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Nach Attacke im Frankfurter Hauptbahnhof

Kommentar

Nach Tat am Frankfurter Hauptbahnhof: Nur die Wahrheit hilft 

Die schreckliche Tat am Frankfurter Hauptbahnhof schockiert Deutschland auch noch Tage danach. Das Kapitel wird sich nicht schnell schließen. Ein Kommentar.

Frankfurt - Auch zwei Tage nach der Tat ist es kaum möglich, sich zu beruhigen. Mitten im hellen Alltag hat sich ein dunkler Abgrund des Schreckens aufgetan, der sich so schnell nicht schließen wird: nicht für die Frau, die überlebte, aber ihren achtjährigen Sohn verlor, nicht für die, die dem Grauen zusehen mussten. Für die nicht, die zwar weit weg waren, aber ein mitfühlendes Herz besitzen, und auch für jene nicht, die darüber nachdenken müssen, welche Schlüsse zu ziehen sind. 

Frankfurt: Der Schock ist sehr groß

Der Schock ist so groß, weil die barbarische Tat vom Frankfurter Hauptbahnhof an eine Urerfahrung des Menschen rührt: die enge Beziehung von Mutter und Kind. Plötzlich stellt sich bei vielen das Gefühl einer gewaltsamen Vertreibung aus einem Zustand der Geborgenheit ein. Es ist, als spüre man den Riss, der nun durch eine vertraute und verlässliche Welt der Unschuld geht, in der man sich eben noch selbst geschützt und aufgehoben wähnte. 

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Dieser Einbruch der rohen, willkürlich erscheinenden Gewalt zerstört das Vertrauen in unsere Lebenswelt. Er macht mit einem Schlag alles fremd und unheimlich: den Bahnhof, die Passanten, alles, was zur gewohnten, jeden Tag erfahrenen Ordnung gehört, auf der das zivilisierte Leben ruht. Zugleich erlebt, wer mit Empathie begabt ist, die Trauer mit, die ja untröstlich ist, wenn das eigene Kind stirbt – zumal auf diese albtraumhafte Weise. 

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Und doch scheint es, als gehörten zu solch abscheulichen Taten stets wiederkehrende Reflexe: Jeder tastet schnell im Ungefähren nach Zusammenhängen und Mustern. Es melden sich Affekte gegen den Täter: Wut, Hass, Rachlust. Ein freies Assoziieren entlang von Schlüsselwörtern beginnt, das ganze Gruppen mit ins Visier nimmt – Terror, Migration, Kampf der Kulturen. Im Netz heizen hysterische Zuschreibungen, (Vor-)Verurteilungen und absurde Bannsprüche die Gemüter bis zur Unzurechnungsfähigkeit auf. Währenddessen versuchen die einen, zu beruhigen, indem sie falsch beschwichtigen, unscharf hinsehen oder bewusst beschweigen. 

Emotionen werden schamlos aufgepeitscht

Andere peitschen schamlos Emotionen auf, indem sie agitieren, gezielt verzerren und monströse Vergeltung fordern. Und wieder andere verfallen in eine besinnungslose Rhetorik der Tat, die vorgibt, dem Unheil sei ein für allemal beizukommen. Die Wahrheit ist: All das hilft gar nichts. Gewiss hingegen ist: Es gibt keine Gesellschaft und keinen Staat, die derartige Taten durch Maßnahmen irgendwelcher Art ausschließen könnten. Gewiss ist aber ebenso: Was getan werden kann, muss getan werden. Womöglich gehören auch Schleusen an Bahnsteigen dazu. Das ist gründlich und besonnen zu prüfen. Auch mehr Polizeipräsenz. Dass zum wiederholten Male ein bereits zur Fahndung ausgeschriebener Mann unerkannt nach Deutschland gelangen kann, um einen „kaltblütigen Mord“ (Seehofer) zu begehen, ist indes ein erschreckendes Zeugnis rechtsstaatlicher Ohnmacht und müsste den Bundesinnenminister und seine Kollegen endlich zu entschlossener politischer Initiative bewegen. 

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Der mutmaßliche Täter aus Eritrea, Vater von drei Kindern, lebte seit Jahren in der aufenthaltsrechtlich rigiden Schweiz. Er galt als Musterbeispiel gelungener Integration. Die Hintergründe der Wahnsinnstat bedürfen wohl noch weiterer Ermittlungen. Manches deutet auf eine psychische Ursache der Tragödie hin. Das Wichtigste ist auch diesmal, die Wahrheit herauszufinden. Sie ist in Zeiten wie diesen das wertvollste Gut: Denn die Wahrheit ist – nach jedem Albtraum – die Quelle unseres Vertrauens in eine geordnete zivile Welt.

von Michael Kluger

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