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Voller Leidenschaft für seine Eintracht und seine Band Tankard: Andreas "Gerre" Geremia.

Der rote Faden

Andreas "Gerre" Geremia von Tankard: Der Eintracht-Barde aus Frankfurt

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Der rote Faden „Schwarz-Weiß wie Schnee…“ Wenn Andreas Geremias Stimme durchs Stadion hallt, gibt’s kein Halten mehr. Der Sänger der Heavy-Metal-Band Tankard lebt und leidet mit der Eintracht. Ihm widmen wir Folge 282 der Serie „Der rote Faden“, in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Frankfurt - Er muss doch erklären können, was mit diesem Rätselwort gemeint ist. Diesem Wort in diesem Lied, das bei jedem Heimspiel der Eintracht durchs Waldstadion, wie die Commerzbank-Arena für die wahren Fans auf ewig heißen wird, donnert. Ja, donnert, weil es mit dröhnenden Gitarren und treibendem Schlagzeug, mit rasendem Tempo und seiner ekstatischen Stimme aus den Lautsprechern krawummt, dass es eine höllische Freude ist. "Schwarz-Weiß wie Schnee, das ist die SGE..." Seit Jahrzehnten singen es die Fans genau so, und seit dreizehn Jahren singen sie es bei jedem Heimspiel zur Musik von Tankard, der Frankfurter Thrash Metal Band, deren Sänger Andreas Geremia für alle nur der Gerre ist, Gerre, der Tankard-Sänger, der Eintracht-Fan, der Frankfurter Junge. "Schwarz-Weiß wie Schnee..." Schnee?

Irgendwann im Internetzeitalter ging es los, dass sich vor allem alte Eintracht-Fans über dieses rätselhafte Wort wunderten und sich über einen angeblichen Hörfehler wahlweise amüsierten oder mokierten. In seinen Anfängen, so berichteten sie, habe der Text auf Gut-Frankforterisch "Schwarz-Weiß, wie schee", also "wie schön" gelautet. Irgendwann muss das jemand im G-Block, der Stehtribüne für die Hartgesottenen im alten Waldstadion, eben falsch verstanden haben. Fortan sangen und singen sie bis heute von der SGE und dem Schnee, und sie tun das lauter und mitreißender denn je, seit Tankard Sound und Rhythmus vorgeben und Gerre qua Stimme so etwas wie die innere Haltung. Der stämmige Mann mit der lockigen Hardrock-Mähne singt es nicht, er schreit es raus aus tiefstem Herzen, wie eine höhere Wahrheit. "Schwarz-Weiß wie Schnee".

Aber nun, Schnee oder schee? Wenn es einer wissen müsste, dann er. Dieser Gerre also sitzt an einem Abend wie an vielen Abenden seines Lebens im Backstage, der Eintracht-Kneipe im Nordend, und spricht zum Rätselwort seine Weisheit gelassen aus: "Ist mir doch völlig egal."

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Das wäre geklärt. Und überhaupt: "Schwarz-Weiß wie Schnee" in der Version Tankards passt so oder so zu dieser Stadt, zu diesem Verein. Hart, aber herzlich, das fällt einem phrasenhaft ein, weil es hier mal stimmig ist. Es passt so gut wie dieser auf einem leicht angestaubt klingenden Klavier gespielte Walzer, zu dem der Polizeichor Frankfurt im Brustton der Überzeugung sein Eintracht-Lied "Im Herzen von Europa" zum Besten gibt. Die Aufnahme, die ebenso vor jedem Heimspiel aus Lautsprechern und 50 000 Kehlen ertönt, stammt aus dem Jahr der einzigen Meisterschaft, 1959. Und all das zusammen ergibt eben Frankfurt, ergibt die Eintracht, ein gemeinsamer Nenner von Männergesangsverein und Schwermetall, von Liedgut und Getöse.

