"Frei.Wild" haben eine eingeschworene Fangemeinde, die Verdächtigungen, Anhänger einer Rechtsrockband zu sein, hartnäckig trotzt. Fotos: Sven-Sebastian Sajak

Umstritten aber beliebt

Spiel mit dem Opfermythos: Erstes Stadionkonzert von Frei.Wild

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Mindestens fahrlässig: Die umstrittene Deutschrockband "Frei.Wild" profitiert von diffusen Ängsten einer politisch zunehmend enthemmten Gesellschaft. Beim Konzert im Frankfurter Waldstadion scharte sie nun ihre Anhänger um sich.

Ja, sie wären in Chemnitz aufgetreten, wenn man sie gefragt hätte, sagt Philipp Burger, Sänger und Gitarrist der Hardrockband "Frei.Wild", und er klingt dabei, als sei dies eine Selbstverständlichkeit. Dort, im Freistaat Sachsen, fand im letzten Jahr das Musikfestival "Wir sind mehr" statt, eine Reaktion auf die gewaltsamen Ausschreitungen rechtsextremer Gruppen im Nachgang eines Falls von Totschlag, für den Flüchtlinge verantwortlich gemacht werden. Dass die betont konservativen "Frei.Wild" im September 2018 nicht mit ausgesprochen linken Gruppen wie "Feine Sahne Fischfilet", "Kraftklub" oder "Die Toten Hosen" auf der Bühne standen, habe allerdings noch einen zweiten Grund gehabt, erklärte Burger kürzlich in einem Radiointerview. "Wir sind mehr: Mehr als wer denn? Die bösen Menschen? Sind das diejenigen, mit denen man nicht redet? Die es nicht verdienen, auch gehört zu werden?". Mit dem Motto des Konzerts habe man Fälle rechter Ausgrenzung mit einer weiteren Ausgrenzung beantwortet, findet der 38-jährige Musiker.

Zum Abschuss freigegeben: Verfolgt, missverstanden, ungeliebt

Für wen genau Burger auf diese Weise Partei ergreift, die Demonstranten von Pegida etwa oder die vielzitierten diffus "besorgten Bürger", bleibt unklar. Der vermeintlich glühende Appell zum Schulterschluss verwundert trotzdem, denn als Boten der freundlichen Verständigung sind "Frei.Wild", deren Alben Titel wie "Opposition" oder "Feinde deiner Feinde" tragen, bislang kaum aufgefallen. Den Topos der Verfolgten, Missverstandenen und Ungeliebten, die sich aggressiv zur Wehr setzen müssen, bedient das Quartett aus Südtirol unablässig. Schon im Bandnamen klingt dieses Selbstverständnis an: Als Freiwild gelten in der Jägersprache Tiere, die zum Abschuss freigegeben sind. Mit dem Bild des Outlaws können sich offenbar viele Menschen identifizieren. Der Erfolg der Gruppe um Philipp Burger nimmt seit Jahren zu, ihre Platten erreichen höchste Platzierungen in den Hitparaden. In Frankfurt gaben "Frei.Wild" nun ihr erstes Stadionkonzert.

Damit sei ein Traum in Erfüllung gegangen, ruft Burger mit Raucherstimme dem Publikum zu, das teils seit dem Nachmittag unter der Hitze des geschlossenen Arenadachs ausgeharrt hat. Im Innenraum, wo normalerweise das Spielfeld der Frankfurter Eintracht ist, stehen die Zuschauer dicht gedrängt, auf der Haupttribüne jedoch tun sich oben und an den Rändern deutliche Lücken auf. Der Rest des Stadions, die Längsseite hinter der mittig platzierten zweistöckigen Bühne, ist gesperrt. "Frei.Wild" scheinen die leeren Ränge nicht zu stören. Im Gegenteil: Sie seien all denen dankbar, die "einer Band mit diesem Scheißruf" einen solchen Auftritt ermöglicht hätten.

