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Die Notaufnahme im Klinikum Höchst. Hier herrscht ganz normaler Alltag, wie auf dem Archiv-Bild zu sehen.

Ein Klinikbesuch

Alltag am Klinikum Höchst geht weiter - Aufarbeitung nach Psychiatrie-Skandal schwierig

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Während die Psychiatrie des Klinikums Höchst um ihren Ruf kämpft, herrscht auf anderen Stationen Alltag, als wäre nichts geschehen. Ein Klinikbesuch.

Frankfurt - Ruhe? Ja, sagt Margarete Wiemer, die Betriebsratsvorsitzende des städtischen Klinikums Höchst, hält kurz inne – und wiederholt entschieden: „Doch, es ist wieder Ruhe eingekehrt.“ Ein Pfleger, der seinen Namen nicht nennen möchte, sagt das auch. Nicht in der Psychiatrie, die seit jenem Empörung auslösenden RTL-Fernsehbericht Mitte März im Kreuzfeuer der Kritik steht, arbeitet er, aber er kennt die Kolleginnen dort gut. „Die sind alle sehr humanistisch eingestellt. Und fünf aktuelle Absolventinnen unserer Pflegeschule haben die Psychiatrie als Wunscharbeitsplatz angegeben.“ Eine Pflegerin gibt ebenfalls nur anonym Auskunft. „Auf jeder Psychiatrie könnte man solche Bilder heimlich filmen“, sagt sie. „Es gibt einfach zu wenig Personal.“ Und wie haben die Patienten anderer Stationen reagiert auf den Skandal? „Gar nicht“, sagt der Pfleger. „Das ist kein Thema“, sagt die Pflegerin.

Klinikum hat Fehler gemacht

Wenn das so ist, betrifft der Fall der Höchster Psychiatrie offenbar nur jene, die mit ihr zu tun haben. Einige Ex-Patienten haben sich mit bedrückenden Erfahrungsberichten aus Höchst an diese Zeitung und andere Medien gewandt. „Klar, da werden auch Fehler gemacht“, sagt der Pfleger, „aber andererseits weiß man nie, ob ein Mensch in einer psychischen Krise eine Situation so wahrnimmt, wie sie wirklich ist.“

Die zentrale Person, die über Wahrnehmungen und Wirklichkeit Auskunft geben könnte, schweigt öffentlich. Dr. Michael Grube, der Chefarzt der Psychiatrie, ist entgegen der Verabredung abwesend an einem Abend im April, als erklärt und eingeordnet werden soll. Dabei ist es er, auf dem seit drei Wochen die Vorwürfe vor allem lasten. „Wir haben entschieden, dass es so besser ist“, sagt Dr. Dorothea Dreizehnter, die Geschäftsführerin des Klinikums. Im Konferenzraum sitzt sie zum Gespräch mit dieser Zeitung und ringt um und mit Worten. Von Missständen, unhaltbaren Zuständen, von Verwahrlosung und Herablassungen ist seit der Ausstrahlung des Wallraff-Reports am 18. März zu lesen und zu hören. Dreizehnter spricht lieber von Handlungsfeldern, von Analysephase, allein 18 Fixierungsprotokolle würden ausgewertet. „Was es zu verbessern gibt, werden wir verbessern“, sagt sie allgemein. Noch wisse ja niemand, was auf der Akutstation D42 geschehen sei. „Es ist jedenfalls nicht unser Stil, vorab über Mitarbeiter zu urteilen.“ Einseitig sei der RTL-Bericht gewesen, quotenträchtig. Dorothea Dreizehnter sagt: „Wir wollen herausfinden, was wirklich passiert ist.“

Die Strapazen dieser Wochen sind ihr anzumerken. Zu diesen Strapazen gehört ein Dilemma: Wie soll Transparenz mit Intransparenz hergestellt werden? Alles, was sie zur Psychiatrie sage, zu im Fernsehen gezeigten Patienten auch, könne falsch interpretiert werden, könne zu Missverständnissen führen. „Dr. Grube verfolgt da ein anderes Konzept“, sagt sie einmal auf die Frage, weshalb auf der Akutstation Schwerstdepressive mit Psychotikern konfrontiert seien, ruhebedürftige Patienten mit aggressiven. Von diesem Konzept wüsste man gerne mehr vom Chefarzt, zumal bereits vor drei Jahren auch der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Hessen den Höchstern empfohlen hat, Krankheitsgruppen bedarfsgerecht zu trennen. „Wir werden das jetzt räumlich entzerren“, sagt Dorothea Dreizehnter.

