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Steingarten liegen im Trend

Schotter statt Stauden

Zurück in die Steinzeit: Gärten des Grauens

Manche finden sie schlicht praktisch, einige sogar schön. Mit farbigem Schotter ausgelegte Vorgärten und Gräber.

Frankfurt -  Erst kürzlich, sagt Sebastian Müller, habe er wieder einen Schotter-Vorgarten angelegt, im Kundenauftrag. Müller ist Landschaftsgärtner und Fachmann für Gartengestaltung. Seine Spezialität ist die Gestaltung, Anpflanzung und Pflege von Gehölzen, Stauden und Pflanzen. Für einen Schottergarten braucht er dies alles nicht, sondern vor allem nur sehr viele Steine. Diese werden über ein zuvor auf dem ausgehobenen Boden ausgelegtes Vlies aufgebracht, manchmal in unterschiedlichen Farben, gelegentlich in Mustern. "Manchmal wird noch ein Alibi-Busch gepflanzt", sagt Müller. Das war's.

Ohne Pflege geht nichts

Seit Jahren boomen Vorgärten mit Schotterbelag. Sie gelten als besonders pflegeleicht. "Das trifft vielleicht für das erste Jahr zu", weiß der Frankfurter Landschaftsgärtner Stefan Quirin. "Ohne Pflege geht es aber auch bei solchen Gärten nicht. Langfristig lagern sich nämlich zwischen den Steinen und in den Fugen altes Laub und Flugsamen ab, suchen sich Flechten, Moose und Wildkräuter ihren Weg, auch durch Sperrschichten."

Der Nabu kritisiert die trendige Gestaltung von Vorgärten. Weil die geschotterten Fläche für Tiere und Pflanzen verloren gehen. Auch für das Stadtklima sind solche Flächen eine Belastung. Weil sie sich im Sommer stärker aufheizen als naturnahe Gärten. Die in den Steinen gespeicherte Wärme wird über Nacht abgegeben und wirkt so der erfrischenden Abkühlung entgegen. Der Boden kann kein Wasser speichern und es fehlen schattenspendende Pflanzen. Einige Städte in Hessen gehen jetzt gegen die umstrittenen Stein- und Schottergärten vor: Hanau verbietet sie ausdrücklich in Bebauungsplänen, ebenso wie nun auch Fulda.

In Frankfurt sind sie schon seit über 40 Jahren verboten. Zwar nicht ausdrücklich. "Weil dieser Trend 1977, als die Vorgartensatzung erlassen wurde, noch gar kein Thema war", erklärt Uwe Amend, stellvertretender Leiter der Frankfurter Bauaufsicht. Aber schon damals wurde festgelegt: Ein Vorgarten in Frankfurt soll, nein, muss "gärtnerisch angelegt" sein. "Das bedeutet, dass die Flächen vor den Häusern bepflanzt und nicht geschottert sein sollen", sagt Uwe Amend. Weil es immer wieder Verstöße gegen diese Satzung gibt, kontrollieren zwei eigens damit beschäftigte Mitarbeiter seiner Behörde seit einigen Jahren systematisch die Vorgärten im gesamten Stadtgebiet. Amend: "Im Moment sind sie in Rödelheim unterwegs."

Autos im Vorgarten

Wo Vorgärten nicht der Satzung entsprächen, würden die Grundstückseigentümer angesprochen und die Umgestaltung der Fläche verlangt. Ein echtes Problem seien die Schottergärten in Frankfurt indessen nicht, so Amend. "Ich habe den Eindruck, der Trend ist schon wieder rückläufig." Ein weitaus größeres Problem seien Autostellplätze in Vorgärten. An eine Abkehr vom Trend zum Schottergarten glaubt auch Quirin. Er habe im vergangenen Jahr zwei Schottergärten zurückgebaut und als Grünflächen gestaltet. "Das Bewusstsein ändert sich." Ob es der heiße Sommer 2018 war, der bei einigen ein Umdenken initiiert hat, oder die aktuelle Debatte über schwindende Lebensräume für Bestäubungsinsekten, weiß er nicht. Aber: "Jeder Schottergarten, der wieder Grünfläche wird, ist ein Gewinn fürs Stadtklima."

Von Sylvia A. Menzdorf

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