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Kurz vor Beginn des Nachmittagsgebets füllt sich die Abu-Bakr-Moschee langsam.

IIS und Abu-Bakr-Gemeinde

Frankfurter Moscheen weisen Vorwürfe zurück, sie würden Muslimbrüdern nahe stehen

Selektiv und unfair sei es, wenn kritisiert werde, sie stünden den Muslimbrüdern nahe, wehren sich die Vorstände zweier Frankfurter Moscheen. Und verweisen bei einer Gesprächsrunde mit Journalisten auf das soziale Engagement ihrer Gemeinden.

Frankfurt - Sie nennen es kopfschüttelnd die "Kontaktschuldhypothese" und verstehen nicht, wieso der "Kontakt", oder noch schwammiger, ein "Bezug" zu Muslimbrüdern sie derart in die Kritik bringt. "Das Wort ,Bezüge' kann alles bedeuten", sagt Mohamed Johari, Imam und Sprecher des Vereins Islamische Informations- und Serviceleistungen (IIS), der in der Hohenstaufenstraße 8 eine Moschee hat. Genau diesen Begriff benutzt der Verfassungsschutz, wenn er sagt, der IIS habe "Bezüge" zum Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland, der wiederum der zu den Muslimbrüdern gehörenden Islamischen Gemeinschaft in Deutschland nahe stehe.

Dass er und Johari ein theologisches Seminar des Europäischen Instituts für Humanwissenschaften (EIH) - laut hessischem Verfassungsschutz den Muslimbrüdern zugehörig - sei so ein Fall, sagt Said Barkan, der hessische Landesvorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland. "Dort ging es um Grundlagen des islamischen Rechts, die mich als Juristen persönlich interessierten." Dass er nun in die Nähe der Muslimbrüder gerückt werde, empört ihn.

Kritikerin sieht "Geflecht"

Ohne den Namen zu nennen, reagieren Johari und Barkan bei einer vom Mediendienst Integration für Journalisten organisierten Gesprächsrunde in der Moschee des IIS und der Abu-Bakr-Moschee auf Vorwürfe der Offenbacher Islamexpertin Sigrid Herrmann-Marschall. Sie sieht die Teilnahme von Johari und Barkan sowie Mohamed Seddadi (er ist Vorstand der Hausener Abu-Bakr-Moschee) am EIH-Seminar als Beleg dafür, dass sie zum "Aktionsgeflecht der Muslimbrüder" gehören. Sie kritisierte, dass der Mediendienst ausgerechnet diese Männer den Journalisten als Gesprächspartner zum Thema "Deutscher Islam" präsentiere (wir berichteten).

Wenn "Kontakt" so viel bedeute, sagt dazu Johari, müsse das doch auch im positiven Sinne angeführt werden. Etwa der häufige Dialog des IIS mit Christen, Juden und Buddhisten, die Zusammenarbeit mit sozialen und Bildungseinrichtungen. Die Gemeinde erhielt den Nachbarschaftspreis der Stadt, eine mit dem Weltladen Bornheim erstellte islamische Fair-Trade-Broschüre wurde ausgezeichnet, nach den islamistischen Anschlägen in Paris beteiligte sich die Gemeinde an Mahnwachen. "Aber das wird nicht erwähnt. Diese Selektion macht mich stutzig."

Verfassungsschutz

Kritisch sieht die Aussagen der Verfassungsschützer auch Diether Heesemann, Ehrenmitglied und Mitbegründer des Frankfurter Rats der Religionen. "Wir haben versucht, zwischen der Gemeinde und dem Verfassungsschutz zu vermitteln. Diese Gespräche verliefen sehr unzufriedenstellend." Das Amt habe nicht erklärt, wie es zu seiner Einschätzung komme.

Im Zentrum des Journalistengesprächs stand aber eigentlich der "deutsche Islam". Die Moschee des IIS sei beispielhaft, weil hier nur auf Deutsch gepredigt werde, sagt Daniel Bax vom bundesweit aktiven und von Migrationsforschern getragenen Mediendienst Integration. Johari erklärt, die Gemeinde sei "von jeher deutsch und multikulturell, mit Frauen in Verantwortung tragender Position." Zu jedem Freitagsgebet kämen Menschen aus bis zu 50 Nationen, vor allem junge Leute. Sich gesellschaftlich zu engagieren, begründe die Gemeinde aus ihrer Religion heraus.

Jugendarbeit wichtig

Natürlich präge das Leben in Deutschland und gerade in der Großstadt Frankfurt junge Muslime, sagt Barkan. Jugendarbeit werde immer wichtiger, "darauf müssen sich die Gemeinden einstellen". Das Leben in einer freiheitlichen Gesellschaft präge auch junge Muslime und werfe neue Fragen auf, zum Tragen des Kopftuchs etwa, zum Fasten oder ob Muslime und Nichtmuslime heiraten dürfen. "Da muss jeder selbst entscheiden." Themen, die auch die Abu-Bakr-Moschee beschäftigen. Hier hätten die jungen Gemeindemitglieder einen Jugendrat gebildet, dem vier junge Männer und zwei Frauen angehören, erklärt Seddadi. In einem Jugendclub und an der Hausaufgabenhilfe nähmen auch nichtmuslimische Kinder aus der Nachbarschaft teil. Gebe es Probleme bei der Jobsuche, werde geholfen. "Zum Glück ist unser Imam selbst noch recht jung. So kann er auf die Themen der Jugendlichen eingehen, menschlich wie theologisch."

Kommentar: Geschmäckle bleibt

Wann ist man ein Islamist? Wo ist die Grenze? Da ist der Seminarbesuch in einer Institution der Muslimbrüder. Selbst wenn es nur um die traditionelle Auslegung von Koran- und Sunna ging, bleibt ein Geschmäckle: Johari, Seddadi und Barkan mussten wissen, bei wem sie zu Gast sind.

Andreas Haupt

Ihnen jedoch zu unterstellen, sie sympathisierten mit der Ideologie ihrer Gastgeber, schießt aber genauso über das Ziel hinaus wie die Muslimbrüder zu verharmlosen. Es gibt zu viele Belege für das gesellschaftliche Engagement des Trios und dafür, dass sie es ernst meinen, wenn sie von Integration, interreligiösem Dialog und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sprechen.

Die muslimischen Gemeinden sind - so wie der Rest der Gesellschaft im Umgang mit ihnen - in einem Selbstfindungsprozess, der noch lange dauern dürfte. Vorsicht ist geboten. Nicht nur vor radikalen Muslimen, sondern auch davor, jemanden leichtfertig zu einem solchen zu erklären.

von Andreas Haupt

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