+
Liebeserklärung an Europa: Ein blaues Herz, umrahmt von gelben Sternen. "Herz statt Hetze" steht auf dem Transparent dieser jungen Dame. 16 000 Teilnehmer kamen nach Angaben der Veranstalter zur Europa-Demo auf dem Opernplatz, die Polizei sprach von 14 000.

Demonstration mit rund 15 000 Menschen

So bunt hat am Wochenende Frankfurt Europa gefeiert

Mehr als 40 Initiativen aus der Region hatten eingeladen, etwa 15 000 Menschen kamen: Unter dem Motto "Ein Europa für alle - Deine Stimme gegen den Nationalismus!" feierten sie gestern auf dem Opernplatz und zogen durch die Straßen. Zeitgleich gingen in vielen anderen europäischen Städten die Menschen für Europa auf die Straße.

Frankfurt - Ganz vorne an der Absperrung steht eine zierliche, ältere Dame mit grauem Haar. Ein bisschen aufgeregt wirkt Ruth Kries (75), aber entschlossen. Für die Zukunft sei sie hier, "und für meine Enkelkinder, damit auch sie noch einen bewohnbaren Planeten haben", sagt die Chilenin, die in Preungesheim lebt. In den Händen hält sie ein selbstgemaltes Transparent. "Omas für den Frieden" steht auf der einen Seite, die andere ziert eine Kinderzeichnung. "Das hat meine fünfjährige Enkelin gemalt, Catalina", erzählt Ruth Kries. "Es ist eine Friedenstaube."

Auf dem Opernplatz ist an diesem Sonntagmittag kaum ein Durchkommen. Das Berlin Boom Orchestra macht mit Reggae- und Ska-Klängen gute Laune. Etwa 15 000 Menschen feiern ein buntes Fest für Europa. Bunt ist auch der Kreis der Teilnehmer - da sind barfüßige Alt-68er, Punks, Eltern mit kleinen Kindern, Gewerkschafter, Klimaaktivisten, Menschenrechtler. Mehr als 40 Organisationen aus der Region haben zur Veranstaltung "Ein Europa für alle - Deine Stimme gegen den Nationalismus!" aufgerufen.

Flagge zeigen

Auf einem Betonpoller hockt eine Frau mit kurzen Haaren und großen Ohrringen, einen Zeichenblock auf dem Schoß. Mit Feder und Tusche bannt Maj Werkhäuser das bunte Treiben auf Papier. "Ich mach' das ganz gerne, wenn ich irgendwo hingehe", erzählt die 52-Jährige aus dem Gallus. Auch die Wohnraum-Demo hat sie schon in ihrem Zeichenblock. Heute ist sie dabei, "weil ich es wichtig finde, dass man Flagge zeigt und diesem Populismus etwas entgegensetzt".

Christina Steinbach (52) hat es sich auf dem Rand des Lucae-Brunnens gemütlich gemacht, eine kleine Europafahne steckt in ihrem Haar. "Wir wollen ein Zeichen setzen. Der Brexit hat mich erschüttert. Es ist nicht selbstverständlich, was wir hier haben", sagt die Langenerin und berichtet von einer Südamerika-Reise, von Grenzkontrollen - "das gibt es hier gar nicht mehr". "Da merkt man mal, was man hat", ergänzt Begleiter Günther Bredl (66).

"Dramatisch wichtig"

Ein Stück weiter verteilt die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen Europa-Flaggen. "Die gehen weg wie nichts, das ist ein gutes Zeichen." Nicht nur auf dem Opernplatz. "Die verteile ich zurzeit überall", erzählt sie. Etwa 200 große und 250 kleine Fahnen habe sie schon an den Mann gebracht. "Es ist dramatisch wichtig, wählen zu gehen", wirbt sie für eine hohe Beteiligung. Nissens Parteifreund, Oberbürgermeister Peter Feldmann, wettet sogar darauf: Frankfurt soll am Sonntag die Stadt mit der höchsten Wahlbeteiligung in Deutschland sein.

"Ein Europa für alle: Gegen Nationalismus" steht auf einem Transparent, das Demonstrationsteilnehmer vor sich hertragen.

"Lasst uns diese Stadt verteidigen, das Zentrum der Internationalität in Europa", beschwört Feldmann die Demo-Teilnehmer. "Woher kommt denn der Wohlstand dieser Stadt? Die Antwort ist: aus aller Herren Länder", sprach er sich gegen Fremdenhass und Ausgrenzung aus. Häufig begegne er in den Stadtteilen "besorgten Herren 75 plus", die sich ob der "Durchmischung" sorgten. Diesen Herren entgegne er, "wir waren hier in Frankfurt schon immer miteinander, und es hat der Stadt verdammt gut getan".

Yasmin Alinaghi, Landesgeschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, betont: "Wir sind nicht hier, um die EU zu bejubeln, so wie sie ist!" Ein "Weiter so" dürfe es nicht geben, künftig müssten die Menschen, nicht die Unternehmen im Mittelpunkt der Politik stehen. "Die Europawahl muss eine Klimawahl sein", fordert Emil Wohlfahrt von der Schülerinitiative "Fridays for Future" Frankfurt.

