Der erste Tag zu Hause: Johanna und Clara nach ihrer Leidenszeit auf der Frühchen-Intensiv-Station im Bürgerhospital. Mehr Achtsamkeit als andere Säuglinge brauchten die Zwillinge weiterhin. Jede Erkältung hätte folgenschwer werden können. Fotos: privat (3), Leonhard Hamerski.

Stammtisch für alle Betroffenen

107 Tage zwischen Leben und Tod: Mutter von Frühchen erzählt

Eine Frankfurterin hat mit ihren Frühchen-Zwillingen eine schwere Zeit erlebt - und deshalb eine Initiative für Eltern ins Leben gerufen.

Frankfurt - Wird ein Baby zu früh geboren, bedeutet das für die betroffenen Familien oft eine Ausnahmesituation. Eine Elterninitiative, die sich am Bürgerhospital gegründet hat, sorgt dafür, dass Betroffene nicht alleine sind.

Dieses Piepsen an der Supermarkt-Kasse. Maya Baußmann-Herr schaudert, wenn sie daran denkt: "Die Tonfolge war dieselbe wie diejenige am Beatmungsgerät, wenn der Schlauch abgeknickt war. Eine Zeit lang hat mich das verrückt gemacht." Immer noch erinnern sie diese Töne an eine Zeit voller Ängste und Anspannung: an die ersten Lebenswochen ihrer Zwillingstöchter Johanna und Clara. Vor zweieinhalb Jahre wurden sie im Bürgerhospital geboren - zehn Wochen zu früh, weshalb sie sofort auf die Neugeborenen-Intensivstation gebracht wurden.

Frankfurt: Frühchen für Monate in Klinik

Was das bedeutet, wird kaum jemand ermessen können, der es nicht selbst erlebt hat. Für Maya Baußmann-Herr und ihren Mann hieß das: Stunden, Tage, Wochen auf einer Abteilung verbringen, zu der außer betroffenen Eltern, Ärzten und Pflegern kaum jemand Zutritt hat. Eine abgeschlossene Welt mit Beatmungsgeräten und Monitoren, in der die winzigen Frühgeborenen, manche kaum 700 Gramm schwer, in Inkubatoren oder Wärmebettchen liegen. Viele mit kleinen Schläuchen durch die Nase in die Luftröhre und Kathetern in den dünnen Ärmchen.

Sieben Wochen bleibt Johanna auf der Frühchen-Station; Clara, mit gerade mal 1020 Gramm Geburtsgewicht die Kleinere von beiden, sogar fast doppelt so lang. "107 Tage", sagt Maya Baußmann-Herr. Vor allem um Clara sorgen sich die Eltern lange. Nie wird die 38-Jährige den Morgen vergessen, als Ärzte sie mit ernsten Gesichtern empfangen. In der Nacht davor habe Clara eine schwere Lungenblutung gehabt, es war nicht klar, ob sie durchkommt. Von Nottaufe ist die Rede. Aber die Juristin wollte das nicht. "Ich hab' immer gesagt, sie schafft das", sagt sie - und kämpft mit den Tränen.

Frankfurt: Grenzerfahrungen im Krankenhaus

Es sind Grenzerfahrungen, die sie und ihr Mann in jenen Wochen machen, als vor allem Maya Baußmann-Herr täglich acht bis zwölf Stunden in der Klinik verbringt. Die Kinder, wenn möglich, aus dem Bettchen nimmt und sich auf die Brust legt, stundenlang, weil Nähe und Hautkontakt sie stärken. "Känguruhen" nennen Fachleute das.

Von alldem haben die meisten Menschen aus ihrem Umfeld kaum eine Ahnung, manche reagieren gedankenlos. Schicken Glückwünsche, als noch gar nicht klar ist, ob es beide Mädchen schaffen. Zum Glück gibt es andere. Wie jenen Freund, der sie eines Morgens anruft und fragt, ob er irgendwann kurz vorbeischauen könne. Und dann einen Kuchen sowie einen großen Korb voller Schüsseln mit selbstgekochtem Essen bringt, fix und fertig zum Einfrieren.

Frankfurt: Eltern von Frühchen oft allein

Dankbar denkt die 38-Jährige an solche Gesten zurück. Umso mehr, da man trotz der großen Hilfe, die man in der Klinik erfahre, als Eltern von Frühgeborenen oft relativ allein sei, sagt sie. Auch deshalb hat sie mit anderen Betroffenen die "Elterninitiative der Neonatologie des Bürgerhospitals" gegründet: "Wir wissen, von welchen Ängsten, Sorgen und Bedürfnissen diese Zeit geprägt ist." Auch praktische Tipps geben sie gern: Welcher Osteopath hat Erfahrungen mit Babys? Bei welchem Logopäden erhält man schnell einen Termin? Wer macht eine Babymassage zu Hause?

Für Steffen Kunzmann, Chefarzt der Neonatologie des Bürgerhospitals, ist die Elterninitiative "ein weiterer wichtiger Baustein in der guten Versorgung der Kinder und Familien". Seit Jahren habe er mit Frühgeborenen und ihren Familien zu tun, sagt er, "und trotzdem kann man sich nie in die Situation der Eltern versetzen". Gerade hier könnten andere Betroffene helfen.

Frankfurt: Fordernder Alltag für die Eltern

Auch nach der Entlassung aus der Klinik. Denn der Alltag von Frühchen-Eltern ist oft extrem fordernd. Clara brauchte noch monatelang einen Monitor, um Herz- und Atemfrequenz sowie die Sauerstoffsättigung im Blut zu überwachen. Und kann oder will oft nicht essen - ein typisches Problem, Und Treffen mit anderen mied Maya Baußmann-Herr lange, aus Angst vor Keimen, schon ein Schnupfen kann folgenschwer sein.

Heute ist Clara zwar zierlicher als viele andere in ihrem Alter und auch anfälliger für Erkältungen, aber ansonsten sind beide Mädchen fit. Dennoch will sich die 38-jährige Mutter weiter in der Elterninitiative engagieren: "Wir haben einiges mitgemacht - warum sollen diese Erfahrungen brach liegen?"

Frankfurt: Stammtisch für Familien von Frühchen

Der Elterninitiative der Neonatologie des Bürgerhospitals Frankfurts gehören knapp 20 Mitglieder an. Sie ist auch für Eltern offen, deren Kinder in anderen Kliniken zur Welt gekommen sind. An jedem 15. eines Monats gibt es ab 19.30 Uhr im "Odyssee", einem Lokal in der Weberstraße 77 im Nordend einen "Frühchen-Stammtisch".

Geplant ist darüber hinaus unter anderem ein Foto-Projekt, um die Entwicklung von Frühgeborenen zu dokumentieren. Das sei für Eltern, deren Kinder noch in der Frühchen-Station sind, eine wichtige Unterstützung, sagt Steffen Kunzmann, Chefarzt am Bürgerhospital, dessen Frühchen-Station zu den renommierten im Rhein-Main-Gebiet zählt: "Das ist eine Zeit voller Ungewissheit, da können solche Fotos neue Kraft geben."

Anmeldungen für den "Frühchen-Stammtisch" sind per E-Mail möglich: stammtisch@neo eltern.de. Informationen über weitere "Frühchen-Treffen" sowie über die Initiative gibt es im Internet: www.neoeltern.de. bd

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