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Araberstute Jenny spaziert jeden Tag ohne Reiter durch den Stadtteil

Pferd in Fechenheim

Frankfurt: Araberstute Jenny spaziert jeden Tag ohne Reiter umher und avanciert zum Internet-Hit

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Jenny ist ein echtes Unikat. Allein trottet die Araberstute durch die Gässchen Fechenheims. Tag für Tag. Mit Halfter, aber ohne Begleitung. Vorbei an der Straßenbahn und am Mainufer führt sie ihr täglicher Weg.

Frankfurt - Es ist acht Uhr morgens, als Werner Weischedel das Stalltor und Jennys Box öffnet. Schnaubend begrüßt die 22-jährige Araberstute ihren Besitzer, dann trabt sie los. Ihre Hufe klappern über das Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone, sie knabbert an den Ästen eines Baumes und trabt im Morgengrauen weiter in Richtung Mainufer. Ganz allein. Wie jeden Tag. Nur Schäferhündin Evita begleitet die schneeweiße Stute ein Stück. Acht Stunden geht das Pferd Tag für Tag in Fechenheim spazieren, ehe sie am Nachmittag wieder zurückkehrt.

Frankfurt: Stute "Jenny" hat Uhr im Bauch

„Das ist doch ganz normal. Sie kennt sich aus, ist freundlich und weiß genau, wann es zu Hause Futter gibt. Sie hat eine Uhr im Bauch“, sagt Werner Weischedel. Der 79-jährige Mann mit Pferdeschwanz und rot-kariertem Flanellhemd sieht Jenny dabei zu, wie sie gemütlich durch die Straße trottet, an der Straßenbahnhaltestelle vorbei geht, auf Fußgänger und Hunde trifft und zwischendurch nascht. Vorsichtig zupft der Schimmel ein paar Rosenblätter von einem großen Stock, schnuppert an Bäumen und sucht sich die Stellen mit dem frischesten Gras.

„Wir hatten früher eine zweite Stute, Charlie, und eine zweite weiße Schäferhündin. Da sind wir als weiße Karawane durch Fechenheim gezogen. Fast 15 Jahre lang“, sagt Weischedel lachend. Er und seine Frau Anna ritten gemeinsam auf einem der Pferde, das andere trottete mit den Hunde nebenher. Als Charly vor drei und Hündin Eva im vergangenen Jahr starben, habe Jenny weiter raus gewollt. Seither gehe sie eben mit Evita alleine spazieren.

Jenny mit ihrem Halter Werner Weischedel.

Und damit niemand denkt, das Tier sei entlaufen trägt die Stute ein Schild mit der Aufschrift "Ich heiße Jenny, bin nicht weggelaufen, gehe nur spazieren" am Halfter.

Bei der Frankfurter Polizei ist Jenny zwar bekannt, aber nicht wegen etwaiger Einsätze: "Wir mussten noch nie tätig werden", sagte Sprecherin Isabell Neumann. Das Tier trägt zudem einen Zettel am Halfter mit dem Text: "Ich heiße Jenny, bin nicht weggelaufen, gehe nur spazieren. Danke."

Nachdem die "Bild"-Zeitung über das Tier berichtete, wurde es auch über Fechenheim hinaus bekannt. Ein Video des Hessischen Rundfunks (HR), das die Sendung "Maintower" auf ihrer Facebook-Seite geteilt hatte, wurde bis Freitag viele tausendmal geklickt.

Pferd nascht bei Spaziergängen - einmal musste es zum Tierarzt

Dass Jenny bei ihren Spaziergängen einmal an einer giftigen Pflanze naschen könnte, glaubt Weischedel nicht. Nur einmal sei es beinahe schief gegangen, als sie in ein Feld voller Zuckermais gelaufen ist und zu viel gefressen hat. „Da musste der Tierarzt kommen. Sie hatte eine Kolik und wir haben sie für zwei Wochen lang in die Tierklinik nach Gießen bringen müssen.“ Seither steht ein nicht geladener Elektrozaun am Feldrand.

Jenny trabt am Bahnsteig entlang, der Straßenbahnfahrer schaut ihr hinterher. Er kennt die Araberstute bereits. Sie ist bei ihm ein gerngesehener Besuch. Kinder kommen vorbei und tätscheln ihre weiche Nase, sie schnuppert an den Jacken der Kleinen. Auch Hunde werden so freundlich begrüßt. „So soll das sein“, sagt eine Frau und findet „das sollte es viel öfter geben, dass Tiere frei laufen dürfen.“ Nicht-Fechenheimer wundern sich hingegen über Jenny. Damit sie nicht die Polizei rufen, trägt die Stute ein Schild am Halfter. Darauf steht Weischedels Handynummer und dass das Pferd nur spazieren geht. „Das funktioniert gut“, sagt der Besitzer. Früher wurden bei der Polizei bis zu 20 Anrufe täglich gezählt – alle wegen Jenny. Jetzt sei es nur noch einer in der Woche.

Fast wie auf der Arche

Während die Stute unterwegs ist, kümmern sich die Weischedels um ihre anderen Tiere. Hühner, Tauben, Kanarienvögel, Katzen und den winzigen Rehpinscher „Chico“. Der Winzling sei der Boss, auch wenn er keine Zähne mehr habe. Alle Tiere – mehr als 100 – können raus. Hühner laufen auf die Straße, Chico besucht die Nachbarn. In der Ferne zwitschert ein Vogel. „Das ist der Kleiber“, stellt Weischedel fest. Ehrenamtlich ist er für die Jagd, Fischerei, die Fledermäuse, den Landschaftsschutz und als Feldschutz am Mainbogen tätig. Er kennt jedes Astloch und jedes Tier. „Nebenbei päppeln wir verletzte Greifvögel auf oder kümmern uns um Tauben, die gestohlen wurden“, erzählt er.

Stute "Jenny" beschnuppert neugierig einen Kinderwagen.

Während Jenny unterwegs ist, mistet Werner Weischedel ihren Stall aus. Dabei denkt er an einen Ausritt mit seiner Stute, denn dafür nimmt er sich nach wie vor die Zeit. „Das machen wir regelmäßig und tut uns beiden gut“, sagt der 79-Jährige.

Viele üben Kritik an freilaufender Stute

Im Netz gibt es aber auch Kritik, dass das Pferd ohne Artgenossen unterwegs sei. Außerdem gefährde es sich und andere. Die Gesellschaft für Pferdemedizin sieht das jedoch gelassen: "Jenny hat durch ihre Spaziergänge viel Bewegung und sie erscheint sehr entspannt und zufrieden", sagte Tierärztin und Vorstandsmitglied Maren Hellige. Der Spaziergang sei in ihrer gewohnten Umgebung, Autos, Spaziergänger und die Straßenbahn seien für sie alltäglich.

Anders verhält es sich mit einem Fall im Hochtaunus, hier hat Anfang Januar ein gesattelter Schimmel ohne Reiter die Polizei beschäftigt.

(dpa/Sabine Schramek)

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