Schließlich, gegen 13.20 Uhr, setzt sich der Demo-Zug in Bewegung, zieht mit Musik und Trommelrhythmen Richtung Römer. Mittendrin Ole (5), der mit Papa Christian Braun (43) gekommen ist. "Ich möchte ihm vermitteln, dass wir in einer weltoffenen Gesellschaft leben und dass man nicht allein ist, wenn man sich für etwas einsetzt", sagt der Bornheimer. Ole hat sichtlich Spaß an dem bunten Treiben. Am Wahlstand der Piraten hat er einen orangefarbenen Luftballon-Säbel abgestaubt. Und dass er heute mitten auf der Straße laufen darf, findet er auch toll.

Kommentar: Europa-Lust statt Europa-Frust

War zuletzt von der Europäischen Union die Rede, ging es meist um den Brexit. Das konnte und wollte keiner mehr hören. Gestern haben die Frankfurter ein deutliches Zeichen gegen den allgemeinen Europa-Frust gesetzt. Sie haben Europa-Lust verbreitet.

Stefanie Liedtke

Sie haben gezeigt, wie bunt und fröhlich Europa sein kann. Und sie haben an das erinnert, was Europa im Kern ausmacht. An die gemeinsamen Werte, die uns in Europa tragen: Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichstellung, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte. Das ist Europa und nicht die abermalste ergebnislose Abstimmung im britischen Unterhaus. Diese gemeinsamen Werte gilt es, am Sonntag bei der Europawahl zu verteidigen. Gerade in Frankfurt. Denn die Stadt, die sich selbst für ihre Weltoffenheit rühmt und diese gestern bei der Europa-Demo einmal mehr eindrucksvoll bewiesen hat, schnitt zuletzt bei der Wahlbeteiligung nicht besonders gut ab. 2014 gaben nur 44,5 Prozent der wahlberechtigten Frankfurter ihre Stimme ab, bundesweit betrug die Wahlbeteiligung damals 48,1 Prozent. Nun sind die Frankfurter gefragt, ihre Weltoffenheit auch an der Wahlurne zu beweisen. Der Oberbürgermeister hat gar eine Wette ausgerufen und will Frankfurt zur Stadt mit der höchsten Wahlbeteiligung in Deutschland machen. Dann mal los. . .

Paulskirche strahlte im licht der Union

Am Donnerstag, zugleich der erste Tag der Europawahl und der 70. Jahrestag des Grundgesetzes, findet abends eine aufwendige Lichtinszenierung an der Paulskirche statt. An der Wiege der Demokratie in Deutschland möchte die Bürgerbewegung Pulse of Europe ein eindringliches Zeichen für Frieden, Freiheit und Zusammenhalt in Europa setzen und die Bürger mit diesem Event noch einmal dazu aufrufen, am Sonntag, 26. Mai, zur Wahl zu gehen und demokratischen, pro-europäischen Parteien zum Wahlsieg zu verhelfen.

Geplant ist zunächst ab 19 Uhr ein Bühnenprogramm auf dem Paulsplatz mit Live-Musik unter anderem von der Band Cris Cosmo. Die eigentliche Lichtinszenierung ist für etwa 21.45 Uhr angesetzt. Die Paulskirche, das Symbol für die demokratischen Anfänge eines geeinten Deutschlands, soll als Zündfunke für ein vereintes Europa werben. Die zwölf Sterne der Europaflagge werden durch zwölf Lichtstrahlen vom Dach der Paulskirche symbolisch dargestellt, ebenso wie die 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union Teil der farbenfrohen und musikalisch unterlegten Darbietung sein werden.

Nach aktueller Planung soll die Inszenierung vom 23. Mai bis einschließlich zum Europawahltag am 26. Mai jeweils mit Einsetzen der Dunkelheit bis 1 Uhr morgens halbstündlich in einer automatisierten Show ablaufen. ffm

Lesen Sie auch:

Stadtteil kämpft für den Erhalt der Gaststätte: Gibt es noch Hoffnung für den Drosselbart?

Ein ganzer Stadtteil kämpft für den Erhalt der Frankfurter Gaststätte Drosselbart, zwei Anträge wurden mittlerweile verabschiedet.

Mieter im Nordend demonstrieren gegen Spekulation und Luxusmieten

Mieter im Frankfurter Nordend haben gegen Spekulation und Luxusmieten demonstriert, nachdem eine Investmentfirma Häuser aufgekauft hat.

Wahnsinn im Brentano-Hochhaus: Mieter kämpfen gegen Abzocke und Lärm - die Stadt hilft sogar

Sie haben genug vom Mietwahnsinn in Frankfurt: Mieter in Rödelheim wehren sich gegen Abzocke und Lärm - und bekommen dabei sogar Hilfe von der Stadt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare