Florian Reineking steht auf dem Paradiesplatz. Der 40-Jährige ist seit 2016 parlamentarischer Schriftführer und Teil der FDP-Fraktion im Ortsbeirat 5. Der Jurist ist zudem Mitglied im Kreisvorstand der FDP Frankfurt. Foto: Boeckheler

Lärm, Müll, Gewalt und Sauf-Touristen

Alt-Sachsenhausen will weg von seinem Ballermann-Image

Alt-Sachsenhausen hat ein schlechtes Image. Damit möchte die FDP im Ortsbeirat nun aufräumen. 

Alt-Sachsenhausen kommt nicht von seinem Ballermann-Image weg. Lärm, Müll, Gewalt und Sauf-Touristen prägen das Bild. Darum machen viele Frankfurter einen Bogen um das Party-Viertel. Initiativen, Gastronomen und Hausbesitzer versuchen schon eine Weile, das Quartier aufzuwerten. Doch dabei muss die Stadt helfen, sagt Florian Reineking, FDP-Mitglied im Ortsbeirat 5 (Niederrad, Oberrad, Sachsenhausen), im Interview mit Judith Köneke. Der Jurist will mehr Kreative ins Viertel holen, den historischen Bestand bewahren und die Apfelweinkultur fördern. Dann komme auch anderes Publikum, ist er sich sicher.

Herr Reineking, sind Sie gerne in Alt-Sachsenhausen unterwegs?

Ich wohne um die Ecke, unter der Woche bin ich schon öfter dort. Abends am Wochenende seltener. Veranstaltungen, bei denen ganz viel Alkohol getrunken wird, sind nicht mein Ding. Aber ich bin gerne in der Bar des Hotels Libertine Lindenberg oder im Veranstaltungshaus "Der Kleine Mann mit dem Blitz".

Viele sagen, das Viertel sei heruntergekommen. Sehen Sie das auch so?

Ja, das stimmt. Ich finde es schade, dass sehr viel Substanz verfällt. Die Stadt hat keine klare Zielvorstellung, wo Alt-Sachsenhausen eigentlich hin soll. Die Frage ist, wie kann man das Viertel aufwerten oder zumindest vor dem weiteren Verfall bewahren. Es zu einem reinen Wohnquartier umzuwandeln, halte ich für keine gute Idee. Ich bin der Meinung, dass es ein Ausgehviertel geben muss in der Stadt, in dem man sich amüsieren und auch nachts laut auf der Straße lachen darf.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren?

Ich habe einen Drei-Säulen-Plan im Kopf. Alt-Sachsenhausen sollte sich erstens der Apfelweinkultur widmen. Die Stadt hat meiner Anfrage zugestimmt, das etwa mit dem Pflanzen von Apfelbäumen zu unterstreichen. Zweitens muss der historische Bestand geschützt werden: Es gibt Reste der Stadtmauer in der sogenannten Dönerkurve an der Elisabethenstraße. Derzeit wird geprüft, ob sie denkmalschutzwürdig sind. Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass es sie gibt. Drittens: Mehr Kreative ins Viertel holen.

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Könnte die Ansiedlung von Ateliers und Kreativen wirklich das Viertel aufwerten?

Ich denke schon. Viele Künstler, die an der Städelschule oder der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG) studiert haben, ziehen weg, weil sie in Frankfurt keine bezahlbaren Räume finden. Die könnten sich hier ansiedeln. Ich denke da an die Entwicklung des Bahnhofsviertels. Vor 15 Jahren hat niemand gedacht, dass dort eine Aufwertung möglich wäre. Dass das gelungen ist, lag sicher auch an ansässigen Institutionen wie der Basis. Auch in Alt-Sachsenhausen gibt es ja bereits einen kreativen Nukleus. Das halte ich für einen Ausgangspunkt, den man fördern kann. Wünschenswert wäre auch, wenn die School of Design endlich in den Paradieshof einziehen würde.

Viele Lokale und Wohnungen stehen leer, muss die Stadt hier eingreifen?

Ja. Für viele Immobilienbesitzer lohnt es sich, nur das Erdgeschoss zu bewirtschaften, was mit den oberen Etagen passiert, ist ihnen wohl egal. Die Stadt muss Rahmenbedingungen schaffen, die es lohnend machen zu investieren.

Immer wieder gab es den Vorschlag, Junggesellenabschiede zu verbieten oder eine Sperrstunde einzuführen, um vom Ballermann-Image loszukommen. Halten Sie das für eine gute Idee?

Nein, auch wenn ich natürlich das Problem sehe: Reiner Sauftourismus verschlechtert das Image des Viertels. Aber ich denke, es gibt keine rechtliche Möglichkeit, Junggesellenabschiede zu verbieten. Und eine Sperrstunde würde alle treffen, auch die, die in einem Keller lärmgeschützt eine Party veranstalten. Das möchte ich nicht. Wenn das Viertel für gemischteres Publikum attraktiv wird, dann ändert sich auch der Charakter. Das halte ich für sehr viel zielführender als eine Sperrstunde.

Und wie könnte das Quartier für anderes Publikum attraktiv werden?

Neben dem Weihnachtsmarkt und dem Freitagsmarkt ließe sich ein Stöffche-Fest veranstalten. Am Rossmarkt gibt es ja schon ein Apfelweinfest, was sehr kommerziell ist. Hier könnte man das ganze sehr viel kleiner und mit mehr Charme anbieten. Und wenn Apfelbäume gepflanzt sind, ein Apfelblütenfest feiern. Solche Aktionen könnten dazu führen, dass mehr Frankfurter nach Alt-Sachsenhausen kommen.

Ließen sich damit auch Probleme wie Lärm, Dreck und Gewalt beheben?

Ich glaube schon. Mit mehr Straßenreinigung und noch mehr Polizei bekämpft man nur die Symptome. Aber wichtiger wäre zu schauen, wo die Ursachen dafür liegen. Wenn man Alt-Sachsenhausen besser an den Stadtteil und Frankfurt anbindet, ändert sich das Publikum und die Probleme werden weniger.

Wer muss dafür zusammenarbeiten?

Es gibt hier ja Stadtentwicklung von unten, Menschen, die Ideen haben und diese umsetzen wollen. Etwa die Initiative Alt-Sax-Neu, Gastronomen und Geschäftstreibende. Aber die Stadt muss zusätzlich einen Masterplan für das Viertel ausarbeiten.

Kann die Stadt noch mehr machen?

Auf jeden Fall. Ein Problem ist auch, dass man nur ganz schwer vom Mainufer, wo viele Menschen flanieren, nach Alt-Sachsenhausen kommt. Andere Altstädte wie Düsseldorf oder Steinheim bei Hanau haben eine direkte Verbindung zum Fluss. Man könnte ein Tor für Alt-Sachenhausen schaffen, etwa, indem man die Alte Rittergasse bis zum Tiefkai verlängert. Wichtig wäre auch, einen leichteren Zugang zur Dreieichstraße zu schaffen. In der Nähe ist ja das Deutschherrnufer und das Florentinische Viertel, aber die wenigsten Bewohner sind oft in Alt-Sachsenhausen. Wenn es einen Fußgängerüberweg gäbe, könnte sich das ändern. Und ich hoffe, dass durch die Verbreiterung der Bürgersteige an der Elisabethenstraße auch mehr Menschen vom Brückenviertel auf die andere Seite gehen. Alt-Sachsenhausen ist eine Insel. Darum muss man Brücken schlagen.

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