits geschieht. Weil es dort lebendig ist. Sie leben im, teils von und mit dem Amüsierviertel. Doch das heißt gerade für Besucher nicht, dass sich jeder dort alles rausnehmen darf, nur weil es keine Sperrstunde gibt; jeder seinen Dreck einfach fallen und alle Manieren fahren lässt.

Die Initiative „AltSaxNeu“ geht die Probleme richtig an: Sie hat sich auf einen Marathon eingestellt, bindet so viele Akteure wie möglich und die Behörden mit ein, ist sich für keine Aktion zu schade, und sei sie noch so klein. Man mag über Plaketten lächeln, doch jeder Samen geht einmal auf. Er muss erst gesät und gewässert werden. Dass die Probleme – verursacht vor allem durch Alkoholmissbrauch, Kleinkriminelle und verblödete Raufbolde (meist Männer, sorry) – nie völlig verschwinden werden, muss man wissen. Aber eine menschliche Gemeinschaft muss nicht alles aushalten.

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