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Kinder mit Behinderungen können sehr glücklich sein.

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"Trisonomie 21 ist keine Krankheit, sondern eine natürliche Lebensform des Menschen"

Der Bundestag diskutiert, ob Bluttests auf Down-Syndrom zur Kassenleistung werden sollten. Betroffenen Embryonen droht die Abtreibung. 

Frankfurt - Während der Bundestag darüber diskutierte, ob Bluttests auf Trisomie 21 zur Kassenleistung werden sollen, saßen viele Menschen mit Trisomie 21 auf der Besuchertribüne und verfolgten zum Teil entsetzt die Debatte Mitreden durften sie nicht. Dabei wäre gerade ihre Sicht sehr hilfreich gewesen. Wir sollten uns mehr mit den lebenden Menschen mit Behinderung befassen und weniger mit der Frage, wie noch effizienter verhindert werden kann, dass sie zur Welt kommen. 

Möchte die Gesellschaft behinderten Menschen noch ein Lebensrecht zugestehen?

In Wahrheit geht es bei der Debatte nicht um die Frage, ob ein Test bezahlt wird, sondern ob die Gesellschaft Menschen mit Behinderungen überhaupt noch ein Lebensrecht und einen Platz in der Gemeinschaft zugesteht. Ob wir bereit sind, dem menschlichen Leben auch abseits von Nützlichkeitserwägungen noch einen eigenen und unverbrüchlichen Wert beizumessen. Oder ob wir uns mit den modernen medizinischen Mitteln in einen Wettbewerb um die genetische Verbesserung unserer Art begeben. Die Konsequenzen einer solchen Eugenik sind den meisten Befürwortern der Tests offenbar nicht ansatzweise bewusst. 

Chefredakteur Matthias Thieme.


Hohe Abtreibungszahlen werden weiter ansteigen, wenn der Test finanzierbar ist

Die ohnehin schon hohen Abtreibungszahlen werden ansteigen, wenn der Test für alle finanzierbar ist. Und mit der drastisch sinkenden Bereitschaft, Kinder mit Behinderung zur Welt kommen zu lassen, wird auch die Toleranz gegenüber denen weiter sinken, die bereits auf der Welt sind. Doch das ist nur der Anfang. Der aktuell diskutierte Test ist nur einer von vielen Möglichkeiten, vorgeburtliche Selektion zu betreiben. 

Trisonomie 21 ist keine Krankheit, sondern eine Lebensform des Menschen

Nur um Selektion geht es, denn Trisomie 21 ist keine Krankheit, sondern eine von der Natur seit Anbeginn hervorgebrachte Lebensform des Menschen. Vielleicht wird diese Lebensform bald ausgerottet sein, weil keine Kinder mit Trisomie 21 mehr auf die Welt kommen. Und dann? Mit den neuesten Tests lassen sich knapp hundert angeborene Anomalien ausschließen, die Medizin kennt Tausende. Bald wird es Tests für all diese Anomalien geben, ein paar Milliliter Blut der Mutter könnten bald ausreichen, um das gesamte Erbgut des Ungeborenen zu entschlüsseln. Wollen wir alle Embryonen abtreiben, die eines von Tausenden möglichen Merkmalen einer Anomalie zeigen? 

Kinder mit Behinderungen können sehr glücklich sein 

Was ist mit möglichen psychischen Erkrankungen? Die Tests werden keine Entlastung für werdende Eltern sein, sondern sie in die Hölle vorgeburtlicher eugenischer Abwägungen stürzen. Und dabei die wichtigste Erkenntnis verschleiern: Dass es den perfekten Menschen nicht gibt und dass es nie vollends in der Macht der Eltern steht, das Schicksal ihrer Kinder zu bestimmen und zu formen. Auch das genetisch gesündeste Kind kann im Leben grausam scheitern. Und Kinder mit Behinderung können sehr glücklich sein.

Von Matthias Thieme 

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