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Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (62, Grüne) ist Botanikerin. Und an Bäumen kann sie nicht mehr vorbeigehen, ohne sich von ihrem Zustand zu überzeugen. 

Rosemarie Heilig

Baumsterben in Frankfurt: „Wenn es so trocken bleibt, wird es schlimm“

Umweltdezernentin Rosemarie Heilig ist voller Sorge, weil die Bäume in Frankfurt so rasant sterben.

Frankfurts - Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) hat wiederholt von einer "Katastrophe" gesprochen: Die Bäume sterben, ob im Stadtwald oder in der Stadt. Grund ist die Trockenheit, der Klimawandel. Redakteur Thomas J. Schmidt hat sie gefragt, was man dagegen noch tun kann.

Welche Bäume leiden am meisten unter der Trockenheit?

Wir haben in im Stadtwald und im Stadtgebiet die typischen mitteleuropäischen Mischwälder. Der Stadtwald ist ein Erholungswald mit einer sehr guten Mischung aus Buchen, Hainbuchen und Eichen, aber auch Bergahorn, Spitzahorn, Kiefer, Fichte und Lerche. Bei den Nadelbäumen - Kiefer, Fichte, Lärche - weiß man, dass sie die Trockenheit nicht gut vertragen.

Welche Bäume halten es am besten aus?

Eichen sind eher trockenresistent, Buchen eigentlich auch. Aber entgegen den Erwartungen gehen selbst auf guten Standorten wie etwa in Oberrad die Buchen ein. Die Hitzeschäden - 2003, 2015, 2018, 2019 - sorgen für Stress. Pilze und Borkenkäfer fallen die Bäume an. Fachleute sagen, dass keine Baumart es dauerhaft übersteht.

„Ich kann mir keinen Baum ansehen, ohne nach Schäden zu suchen“

Sie haben Ihre Diplomarbeit über das Waldsterben geschrieben. Gibt es Parallelen zu heute?

Ich habe ein Déjà-vu. Vor 30 Jahren habe ich mir angewöhnt, in Baumkronen zu schauen, um Schäden festzustellen. Man muss ja seine Thesen überprüfen. Heute ist es wieder so. Ich kann mir keinen Baum ansehen, ohne nach Schäden zu suchen. Damals ging es um den sauren Regen und Schadstoffe wie Stickoxide, Schwefeldioxid und um klare Handlungsoptionen. Als Studentin habe ich es erlebt und habe auch erlebt, dass wir es geschafft haben: Filteranlagen, Katalysatoren haben geholfen, und die Umweltbelastung bezüglich dieser Problematik ist heute viel besser. Ich habe gedacht: Geschafft! Heute erleben wir eine Klimakrise. Denn mit der Trockenheit und dem Klimawandel ist das Baumsterben wieder da, schlimmer als zuvor.

Es ist schlimmer?

Ja. Damals haben wir gewusst, dass es der saure Regen ist. Er hat die Böden versauert, die Bäume sterben lassen. Aber nicht so massiv. Nicht in dieser Geschwindigkeit. Die Förster sind heute fassungslos, und zwar bundesweit. Wir fällen in Frankfurt im Schnitt 1500 Bäume pro Jahr wegen der Standsicherheit. Aber in den ersten acht Monaten 2019 sind bereits 3000 Bäume gefallen, weitere 400 müssen noch gefällt werden. Und wir sind erst im August.

„Die Frage ist: Wie lange halten Buchen, Hainbuchen, Eichen, Ahorne das durch?“

Wir brauchen gar nicht zehn Jahre in die Zukunft zu schauen. Wie werden die Wälder, wird Frankfurt in zwei Jahren aussehen?

Ich bin niemand, die allzu schnell über Apokalypsen fantasiert. Ich hoffe darauf, dass die Lage sich entspannt, die kommenden Jahre feuchter werden. Es muss auch im Winter regnen. Aber wenn die kommenden Jahre so trocken bleiben, wird es schlimm werden. Die Frage ist immer: Wie lange halten unsere Buchen, Hainbuchen, Eichen, Ahorne das durch?

"Die Klimaanpassung ist die Herausforderung unserer Generation": Das sagt Rosemarie Heilig im Interview mit Redakteur Thomas J. Schmidt.

Ist die Trockenheit nicht vielmehr ein Wetterphänomen und keine Folge des Klimawandels?

Nein, es sind eben keine singulären Ereignisse mehr. Es gibt, sagen die Experten, viel mehr dauerhafte Hochdruckwetterlagen in Europa. Stabile Omega-Wetterlagen werden durch den geänderten Jetstream begünstigt. Wochen- und monatelange Hochdrucklagen mit Trockenheit, das ist seit einigen Jahren typisch für das Wetter. Wir haben viel Ostwetterlage - all das macht sich in der Natur bemerkbar.

Was kann man tun?

Grundsätzlich natürlich global den Klimawandel bekämpfen. Das sind die Aufgaben klar definiert: raus aus der Kohlepolitik, eine nachhaltige Verkehrswende, Umdenken in der Landwirtschaftspolitik und natürlich müssen sich auch die Verbraucherinnen und Verbraucher umstellen.

Auf kommunaler Ebene müssen wir sehr differenziert agieren und bezüglich mancher Maßnahmen auch von Jahr zu Jahr entscheiden. Im Stadtwald sammeln wir Samen unserer eigenen Bäume, in der Hoffnung, dass die Bäume sich anpassen, wenn sie von klein auf mit der Trockenheit konfrontiert werden. Wir forschen - zusammen mit der Goethe-Universität - darüber, welche Bäume - vor allem Eichenarten - mit dem Klima der Zukunft zurechtkommen.

