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Sieht aus wie ein Kunstwerk, es ist auch eines: Das Dünndarm-Mesenterium - das mit Blutgefäßen durchzogene Gewebe, an dem der Darm befestigt ist.

Kunst der besonderen Art

Fotos vom Innenleben der Patienten - Bildband aus dem Krankenhaus Nordwest

Kunst ist ein weiter Begriff, und die Geschmäcker sind verschieden. Die einen lieben die alten Meister, die anderen die wilden Farbenspiele der abstrakten Malerei. Dass auch Fotografien von Organen, Gallensteinen und Blutgefäßen ästhetisch sein können, zeigen zwei Frankfurter Ärzte in ihrem Bildband.

Frankfurt - Fein verästelte Blutgefäße, leuchtend rote Organe, Körperkonturen, die wegen des gelblichen Desinfektionsmittels nicht von dieser Welt erscheinen. Täglich sehen Chirurgen auf der ganzen Welt diese Bilder. Dem Rest der Welt bleiben sie jedoch meist verborgen.

Blutgefäße einer Darmzystenwand.

Der Frankfurter Arzt Thomas W. Kraus wollte das ändern. Er brachte einen Bildband mit dem Titel "Art of Surgery - Mit den Augen eines Chirurgen" heraus. "Wir nehmen den Betrachter mit ins Innere des Körpers, auf eine ästhetische Weise", sagt Kraus, der seit 2005 Chefarzt der Klinik für Allgemeinchirurgie am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt ist. Faszinierendes und Erschreckendes zugleich fotografiert Kraus bei seinen Operationen. Er will seine Patienten mit den Bildern über den Eingriff oder ihre Krankheit aufklären, die Krankheit erklären. "Mit Bildern kann man meist mehr sagen als mit Worten. Mehr Verständnis erreichen." Vor allem wenn es um einen komplizierten medizinischen Eingriff geht. "Es schafft eine tiefere Art von Vertrauen."

"So viel Kraft"

Doch einige dieser Bilder sind mehr als reine Dokumentation, sie entwickeln einen eigenen künstlerischen Ausdruck. "Manche Fotos sind so fundamental, haben so viel Kraft" - zu Schade, um sie im verstaubten Archiv vor der Welt zu verstecken. Mit der Reihe "Art of Surgery" wurden die Bilder zunächst in Ateliers ausgestellt. Nun folgt ein Bildband.

Fokus und Farben geben diesem Schnitt eine ganz eigene Ästhetik.

Auf über 100 Seiten sind die Aufnahmen von Kraus, seinem Kollegen Davorin Wagner und einigen weiteren Kollegen arrangiert. Gallensteine, deren Farbe und Form an Kieselsteine erinnern, schwarze OP-Fäden, die wie Saiten eines Instruments durch das Gewebe gespannt sind. Kaum Blut, filigrane Schnitte, feine Strukturen. Das Model bleibt dabei komplett anonym. Was die Ärzte faszinierend fanden, wurde mit professionellen und sterilen Spiegelreflex- oder Digitalkameras abgelichtet. Natürlich nur, wenn es die Behandlung in diesem Moment zuließ und die Patienten informiert waren. "Die Bilder sind mit den Augen von Chirurgen entstanden, es sind keine zufälligen Aufnahmen", sagt Kraus.

Gut und böse

Auch vor Krankheiten wurde dabei nicht Halt gemacht. Und das ganz bewusst. Unter dem Titel "Gut und Böse" sind in dem Bildband neben gutartigen Wucherungen auch bösartige Krebserkrankungen zu sehen. Schnell wird ersichtlich, welches Bild mit Zerfall und Zerstörung in Verbindung gebracht werden kann. Wo das eine noch hell und strukturiert aussieht, wirkt das andere chaotisch und dunkel. "Gut ist immer noch schöner anzusehen als schlecht", sagt Kraus. Auch in der Chirurgie.

Bei der Operation. Sie sehen etwas, was wir sonst nie sehen.

Dass solche Bilder nicht für jeden geeignet sind, weiß auch Kraus. Vor allem wenn sie nicht mit Hoffnung, sondern mit Leid zusammenhängen. "Das kann einen Betroffenen dann noch weiter erschrecken." War eine Operation jedoch erfolgreich, gibt der Beweis in Form eines Fotos oft Kraft und macht den Menschen Mut. Und ein Foto des entfernten Gallensteins sei dann doch auch schöner, als das Überbleibsel im Glas mit nach Hause zu nehmen.

Fadenbündel an Klemmen: Ausrichtung vor dem Verknoten.

Ob die Bilder nun allgemein eher zum Staunen oder doch zum Gruseln sind, sei laut Kraus eine Einstellungs- und nicht selten Erziehungsfrage. "Sie sind nicht brutal, sollen nicht erschrecken und haben Fortbildungswert." Wie so oft bei Kunst, liegt es im Auge des Betrachters.

Weitere Informationen

Der Bildband "Art of Surgery - Mit den Augen eines Chirurgen" ist im Braus Verlag erschienen und kostet 32 Euro. Weitere Informationen gibt es unter www.art-of- surgery.com.

Der Bildband "Art of Surgery - Mit den Augen eines Chirurgen" ist im Braus Verlag erschienen und kostet 32 Euro.

von Svenja Wallocha

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