Ende März hatte die Geschäftsführerin bei einer Pressekonferenz im Landtag noch eine Transparenzoffensive angekündigt. Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) saß neben ihr und versprach Aufklärung und Konsequenzen; Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) saß neben ihr und versprach Aufklärung und Konsequenzen. Im Landesparlament und in der Stadtverordnetenversammlung fordern alle Aufklärung und Konsequenzen – vom Klinikum, von Gesundheitsdezernent Majer und Sozialminister Klose.

auf Akutstation ist alles bestens

Unlängst hat das Frankfurter Gesundheitsamt die Hygiene auf der Akutstation untersucht. Alles bestens, heißt es. Es heißt auch, das Reinigungsteam einer Fremdfirma arbeite nun intensiver – „mit Akuteinsätzen bei Dringlichkeit“, sagt Dorothea Dreizehnter. Auch die Fachaufsicht des Sozialministeriums hat die Psychiatrie begutachtet. Alles bestens, heißt es. Die Kontrolle sei angekündigt gewesen, heißt es aber auch, das Klinikum habe eilig besonders schwierige Patienten auf die D43 verlegt. Dorothea Dreizehnter widerspricht dieser Darstellung. Bei der Pressekonferenz im Landtag hatte sie versprochen, dass sich jeder Journalist ein eigenes Bild von der Psychiatrie machen könne. Nun bedauert sie. Vorschnell sei das gewesen, „das käme ja einer Vorführung der Patienten gleich“.

Der Gedanke dient zwar nicht der Offenheit, aber er ist nachvollziehbar. Auf der Akutstation, wo Notfallpatienten aufgefangen werden, ist Behutsamkeit oberstes Gebot. 25 Betten gibt es auf der D42, nicht selten ist sie überbelegt. Höchst ist ein Grundversorger für 200 000 Menschen, und in Frankfurt wie in allen Metropolen nehmen psychische Krisen zu und werden härter. Von der Arbeitswelt Abgehängte, Suchtkranke und depressive Menschen mit beginnender Demenz verdeutlichen: Das soziale Gefälle und die älter werdende Gesellschaft fordern ihren Tribut. „Und wir lassen niemanden auf der Straße sitzen“, sagt Dorothea Dreizehnter.

Aber was bedeutet das im Klinikalltag? Psychiatrie-Chef Grube könnte davon erzählen. Davon auch, wie man mit einem gesetzlich vorgegebenen Personalschlüssel aus den 80er Jahren und ständigem Effizienzdruck die Anforderungen der Gegenwart stemmen soll? In einem mehr als 30 Jahre alten Gebäude zumal, das zeitgemäßen Standards Hohn spottet. Wenn Experten gebetsmühlenartig von der Politik fordern, Psychiatrien besser auszustatten, meinen sie besonders auch Einrichtungen wie Höchst.

Frage: Frau Dr. Dreizehnter, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, den Ball an die Politik zurückzuspielen? „Nein“, sagt sie, „das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.“

Margarete Wiemer, die Betriebsratsvorsitzende, sieht das anders. Leistungsgrenzen und Mängel seien politisch gemacht, sagt sie. Höchst erfüllt die nach Psychiatrie-Personalverordnung berechnete Stellenanzahl zu 98 Prozent. „Das genügt nicht mehr“, sagt Wiemer. Früher hat sie selbst lange Zeit in der Psychiatrie gepflegt und ist sich sicher: „Es gibt keine Höchst-spezifischen Probleme.“ In allen Akutstationen sei es hin und wieder schmutzig, weil niemand es schaffe, den Patienten hinterher zu putzen. Aber Hygienemängel? Fäkalien? Nicht in Höchst. Hin und wieder lägen Patienten auf dem Flur. Überbelegungen seien nicht zu verhindern. Aber Dauerzustand? Nicht in Höchst! Unter hohem Stress stünden Pfleger und Ärzte oft, entsprechende Überlastungsanzeigen lägen dem Betriebsrat vor. Aber deshalb fielen da nicht ständig Visiten und Therapiestunden aus und herrsche auch kein rauer Umgangston. Gleichwohl betont die Betriebsratsvorsitzende, wie wichtig eine lückenlose Aufklärung sei.

Klinik-Chef schweigt

Hört man sich in diesen Tagen im städtischen Klinikum in Höchst um, erhält man ein Bild von Psychiatrie-Chef Dr. Michael Grube, das nicht in Einklang zu bringen ist mit den Missständen und Sorglosigkeiten, die der Wallraff-Report suggeriert. Als kompetent wird er beschrieben, als ein Mann mit hohem Ethos. Unlängst hat ein ehemaliger Patient in einem Brief an diese Zeitung davon berichtet, wie unermüdlich sich Grube für seine Patienten aufopfere, von früh morgens bis spät abends. Die Betriebsratsvorsitzende sagt, sie könnte verstehen, dass er öffentlich nichts sagt. Ob er sich Schweigsamkeit auferlegt hat oder die Leitung ihm, weiß sie nicht. Wie es für ihn weitergeht? Margarete Wiemer will da nicht spekulieren.

