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Rechtspflegerin Susanne Kassold (links) bringt Flüchtlingen das Grundgesetz und die Werte unserer Gesellschaft nahe.

Kurs

Flüchtlinge: Im Rechtsstaat-Kurs werden Werte und Gesetze vermittelt

An drei Nachmittagen bringt Rechtspflegerin Susanne Kassold Flüchtlingen in Bonames das Grundgesetz näher. Und vermittelt dabei Werte, auf denen die deutsche Gesellschaft basiert. Das stößt auf viel Verständnis. Mancher wird aber auch verlegen.

Plötzlich wird Susanne Kassold hellhörig. Gerade hat sich eine Kursteilnehmerin zu Wort gemeldet. Wie das denn mit dem Geld sei, wenn ein Kind in der Schule eine Klasse wiederholen müsse, will sie wissen. Sie habe gehört, dass Eltern dann 600 Euro zahlen müssten. Susanne Kassolds Antwort lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Niemals würden Väter und Mütter in einem solchen Fall zu Kasse gebeten, erklärt sie: „Bildung ist uns ganz wichtig. Das kostet nichts.“ Später sagt sie, dass sie in diesem Moment ein komisches Bauchgefühl gehabt habe: Ob da nicht jemand im Umfeld der Frau die Gutgläubigkeit von Flüchtlingen für sich ausnutze.

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Rechtsstaat-Kurs: Straffes Programm

Zeit, um das zu klären, hat die Rechtspflegerin vom Frankfurter Amtsgericht allerdings nicht. Schließlich hat der Kurs „Fit für den Rechtsstaat“, den sie ehrenamtlich im grünen Klassenzimmer auf dem alten Flugplatzes in Bonames für Flüchtlinge abhält, ein straffes Programm. Straf- und Familienrecht werden dabei ebenso angesprochen wie der Abschluss von Arbeits- und Mietverträgen. Keine einfache Aufgabe, vor allem wegen der Sprachbarrieren. Die meisten Teilnehmer leben seit 2015 in Deutschland, einige können schon ganz gut Deutsch, andere dagegen kaum. Umso wichtiger ist die Aufgabe der beiden Übersetzer, die inmitten der Gruppe sitzen und Susanne Kassolds Sätze auf Arabisch oder Farsi wiedergeben und auch Fragen der Flüchtlinge übermitteln.

Immerhin gibt sich die Frau, die sich nach möglichen finanziellen Folgen des Sitzenbleibens erkundigt hat, mit der Antwort der Rechtspflegerin zufrieden, auch wenn ihr Blick nachdenklich wirkt. Sie ist eine von 21 Menschen aus Afghanistan, Syrien, Irak und Pakistan, die an diesem Nachmittag im Rahmen des Diesterweg-Projekts für Flüchtlingsfamilien an der Rechtsstaatsklasse teilnehmen. Vor allem das Wertesystem, auf dem die deutsche Gesellschaft basiert, will Kassold den 15 Männern und sechs Frauen vermitteln. Dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Dass Religionsfreiheit herrscht. Dass Bestechung bestraft wird. Dass es auch in den eigenen vier Wänden verboten ist, etwa Ehefrau und Kinder zu schlagen. „Gewalt in der Ehe wird in Deutschland konsequent bestraft“, betont Kassold.

Einige Teilnehmer nicken. Offenbar hören sie das nicht zum ersten Mal. Als Susanne Kassold aber beim Thema Familienrecht davon spricht, dass in Deutschland auch gleichgeschlechtliche Ehen möglich sind, breitet sich auf den Gesichtern einiger Männer ein verlegenes Grinsen aus. Doch zu Wort meldet sich niemand. Er habe schon davon gehört, dass in Deutschland auch Männer untereinander heiraten könnten, erzählt ein junger Syrer, später. Wie er das finde? Ungewohnt, deshalb habe er lachen müssen, sagt er. Aber er wisse, dass das im Libanon auch möglich sei. Ein anderer Syrer betont, dass er Respekt vor der gleichgeschlechtlichen Ehe habe: „Jeder ist frei, jeder entscheidet, was er will.“

Flüchtlinge wünschen sich Frieden und Sicherheit

Ein Satz, der Laetitia ten Thije vom Diakonischen Werk für Frankfurt, die das Diesterweg-Projekt für Flüchtlingsfamilien koordiniert, nicht überrascht. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Geflüchtete ein ähnlich liberales Demokratie-Verständnis wie Befragte in Deutschland hätten, sagt sie: „Die Differenzen sind nicht so groß, wie viele glauben.“ Vielmehr wünschten sich die meisten, einfach in Frieden und Sicherheit zu leben und sich anzupassen. Entsprechend groß sei das Interesse an dem Kurs.

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Auch an diesem Nachmittag hören die Teilnehmer aufmerksam zu und stellen immer wieder Fragen. Etwa als es um das Thema Schulpflicht geht. Ob man denn die Kinder mitnehmen könne, wenn man wegen eines familiären Notfalls für einige Tage verreisen müsse, wollen einige wissen. Dann müsse man vorher die Schulleitung um Erlaubnis fragen, antwortet Susanne Kassold und schärft den Zuhörern ein: „Nie ohne Genehmigung fahren, sonst sind Bußgelder möglich.“ Es sei gut, in diesem Kurs mehr über das Leben in Deutschland zu erfahren, sagen die beiden Syrer später. Vielleicht, überlegt Laetitia ten Thije anschließend, könne man bei einer Neuauflage des Kurses weitere Treffen in kleineren Gruppen anbieten, um das Gehörte zu vertiefen. Doch von der Veranstaltung an sich ist sie überzeugt: „Die Rechtsstaatsklassen sind ein sehr hilfreiches Angebot.“

VON BRIGITTE DEGELMANN

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