Es ist kein Zufall, dass die Eintracht selbst in schwersten Zeiten ihre Gemeinde mit einer Art Gesangsbuch für alle Zeiten, Moden und Gefühle auf den treuen Verbund einschwören wollte. 1999 war der Verein 100 Jahre alt geworden und rief lokale Künstler, ja eigentlich jeden auf, ein Demoband mit einem Eintracht-Lied zu schicken. Drei Jahre zuvor war die Eintracht zum ersten Mal abgestiegen, 1999 rettete sie sich auf wundersame Weise mit jenem legendären Fjörtoft-Übersteiger zum 5:1 gegen Kaiserslautern. Andreas Geremia, den alle nur Gerre nennen dürfen und der, nennt man ihn aus Versehen mal Andreas, darauf reagiert wie auf einen peinlichen Kosenamen, ist in der allerhärtesten Zeit der Eintracht Mitglied geworden. Januar 1997 war das. Die Mannschaft stand am Abgrund, der Sturz in die Drittklassigkeit drohte. Gerre bekannte sich, gegen den Trend, viele taten das damals. Aus einer Art Trotz ist eine Fankultur entstanden, auf die nicht erst seit dieser Euro-League-Saison manche anderen neidvoll blicken. Trotz. Irgendwie klingt auch der durch, wenn Tankards "Schwarz-Weiß wie Schnee" über die Ränge dröhnt. Bessere Stimmung als im Waldstadion? Die ist schwer zu finden. Das nun kann Gerre überzeugt bezeugen. Auf vielen Auswärtsspielen ist er dabei, im Bus der Geiselgangster, wie sich jene Fangruppe nennt, die ihr Banner bei jedem Spiel am Zaun weithin sichtbar ausbreitet und bei dessen Ansicht man sich immer fragt, was das bedeuten soll: "Geiselgangster". Da nun kann Gerre weiterhelfen. Als sie die Bus-Gruppe gründeten, er und einige andere, da hieß einer von ihnen mit Namen Rösner. Wie eben einer der beiden Geiselgangster von Gladbeck. Das also wäre geklärt.

Europatournee

In diesem Jahr war Gerre auf Europatournee mit seiner Eintracht, überall war er - außer natürlich beim Geisterspiel in Marseille. In Rom, auf Zypern mit Badeurlaub, in Mailand, in Charkow (fünf Stunden Zugfahrt von Kiew), in Lissabon ("Da ist zehn Minuten vorm Anpfiff das Stadion noch leer") und, logisch, bei Chelsea London, seiner England-Premiere. "Da sind die Fans sofort nach dem Elfmeterschießen gegangen, und die Mannschaft von Chelsea in der Kabine verschwunden." Aber der Gerre hat es genossen, all diese Triumphe und dieses Drama am Ende. "Eigentlich finde ich die Europa League viel besser als die Champions League", sagt er. "In der Champions League verlieren wir, werden Gruppenletzter, und das war's dann."

Vielleicht redet er sich das schön. Eintracht-Fans reden, beten und machen sich zurzeit einiges vor. Sie fahren ja heute nach München, der Gerre und die Geiselgangster, weil doch alles möglich ist bei dieser Mannschaft, Champions League oder nur geplatzte Träume. An diesem Abend im Backstage, im Wohnzimmer der Eintracht-Fans, wo selbstredend jeder jeden kennt, fliegen bald atemberaubende Zahlenspiele durch die rauchgeschwängerte Luft. "Wenn wir nach fünf Minuten 1:0 führen..." "...und dann haut der Jovic einen rein..." "Hauptsache nicht 0:8 verlieren", sagt der Gerre und phantasiert im nächsten Moment das glückliche Siegtor in letzter Sekunde. "Man leidet schon viel als Eintracht-Fan", sagt er.

1999 also, als die Eintracht zu Demobändern für eine CD mit Fanliedern aufgerufen hatte, überzeugte Gerre seine Bandkollegen, reimte noch einige Zeilen dazu, und bald entstand im Studio Tankards Urversion von "Schwarz-Weiß wie Schnee". Der Song erschien auf der CD, weiter passierte nichts. Bis im Jahr 2006 beim Halbfinale des DFB-Pokals gegen Bielefeld plötzlich der Song im Stadion gespielt wurde, einfach so, völlig unvermittelt. Gerre war da, natürlich war er da, und hörte und staunte - "und dann hatte ich Tränen in den Augen". So begann es mit Tankard und der Eintracht und den Fans und diesem Lied...

"Wir haben die Eintracht im Endspiel geseh'n mit dem Jürgen, mit dem Jürgen / Sie spielte so gut und sie spielte so schön mit dem Jürgen Grabowski..." So heißt es darin. Jürgen Grabowski hängt heute fast lebensgroß im Raucherraum des Backstages, als Sinnbild der glorreichen Zeiten. Meister ist auch er nicht geworden, aber die ersten beiden Pokalsiege hat er 1974 und 1975 mit der Eintracht errungen. Sieben und acht Jahre war Gerre damals alt, im Gallus und in Nied ist er aufgewachsen, der Vater, ein Italiener, der bei British Airways arbeitete, nahm ihn irgendwann 1975 mit ins Stadion. 2:1 gegen Schalke. Gerre war infiziert. Das andere Virus hat er sich Ende der 70er Jahr eingefangen, AC/DC, Livealbum. Hardrock, Heavy Metal. Metallica hörte er, Iron Maiden hörte er, an die 5000 Platten und CDs haben sich bei ihm zu Hause in Rödelheim, wo er seit Jahren wohnt, angesammelt.

