Das neue Schuljahr

484 Euro: So teuer ist die Einschulung

Am 12. August beginnt das neue Schuljahr. Redakteur Andreas Haupt machte sich mit seiner Tochter Ronya auf die Suche nach Schulutensilien.

Frankfurt - Ziemlich seltsam kommt sich der Vater der Sechsjährigen vor. Eine Schultüte nach der anderen zieht die angehende Erstklässlerin aus dem großen Ständer in der Schreibwarenabteilung von Kaufhof. Ein kurzer Blick auf die Motive lässt sie entscheiden, ob sie ihr gefallen - und bisher verzieht sie immer nur das Gesicht. Autorennbahn, Pferde, Einhörner, Schmetterlinge - nichts findet ihre Zustimmung. Selbst Eiskönigin Elsa und ihre Schwester Anna lässt sie links liegen.

In schnellem Takt reicht sie sie an Papa weiter. Der versucht, sie im Arm zu stapeln, ohne die empfindlichen Spitzen zu beschädigen. Gefühlt 100 Schultüten haben sie durchgesehen, bis das Töchterchen eine mit einer Eule findet. Ein breites Grinsen sagt: "Die will ich." "Die gefällt Dir?", fragt Papa verwundert. Sie nickt und setzt ihren Welpenblick auf. Ach, was soll's: Den Tag erlebt sie nur einmal. 9,95 Euro, das geht ja noch.

Genau anders herum war es einen Monat zuvor gelaufen, als die Familie den Schulranzen kaufte, nur einen Steinwurf von daheim entfernt bei Lassner an der Friedberger Landstraße. Noch bevor sich ein Verkäufer ihrer annahm, zog das Töchterchen einen Ranzen aus dem Regal: "Den hat Amy, aber ohne die gelben Dinger." Lila ist er, mit silbernen Schmetterlingen und Einhörnern und großen neongelben Reflektoren. Die Eltern schauen erst einander an und dann in die Regale, was es noch so gibt. Denn die Kleine hat zielsicher das teuerste Modell im ganzen Laden gewählt!

Schulranzen: Drückende Schulterriemen

Da hilft es auch nichts, dass der Verkäufer erklärt, bei einem anderen Modell lasse sich die Länge der Riemen einfacher an die Körpergröße anpassen. Oder dass ein Ranzen ohne diesen breiten Bauchgurt für ein so zierliches Mädchen doch viel besser sei. Auch Probetragen hilft nicht: An ihrer Entscheidung zweifelt die Sechsjährige kein bisschen. Während Mama noch versucht, ihr ein billigeres Modell schmackhaft zu machen, testet Papa die Schultergurte. Erinnert er sich doch daran, wie sehr die steifen Lederriemen seiner ersten Schultasche auf den Schultern drückten - und wie sehr er das hasste. Doch er muss feststellen: Die Riemen des Ranzen-Favoriten seiner Tochter sind auch die am besten gepolsterten. 229 Euro kostet die Schultasche. Dass ein Turnbeutel, ein ausklappbares Stifte-Mäppchen und ein Faulenzer-Etui dabei sind, macht das nicht erträglicher.

Nun muss gespart werden, wenigstens bei den anderen Sachen. Beim Elternabend hat der Klassenlehrer eine Liste verteilt, welche Schulmaterialien die Eltern besorgen müssen. Vieles kauft er selbst per Sammelbestellung ein, damit alle Kinder dasselbe und das Richtige haben: Etwa Mathe- und Schreibhefte, Schnellhefter, die Postmappe und ein Mitteilungsheft für die Eltern, Filz- und Wachsmalstifte. Selbst Wasserfarben, Schwämmchen, einen Pinsel, einen Wasserbecher und einen DIN A 3-Zeichenblock besorgt er. Dafür und für weitere Unterrichtsmaterialien sollen die Eltern bitte 70 Euro überweisen.

Die Liste dessen, was die Eltern besorgen sollen, ist überschaubar. Dosen-Anspitzer, Schere, Klebestifte, zwei Radiergummis, Buntstifte, Lineal und zwei dicke, am besten dreikantige Bleistifte sollen die Eltern besorgen. Bitte keine Kugelschreiber, Füller und Tintenpatronen, hat der Lehrer den Eltern eingeschärft: Die Kinder sollen mit Bleistiften schreiben lernen. Füller sind tabu, die gibt es erst ab Klasse 2.