Das wenige Konkrete, mit dem Geschäftsführerin Dreizehnter zurzeit im Sinne der Aufklärung öffentlich aufwarten will, hat mit ihrem Renommierprojekt zu tun, den Neubauten. Das Klinikum stellt sich buchstäblich neu auf; die Psychiatrie allerdings ist in einen späteren Bauabschnitt geschoben worden. Das Land verteilt die Mittel auf Jahre. Bis die Psychiatrie ein würdiges Umfeld erhält, werden noch viele seelisch Kranke im tristen Altbau ausharren müssen. „Vor 2025 wird das nichts“, schätzt die Betriebsratsvorsitzende Wiemer bedauernd. Es gebe Chancen, noch etwas zu verändern, sagt Geschäftsführerin Dreizehnter. Womöglich hat der Wallraff-Report die Prioritäten verschoben. Man schaut jetzt auf die Psychiatrie.

Einer, der das nun als eine Art Chef-Untersucher tun soll, ist der Psychiater Hans-Joachim Kirschenbauer. Land und Stadt haben ihn ausgewählt, es heißt, das Klinikum habe die Wahl begrüßt. Kirschenbauer kennt die Psychiatrie in Höchst, er hat da mal gearbeitet. Sein Vorgesetzter war Dr. Michael Grube, der Psychiatrie-Chef, der schweigt.

Falsche Strategie, wenig Aufklärung: Ein kommentiertes Fallbeispiel

Kurz nach der Ausstrahlung des RTL-Wallraff-Reports, der im Januar 2018 gedreht worden war, teilte das städtische Klinikum Höchst mit, auch gezeigte Einzelfälle aus der Psychiatrie-Akutstation D42 eingehend zu prüfen und Ergebnisse zu präsentieren. Besonders viel Empörung löste der Fall eines fixierten Patienten aus.

Darstellung im TV-Bericht: Der Wallraff-Report zeigt, wie ein angeblich harmloser Patient überwältigt wird – angeblich nur deshalb, weil er einer Pflegerin die Medikamente aus der Hand wischte. Danach sei der Patient sieben Tage lang ans Bett fixiert gewesen.

Stellungnahme des städtischen Klinikums Höchst: Der Fall dieses Patienten sei im TV-Bericht nicht korrekt dargestellt worden. Der Patient sei ohne Einnahme von Medikamenten als hochgefährlich für andere, also fremdgefährdend eingestuft worden (in Deutschland dürfen im Gegensatz zu etwa Großbritannien Medikamente nicht unter Zwang verabreicht werden, Anm. d. Red.). Mehr sagt Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter nicht – mit Hinweis auf Datenschutz und Schweigepflicht.

FNP-Kommentar: Öffentliche Aufklärung kann nur bedeuten, dass die Patientenakte vorgelegt wird. Würden dafür alle personenbezogenen Informationen geschwärzt, bliebe der Datenschutz gewahrt. Psychiatrie-Chef Dr. Michael Grube müsste anhand der Patientenakte seine Entscheidungen darlegen. All das geschieht nicht.

Eine weitere Stellungnahme des Klinikums zu diesem Fall: Der Wallraff-Report zeige für die Fixierung des Patienten entscheidende Szenen nicht. So sei der Patient verbal eskaliert und habe gedroht. Versuche des Personals, deeskalierend auf ihn einzuwirken, seien fehlgeschlagen. Szenen, die dies belegen würden, seien für den TV-Bericht einfach rausgeschnitten worden.

FNP-Kommentar:  Um diesen Vorwurf gegenüber dem Wallraff-Team zu untermauern, müsste das Personal mit eidesstattlichen Versicherungen die Version des Klinikums bestätigen. Offenbar ist das bislang nicht geschehen.

Weitere Stellungnahme des Klinikums zu diesem Fall:  Das Klinikum habe in keiner Weise gegen das hessische Psyche-Kranken-Hilfe-Gesetz (Psyche KHG) verstoßen. Das Amtsgericht kenne den Fall.

FNP-Kommentar:  Sollte das Amtsgericht den Fall kennen, könnte das Klinikum auch mit Verweis auf die dortigen Unterlagen für mehr Klarheit sorgen. Das tut es nicht. Und das, obwohl der aus dem Wallraff-Report abzuleitende Vorwurf schwer wiegt. Letztlich soll ein Patient ohne medizinische Notwendigkeit mehrere Tage lang fixiert worden sein. Wäre es so, hätte das Klinikum gegen geltendes Recht (Stand: Januar 2018) verstoßen.

Fazit:  Solange angeblich existierende Belege für die eigene Version nicht öffentlich vorgelegt werden, sind die Vorwürfe nicht entkräftet. Im Gegenteil entsteht der Verdacht, diese Belege existierten nicht.

(mjo)

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