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An Ostern 1982 gründeten er und sein Schulfreund seit der ersten Klasse, Frank Thorwarth, Bassist, mit drei Freunden und Mitschülern vom Goethe-Gymnasium ihre Band. Begeistert waren die Eltern nicht. "Für mein Vater klingt Heavy Metal, als würde ein Güterzug entgleisen." Sein Schulfreund der ersten Stunde ist bis heute dabei, dreimal wechselte die Besetzung, inzwischen sind es 20 Jahre, die sie in gleicher Formation spielen.

Der Bierkrug

Tankard nennen sie sich, Tankard ist Englisch und bedeutet Bierkrug. Der Name ist oder war Programm. Alkohol, Rausch und Exzess feierten sie in ihren Songs, Alcoholic Metal nannten sie das ironisch und überdeckten damit auch selbst, dass sie auch zu ernsten Themen texteten. Vom "Syrian Nigthmare", vom syrischen Albtraum handelt eine Nummer auf dem jüngsten Studioalbum von 2017. "One Foot In The Grave", heißt es, es ist ihr siebzehntes. Die für den Rock'n'Roll typisch romantische Anspielung an ein Leben am Abgrund ist Koketterie, "vielleicht heißt das nächste Album ja ,One foot out of the Grave'", sagt Gerre, Fuß wieder raus aus dem Grab.

Aber klar ist auch: "Das alles bleibt nicht in den Knochen stecken", sagt Gerre. Wie aufgedreht wirbelt er zuweilen über die Bühne, das Gewicht seines Körpers tut sein übriges, bei den Weight Watchers, "bei meinen Hausfrauen", kämpft er gegen die Pfunde. "Ich muss da mal wieder hin." Bei einem Konzert hat er sich das Kreuzband gerissen, "das Knie zerschmettert", sagt er. Er hat weitergemacht und am nächsten Tag geheult vor Schmerzen. Meniskus, Arthrose, Knorpelschaden zwingen ihn zudem zur Entschleunigung. Vor Konzerten trinkt er keinen Alkohol mehr. Manchmal, wenn sie auf Konzertreisen sind wie unlängst in Brasilien, Paraguay und Chile, sind neben der Eintracht auch bei ihnen die vorherrschenden Themen die Familien, die Kinder, der Beruf. 30 bis 35 Konzerte geben sie pro Jahr, in Europa waren sie bald überall, in Australien, in Thailand waren sie, auf bald allen großen Festivals wie dem legendären in Wacken spielen sie. Viel sehen tun sie nicht, Flughäfen nur, Autobahnen, Hotels, Hallen... Bill Wyman von den Rolling Stones hat mal gesagt, ein Leben als Rockmusiker sei fünf Prozent Abenteuer und 95 Prozent Langeweile. "Ständige Warterei", sagt Gerre. Da ist viel Zeit, über Familie zu reden, über Alltagsdinge, über Fußball.

"Eigentlich finde ich die Europa League viel besser als die Champions League." 

Eine Familie hat Gerre nicht, "es hat sich einfach nicht ergeben", sagt er. Er mag Kinder, er war Zivildienstleistender in einer Kita. Er hat studiert, Politik, und wieder aufgehört. Bei der Post hat er gejobbt, von Tankard leben wollten sie alle nicht, "wir wollten unabhängig sein", sagt er, "nicht alles mitmachen müssen". Sie könnten von der Musik leben, wenn sie wollten, mehr Konzerte geben. Die Heavy-Metal-Fans sind treu, mit manchem Album landen Tankard in den Charts weit oben, "wir waren in all den Jahren nicht einen Tag weg vom Fenster", sagt Gerre. "Aber wer weiß, was morgen ist."

Mit 29 begann er ein zweites Studium. Sozialarbeit. Er hatte in einem Konsumraum der Integrativen Drogenhilfe in der Moselstraße ausgeholfen, deshalb das Studium, dieses Mal mit Abschluss. Seit damals arbeitet er im Konsumraum, seit gut 25 Jahren, mittlerweile in der Niddastraße, umgeben von Spielhallen, von luxussanierten Wohnhäusern, in direkter Nachbarschaft zu einem Hotel. "Ein Hotel", sagt er wie einer, der sich über nichts mehr wundert. Er sieht Leute an Drogen kaputt gehen, die, denen man helfen kann, die man in Therapien unterbringt, sieht man irgendwann nicht mehr. Die Zusammenarbeit zwischen Sozialarbeitern und Polizei sei besser geworden, sagt er, "jede Seite weiß, dass sie ohne die andere Seite nicht kann". Aber solange Drogen nicht reguliert verkauft und vergeben werden könnten, spiele man den Dealern in die Karten, werde es Beschaffungskriminalität geben. Seit 2009 leitet Gerre den Konsumraum in der Niddastraße, selten nur ist er noch unten bei den Abhängigen, meistens macht er Papierkram, organisiert, administriert.

