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Übungen mit EMS-Anzug: Noch lacht FNP-Reporterin Svenja Wallocha (links) beim Training mit "Antelope"-Mitarbeiterin Caro Kraft. Etwa 20 Minuten und einige Stromstöße später sieht es anders aus. 

Sport

Mit Strom ins Schwitzen kommen

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Das Frankfurter Start-Up "Antelope" hat den EMS-Anzug entwickelt. Mit kleinen Stromstößen soll man effektiver trainieren können. Unser Test.

Frankfurt - Wie kleine Ameisen, die auf der Haut herumlaufen - so fühlt es sich an, wenn der Strom zu den Elektroden an Bauch, Brust, Nacken, Rücken und Oberarmen strömt. Eine Welle fließt durch den Körper. Die Muskeln spannen sich an, es wird warm und kribbelt. "Und, merkst du schon was?", fragt Caro Kraft, Mitarbeiterin des Frankfurter Start-Ups "Antelope", das die EMS-Anzüge herstellt und verkauft. EMS steht für Elektro-Muskel-Stimulation.

Kleine Stromstöße

Geringer Aufwand, großer Effekt: Mit dem mobilen EMS-Anzug werden die Muskeln beim Sport quasi doppelt beansprucht, denn der Anzug verstärkt den elektrischen Impuls, mit dem das Gehirn die Muskeln dazu bringt, sich anzuspannen. Das geschieht mit kleinen Stromstößen. Sport müssen die Nutzer zwar immer noch selbst machen, der Anzug verstärkt aber den Effekt.

Jeden zweiten Tag eine Stunde lang im Fitnessstudio schwitzen, fällt mit dem Anzug weg. Zwei mal die Woche jeweils 20 Minuten trainieren soll laut Antelope für die Traumfigur reichen.

Schon seit Jahrzehnten wird Strom beim Muskelaufbau genutzt. Bislang jedoch vor allem, um die Muskulatur nach Operationen wieder zu stärken oder im Leistungssport. Auch Fitnessstudios bieten EMS-Training an. Dort liegen die Kabel aber über dem Anzug und sind an bestimmte Geräte angeschlossen. Der mobile etwa 1600 Euro teure High-Tech-Anzug kann stattdessen überall benutzt werden. Zuhause, im Park, im Fitnessstudio, am Strand. Die Elektroden und Kabel sind in den Stoff eingenäht und mit einer Steuerungseinheit, dem "Booster", am Anzug verbunden. Die sieht aus wie ein größeres schwarzes Handy mit Plus- und Minus-Tasten, mit denen die Stromstärke eingestellt wird.

Wie eine zweite Haut liegt der schwarz-graue Kompressionsstoff auf dem Körper. Zu Beginn schnürt es einem fast die Luft ab. "Das muss so sein, so leiten die Elektroden am Besten", sagt Kraft. Nach einiger Zeit hat man sich daran gewöhnt. Mit der Hand lassen sich die Kabel und die 16 Elektroden ertasten, sichtbar sind sie nicht.

Wenn der Strom durch den Körper fließt, sind die Muskeln dauerhaft angespannt. Bei einer Stärke von 5 Prozent fühlt es sich noch ganz angenehm an. Es vibriert nur ein bisschen. Aber wehe, Caro Kraft holt ihr Smartphone heraus und verändert die Intensität, denn auch über eine App lässt sich die Stromstärke steuern. Je stärker sie den Anzug einstellt, umso schmerzhafter wird es. Das Vibrieren wird bei 14 Prozent zu einem Stechen und Ziehen. Dann fühlen sich die Bauchmuskeln an, als hätten sie 30 Sit-Ups hinter sich, obwohl noch gar nichts passiert ist.

Kribbeln bis in die Spitzen

Die Arme können bei dieser Stärke nur noch im 60 Grad Winkel gehalten werden. Wenn sie gerade herunterhängen, werden sie steif, lassen sich kaum noch kontrollieren. Das hängt damit zusammen, dass Trizeps und Bizeps gleichzeitig stimuliert werden. "Man muss sich mehr anstrengen, um eine Bewegung durchzuführen", sagt Kraft. In den Fingerspitzen kribbelt es.

"Mach' mal ein paar Hampelmänner, dann wird's besser", sagt Kraft. Sie weiß, wovon sie spricht. Zwei mal pro Woche trainiert sie selbst mit dem Anzug. Die Hampelmänner helfen, die Schmerzen sind kaum noch zu spüren. Doch schnell werden die Muskeln müde. Beim Zirkeltraining stellt Kraft den Anzug auf 20 Prozent. Bei der ersten Liegenstütze ist es, als läge ein Zehn-Kilo-Sack Mehl auf dem Rücken. Die Arme zittern. Nur noch wenige Zentimeter beugen sich die Ellenbogen. Mehr geht nicht. Der Schweiß läuft. Der Strom leitet dadurch noch besser. Kraft drückt während einer Übung auf ihrem Handy den falschen Knopf. Der Anzug geht aus. Ein kurzes Aufatmen.

Komplett ausgelaugt

Beim Joggen auf den Straßen im Bahnhofsviertel fällt der Anzug einigen Fußgängern auf. Wer es nicht besser wüsste, könnte meinen, dass hier gerade in einem Schwimmanzug Sport getrieben wird. Nicht gerade das, was dort sonst auf den Straßen zu sehen ist. Im Fitnessstudio oder beim Joggen am Main wäre das bestimmt anders. Denn dort wirkt die Kombi aus knielanger Hose und Oberteil eher wie eine etwas futuristische Sportklamotte. Das ist so durchaus so gewollt. "Wir wollen, dass man den Anzug gerne trägt", sagt Kraft.

Schnell geht der Puls beim Laufen nach oben. Der Trizeps schmerzt. Ein Muskel, der sich beim Joggen sonst eigentlich nie bemerkbar macht, der aber natürlich mitarbeitet - aber eben auch dieser Reiz wird vom Anzug verstärkt. "Soll ich die Oberarme etwas niedriger einstellen?", fragt Kraft. Mit der App kann sie jede Muskelgruppe einzeln ansteuern.

Nach nicht mal 20 Minuten Training ist der Körper komplett ausgelaugt. Nichts geht mehr. "In zwei Tagen merkst du, was du heute gemacht hast", sagt Kraft. Sie meint Muskelkater. Sie wird Recht haben. Überall wo die Elektroden saßen, schmerzt es. Jedoch nicht so schlimm wie sonst nach dem Sport.

Von Svenja Wallocha

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