Südtirol in Frankfurt allgegenwärtig: Texte immer noch offensiv patriotisch  

Ihre zweifelhafte Reputation werden die Musiker noch mehrfach im Laufe des knapp zweieinhalbstündigen Konzerts betonen. Sie gründet gar nicht mehr so sehr darin, dass Philipp Burger in jungen Jahren Mitglied einer Neonaziband war. Von dieser extremistischen Phase seiner Biografie hat er sich wiederholt distanziert. Das offensiv Patriotische allerdings ist nicht aus den Texten verschwunden. Dabei geht es immer um Südtirol, wo sich die Band 2001 gründete. Selbst in Frankfurt ist die Gegend südlich des Brennerpasses an diesem Abend allgegenwärtig. An den Getränkeständen wird das Bier einer Südtiroler Brauerei ausgeschenkt, manche Konzertbesucher schwenken die weiß-rote Regionalflagge. Auch die Bühne ist in diesen Farben ausgeleuchtet, wenn "Frei.Wild" über die autonome Provinz im Norden Italiens singen.

Spiel mit Interpretationsspielräumen: Philipp Burger, Sänger, Komponist und Gitarrist der Band

Gerne behaupten die Musiker, ihre Lieder seien lediglich Liebeserklärungen an die pittoreske Landschaft, wo "die Wiesen so grün" sind und "der Wald ganz dicht" ist (im Song "Südtirol"). Es gibt jedoch ein zweites Narrativ jenseits der Flora und Fauna. "Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk", heißt es im Stück "Wahre Werte", das die Band bei ihrem Stadionauftritt ausspart. Alexander Gauland würde das wohl "Nationalromantik" nennen. Niemand bestreitet, dass die Geschichte Südtirols durchaus tragisch ist. Ursprünglich deutschsprachig geprägt, wurde das Gebiet in Folge des Ersten Weltkriegs gegen den Willen der Bevölkerung Italien zugesprochen. Wer allerdings in jüngerer Vergangenheit in Südtirol war, in Brixen, dem Heimatort der Band, in Bozen, Meran oder den unzähligen Bergdörfern, der gewinnt nicht den Eindruck, dass hier eine indigene Kultur vom Aussterben bedroht ist.

Gefühlte Wirklichkeit: Goebbels-Zitat in einem Song

Was die Band oft beschreibt, ist eine "perceived reality", eine gefühlte Wirklichkeit, die sich nicht unbedingt auf objektive Fakten bezieht, sondern Ergebnis individuellen Empfindens ist. Es sind die gleichen vagen Bedrohungsgefühle, die hierzulande die AfD oder die Organisatoren der Pegida-Märsche zu schüren versuchen und die den Diskurs über gesellschaftliche und politische Themen hemmungslos vergiften. "Frei.Wild" machen sich damit nicht gemein, viele ihrer hochtourigen Titel, durchbrochen von einigen Balladen, sind völlig unpolitisch. Und doch wirken manche Texte und Aussagen wie Brandbeschleuniger in einer aufgeheizten Zeit, wenn sie fahrlässig Interpretationsspielräume lassen und regelmäßig dem Muster von Provokation und Relativierung folgen. Das Goebbels-Zitat im Song "Für immer Anker und Flügel"? Ein ärgerlicher Zufall. Die martialische Sprache in vielen Songtexten? Gebe es doch auch im Fußball. Das Cover-Album, auf dem die Band zuletzt Songs linker Bands wie "Die Ärzte" oder "Jennifer Rostock" imitierte? Bloß eine "Hommage" an "moralische Leuchtturmkultur". Kurzum: Alles nicht so gemeint, aus dem Kontext gerissen, böswillig missverstanden.

So nährt die Band einen nicht zuletzt kommerziell ergiebigen Opfermythos, die Vorstellung einer Gesellschaft, die von der Politik verraten und von den Medien in die Irre geführt wird. Diese Ansicht teilt zweifellos nicht jeder im Waldstadion, und doch mutet es seltsam an, wenn Tausende Menschen gemeinsam "Das Land der Vollidioten" besingen. "Wir haben immer gesagt, dass wir das Land hier furchtbar lieben", schwadroniert Philipp Burger gegen Ende des Konzerts einmal mehr über Südtirol, umsprüht von allerlei Funkenfontänen, die mit einem Knall aus dem Bühnenboden schießen. "Balsam für die Seele, wie wir euch damit provozieren. Ihr seid dumm und naiv, wenn ihr denkt, Heimatliebe ist gleich Politik". Der Wunsch, "Schwarz und Weiß" zu überwinden, wie ihn zuvor ein anderes Stück auf der Setlist formulierte, scheint da schon wieder vergessen.

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