"Sturm der Liebe"-Fan

Nach Feierabend verlässt er das Bahnhofsviertel, "ich trenne Beruf und alles andere komplett", sagt er. Tankard, die Eintracht, da bekommt er den Kopf frei - und oft mit einer ungeahnten Leidenschaft. Er schaut "Sturm der Liebe" mit Hingabe, eine ARD-Seifenoper mit mehr als 3000 abgedrehten Folgen. Er hat sogar mal mitspielen dürfen, nachdem er sich in einer Heavy-Metal-Zeitschrift als Fan geoutet hatte; im Backstage haben sie danach sogar eine "Sturm der Liebe"-Party geschmissen, er, der Gerre, war zur Feier des Tages im weißen Anzug erschienen.

"Man muss selbst ein bisschen wahnsinnig sein, um sich in diesen Wahnsinn zu begeben", sagt er. Zugegeben. Er meint damit nicht "Sturm der Liebe", er meint seine Drogenarbeit im Bahnhofsviertel. Eine Supervisorin hat mal zu ihm und seinen Kollegen gesagt: "Es hat schon Gründe, warum ihr hier seid."

Das könnte überhaupt die Überschrift für sein Leben sein. Mit Tankard auf Tour, mit der Eintracht auf Tour. Bei den Pokalendspielen in Berlin 2006, 2017 und 2018 haben sie ihr Lied gespielt, selbst Dortmund-Fans waren begeistert. Eintracht-Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing sagte mal, ihn hätte es vor Begeisterung fast aus der Ehrenloge katapultiert. Für Gerre, wie ihn alle nennen, wäre die VIP-Loge nichts. Er ist Eintracht-Mitglied auf Lebenszeit, er könnte sich doch Vorteile verschaffen. Oder? Da verzieht er das ohnehin verknautschte Gesicht, in dem die Nase eines geschlagenen Boxers thront.

Es hat schon Gründe, warum er dort ist, wo er ist. Wo er sich zugehörig fühlt, ist die Loge fern. Gegentribüne Block 32 B, da hat er seine Dauerkarte. Er werde sie bis an sein Lebensende haben, sagt er. Genauso wie er Musik machen wird, solange es geht, auf Konzertreisen gehen wird, solange es geht, zu Auswärtsspielen reisen wird in Deutschland und, die Hoffnung stirbt ja zuletzt, in Europa, solange es geht. Wer viel unterwegs ist, braucht einen Ort zum Heimkommen, heißt es. Er könnte woanders als in Frankfurt nicht leben, sagt Gerre, "das große Dorf, das ist genau richtig". Zuverlässigkeit, Vertrautheit, das sind die Dinge, die ihm wichtig sind, sagt er einmal an diesem Abend im Backstage, als es um Werte gegangen ist und die Frage, ob er, der ausgesucht Höfliche und Freundliche, nicht ganz eigentlich ein eher ruhiger, sanfter Typ sei. Da war er etwas irritiert, widersprochen hat er nicht. Und als es spät geworden war und er sich verabschiedete und die Wirtin umarmte, da strich ihm die Wirtin über die Wange und sagte: "Mach's gut, mein Schatz."

Der rote Faden "Schwarz-Weiß wie Schnee..." Wenn Andreas Geremias Stimme durchs Stadion hallt, gibt's kein Halten mehr. Der Sänger der Heavy-Metal-Band Tankard lebt und leidet mit der Eintracht. Ihm widmen wir Folge 282 der Serie "Der rote Faden", in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten. Von Mark Obert

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Das ist Ralf Holl, der Musik-Mann bei Eintracht Frankfurt

Er produziert Fan-Songs, stellt CD-Compilations zusammen und legt bei Heimspielen im Stadion auf: Ralf Holl ist der Mann für den Sound bei Eintracht Frankfurt. Ohne ihn würde es vielleicht die SGE-Hymne "Schwarz-Weiß wie Schnee" von Tankard nicht geben. Als DJ machte er sich in den 1980er Jahren in Clubs wie dem Dorian Gray und der Music Hall einen Namen.

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