Keine bunten Radiergummis

Aber wo kauft man das? Es soll ja nicht allzu teuer werden, der Ranzen hat schon genug gekostet! Also ab nach Praunheim, zu "Action" in der Heerstraße. Wirklich fündig werden Vater und Tochter dort aber nicht. Die Schultüten sind viel zu klein. Und es gibt zwar Hefte, Mappen, Stifte, Scheren und Bastelmaterial aller Art - aber fast nichts, was auf der Einkaufsliste steht. Dicke Bunt- und Bleistifte etwa suchen die beiden vergeblich. Und der einzige Dosenspitzer für dicke und dünne Stifte hat keinen Deckel. "Schau mal, Papa, die Radiergummis hier sehen aus wie Kaugummis", sagt die Kleine grinsend. Doch der Lehrer hat erklärt, dass die weißen viel besser radieren, und so landen zwei weiße im Einkaufskorb (1,75 Euro). Auch zwei Klebestifte (65 Cent) kauft der Vater. Das war es dann hier, ab zu Kaufhof auf der Zeil.

Bei Kaufhof angekommen, ist die Schultüte das Erste, was sie aussuchen. Einen Schock bekommt der Vater, als er liest, was ein Zwölferpack dicke, dreieckige Buntstifte kostet: 12,95 Euro - und das sind die billigen! Die teure Variante kostet 18,99 Euro, die einzeln erhältlichen dicken Bleistifte je 1,99 Euro. Dann geht es ab zu den großen Sammelmappen. Wieder werden alle sorgsam angeschaut, bevor sich die Erstklässlerin entscheidet. Die Wahl fällt auf ein Pferdemotiv (4,29 Euro). Irgendwie erscheint dem Papa der Geschmack des Töchterchens recht willkürlich: Der Deckel-Anspitzer (3,99 Euro) muss unbedingt rot sein, der Griff der Schere (2,99 Euro) hingegen blau. Immerhin gibt's an der Kasse zehn Prozent Rabatt.

In der Sportabteilung ist ein lila T-Shirt schnell gefunden, wenn auch in Größe 140, also zu groß (9,99 Euro). Was soll's! Der Kleinen gefällt's, und sie wird hineinwachsen. Die Auswahl der Sportschuhe mit heller Sohle für den Turnunterricht ist begrenzt. Ein Paar gefällt ihr, es ist rosa und schwarz - aber es hat kein gutes Fußbett.

Während Papa entscheidet, noch in ein oder zwei Sportgeschäfte zu gehen, ist seine Tochter abgelenkt: Direkt nebenan beginnt die Spielzeugabteilung. Ganz vorne, gegenüber den Turnschuhen, steht das Regal mit den Schleich-Figuren. Die nächsten zehn Minuten schaut Papa zu, wie sie jedes Pferd im Regal genau mustert. Überraschend schnell akzeptiert die Kleine, dass sie nicht den großen Pferdetransporter bekommt oder die Springhindernisse: Ein einzelnes Fohlen (4,95 Euro) darf sie sich für die Schultüte aussuchen. Sie wählt ein weißes mit braunen Flecken.

Der Abstecher in ein Sport- und ein Sportschuhgeschäft in der Schäfergasse ist eine Enttäuschung: Im Sportgeschäft ist das Kinderschuh-Regal so gut wie leer, und nebenan im Schuhgeschäft gibt es zwar viele hippe Turnschuhe - für den Schulsport scheinen sie aber wenig geeignet. Also ab auf die andere Straßenseite zu Karstadt. Hier geht es schnell: Die kurze schwarze Hose (12,99 Euro) passt super und gefällt der Kleinen ebenso wie die rosa Turnschuhe (39,95 Euro).

Zwei Paar Hausschuhe

Geschafft! Die Shopping-Tour ist zu Ende. Fehlt nur noch ein neues Paar Hausschuhe, denn sie braucht zwei: eines für den Klassenraum und eines für die Erweiterte Schulische Betreuung (ESB). Aber das geht am nächsten Tag schnell: Bei Braun in Bad Vilbel gibt's eine ziemlich große Auswahl. Ein zweites Paar hat sie noch aus der Kita.

Das Fohlen bleibt in der großen Schultüte nicht allein: Onkel und Tante spendieren eine Brotdose und Trinkflasche (22,85 Euro) sowie Bonbons und Weingummi einer kleinen Manufaktur im bayerischen Burgkirchen(7,90 Euro). Zwei schon erwachsene Kusinen packen eine Packung Filzstifte (8,95 Euro) dazu, denn die verbraucht die Erstklässlerin schneller als man zuschauen kann. Dann gibt's noch ein türkisches Kinderbuch, in dem die kleine Cemile zum Tanzkurs geht (ca. 2 Euro). Außerdem bekommt das Mädchen ein Zahlen-Lernspiel (Rossmann, 7,95 Euro).

Nicht groß kümmern müssen sich die Eltern um den Schulweg, der nur 150 Meter beträgt. Ihren "Schulwegpass" haben die Kinder bereits in der Kita gemacht. Außerdem bringt Papa sie schon seit einer Woche in die ESB, sie kennt den Weg also bereits.

Von Andreas Haupt

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