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Planbare Operationen wurden auch in Kliniken in Hessen verschoben, aber auch andere Patienten blieben weg. 

“Tumore interessieren sich nicht für Coronakrise„

Angst vor Corona: Viele Patienten meiden Kliniken - Doch das kann lebensgefährlich sein

Die Kliniken in Hessen haben auch jetzt für alle Patienten geöffnet. Aus Angst vor Coronavirus scheuen aber viele Menschen aktuell den Weg ins Krankenhaus. 

  • Seit der Corona-Pandemie* meiden viele Patienten in Hessen Krankenhäuser
  • Ärzte sind deshalb in Sorge
  • Denn Menschen mit ernsten Krankheits-Symptomen sollen kein Risiko eingehen

Frankfurt/Region Rhein-Main – Die Ärzte in Hessens Kliniken sind beunruhigt. Zwar wurden wegen des Coronavirus vor knapp zwei Monaten alle planbaren Aufnahmen und Operationen auf unbestimmte Zeit verschoben – aus Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken*, meiden seitdem aber auch die Patienten das Krankenhaus, die da unbedingt vorbeischauen sollten. 

Dazu zählen unter anderem Menschen mit Krebserkrankungen, Entzündungen des Blinddarms oder Dickdarms sowie mit Anzeichen für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt. „Dass Patienten mit Symptomen, die sie normalerweise abklären lassen sollten, nicht ins Krankenhaus kommen, ist zwar nachvollziehbar“, sagt Professor Steffen Gramminger, Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKG). „Doch das kann schiefgehen. Die Patienten gehen damit ein hohes Risiko ein.“

Frankfurt: Weniger Patienten in Kliniken wegen Corona - Ärzte in Sorge

Symptome zuhause aussitzen und Behandlungen aufschieben, hält auch der Präsident der Landesärztekammer Hessen mit Sitz in Frankfurt für gefährlich. „Tumore etwa interessieren sich nicht für die Coronakrise“, sagt Doktor Edgar Pinkowski. „Sie wachsen einfach weiter, bis sie in nicht operable Bereiche vordringen oder Metastasen, also Tochtergeschwülste, bilden.“

Beide weisen gleichzeitig auf die aufwendigen Schutzmaßnahmen in den Kliniken hin. Hygienerichtlinien werden eingehalten und es gibt unterschiedliche Bereiche für Covid- und Non-Covid-Patienten in den Häusern. Steffen Gramminger: „Es wird alles dafür getan, das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu minimieren.“

Frankfurt: Leere Krankenhäuser wegen Corona-Angst - Für Schwerkranke ist ‚Stay at home‘  lebensgefährlich

Menschen mit Grunderkrankungen sollten diese deshalb erst nehmen und sorgsam mit ihnen umgehen, sagt der Landesärztekammer-Präsident und warnt: „Für Schwerkranke ist der Aufruf ,Stay at home’ unter Umständen lebensgefährlich.“

Nach rund zwei Monaten im Ausnahmezustand öffnen sich die Krankenhäuser seit dieser Woche auch wieder einem größeren Patientenkreis. Weil die großen Mengen der Corona-Infizierten aus- und viele Betten leer blieben, dürfen jetzt wieder Menschen mit leichteren Erkrankungen operiert werden. Doch dabei muss einiges beachtet werden. 

„Die Krankenhäuser dürfen natürlich nicht überbelegen, müssen weiterhin gewisse Kapazitäten freihalten und Corona-Patienten von den anderen trennen“, sagt Steffen Gramminger. „Das Virus ist ja nicht weg.“ Deshalb müssen die Einrichtungen die Infektionszahlen weiterhin im Blick haben, um bei einem plötzlich hohen Anstieg schnell reagieren zu können.

Frankfurt: Noch keine Normalität in Hessens Kliniken - „Von den Auswirkungen haben wir noch Jahre was“

Zunächst aber ist es eine wichtige Lockerung für die Krankenhäuser. Die fehlenden Patienten haben auch bei ihnen Geld-Sorgen verursacht. „Wenn der Schutzschirm der Bundesregierung nicht gewesen wäre, wären jetzt vermutlich schon die Hälfte der deutschen Kliniken insolvent“, so der HKG-Direktor. 560 Euro pro Tag gab es dabei für jedes freigehaltene Bett. „Aber mal reicht das, mal nicht.“

Die damalige Ansage, Operationen zu verschieben, hält Steffen Gramminger trotzdem nach wie vor für richtig. „Die Wahrscheinlichkeit war da, dass es zur Katastrophe kommt. Bei hohen Infektionszahlen wäre es eng geworden auf unseren Intensivstationen. Das hat erst die Kontaktsperre geändert.“

Bis in den Krankenhäusern wieder Normalität herrscht, wird es noch viele Monate dauern, ist sich der Experte sicher. Steffen Gramminger: „Von den Auswirkungen der Pandemie haben wir noch Jahre was. Unser Gesundheitssystem wird nicht mehr dasselbe sein, auch wenn wir gemerkt haben, dass es deutlich besser ist, als oft gesagt wurde. Doch die Pandemie ist auch eine Chance, den Diskussionen um die Krankehausstruktur, Pflege- und Fachpersonalmangel neuen Aufschwung zu geben.“

Von Julia Oppenländer

Auch Frankfurter Kliniken und Praxen blieben wegen der Corona-Angst oft leer - mit dramatischen Folgen.

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