Wir treffen uns regelmäßig in der Gartenamtsleiterkonferenz mehrerer Städte. Es gibt kein häufiger diskutiertes Thema als die Frage: Welche Stadtbäume halten das aus? Oder auch, sollen wir Teile des abgestorbenes Waldes sich selbst überlassen und partiell auch mal auf "Selbstheilungskräfte" setzen Am 30. Oktober haben wir eine Konferenz hier in Frankfurt. Wir tauschen unsere Erfahrungen der deutschen Kommunen aus. Denn niemand kann sagen: Das hatten wir schon mal. Wir müssen uns austauschen, kluge Leute an den Tisch holen und nach Lösungen suchen.

Robinen verschwinden, Ginkgo und Feldahorn werden sich ausbreiten

Welche Bäume werden in Zukunft an der Straße stehen?

Es wird definitiv keine Robinen mehr geben. Statt dessen wird eher der Amberbaum, Hopfenbuche, Feldahorn und Ginkgo, Schnurbaum und Zürgelbaum das städtische Grün in Zukunft prägen. Aber auch da werden wir Jahr für Jahr von den aktuellen Erfahrungen lernen müssen.

Frankfurt wächst. Wenn die Trockenheit Dauerzustand wird, werden wir dann das Wasser weiter aus dem hessischen Ried und dem Vogelsberg abpumpen können? Wie kann die Wasserversorgung aussehen?

Diese Frage exakt hat Umweltministerin Priska Hinz aufgeworfen. Wir treffen uns seit einigen Jahren als Kommunen - auch mit Bürgermeistern aus dem Vogelsberg -, und die Strategie ist so gut wie fertig. Hessenwasser gibt bislang Entwarnung. Aber wenn es weiter so wenig regnet, stehen wir vor einem großen Problem. Wir brauchen mehr eigene Brunnen und dürfen nicht mehr so viel Fläche versiegeln wie in der Vergangenheit.

„Am Urselbach und am Steinbach darf nicht gebaut werden, basta“

Flächenversieglung - was heißt das für den neuen Stadtteil?

Wichtig ist, dass wir das Grün bei allen Planungen von vornherein mitdenken. Jedes neues Bauvorhaben muss klimaaffin sein. Bäume, die da sind, müssen geschützt werden. Am Urselbach und am Steinbach müssen Auen entstehen, und dort darf nicht gebaut werden, basta. Im Bestand, wo Leitungen liegen, haben große Bäume keine Chance. In Neubaugebieten hingegen muss man von Anfang an vom Grün her planen. Das müssen die Stadtplaner und Architekten lernen.

Gehen wir ins ganz Kleine. Was kann ein Frankfurter tun? Gegen das Waldsterben?

Gegen das Waldsterben erstmal wenig. Für unsere Straßenbäume aber schon. Die kleinen Bäume brauchen einmal in der Woche 100 bis 150 Liter. Also lieber einmal in der Woche zehn Kannen Wasser, als täglich eine Gießkanne: das hilft. Große Bäume brauchen das nicht. Deren Wurzeln sind so tief, dass da Wässerung nichts hilft. Das Wasser verdunstet an der Oberfläche und kommt nicht bei den Wurzeln an.

Bäume konkurrieren mit Tiefgaragen

Was wird sich in der bestehenden Stadt ändern?

Mehr Entsiegeln als Versiegeln! Tiefgaragen unter Freiflächen, auf denen dann nichts mehr wächst, müssen der Vergangenheit angehören. Am Römerhof wird das jetzt so geplant. Gut so. Alle kommen zu mir gelaufen und beschweren sich, es müssten mehr Bäume gepflanzt werden. Aber das geht nicht auf Tiefgaragen wie etwa auf dem Goetheplatz.

Dort ist ein selten hässlicher Platz entstanden . . .

Ja. Die Stadt hat sehenden Auges vieles falsch gemacht in der Vergangenheit. Dieser Platz wurde einst voller Euphorie als "moderner, urbaner Großstadtplatz" geplant. So dürfen wir nicht weiter machen. Wenn wir nun doch Bäume wollen, müssen wir vielleicht auch überlegen, ob wir nachträglich vielleicht auf den bestehenden Tiefgaragen Wannen bauen, damit Bäume, die höher werden als drei Meter, mit Wasser versorgt werden können.

„Wir brauchen dringend eine Verkehrswende“

Der Atzelbergplatz, der Cronstettenplatz, und so weiter - Frankfurt kann überhaupt nur noch hässliche Plätze bauen.

Wir leben Gott sei Dank in einer Demokratie. Wenn ich in einen betroffenen Ortsbeirat gehe und vorschlage, den Platz zu begrünen, dann heißt es: Wir wollen dort den Wochenmarkt, den Weihnachtsmarkt, die Kirmes und so weiter. Dann haben wir eben eine aufgeräumte Fläche mit ein paar kleinen Alibipflanzen. Wir sind eine sehr autogerechte Stadt, und dieser Fehler holt uns heute ein. Wir brauchen dringend eine Verkehrswende.

Aber wir sind eine Pendlerstadt . . .

Die Autos müssen an den Endstationen S-Bahnen oder der U-Bahn abgestellt werden.

Dann braucht man Park+Ride-Plätze. Die zuständigen Ortsbeiräte werden dann auf ihre Landwirte verweisen und gegen die Flächenversiegelung plädieren. Muss sich die Kommunalpolitik ändern?

Wir müssen umdenken. Die Klimaanpassung ist die Herausforderung unserer Generation. Wir müssen aufhören, in den Grenzen der Kommunen zu denken. Wir müssen Frankfurt/Rhein-Main denken.

Es ist gut, dass "Fridays for Future" uns Alten Dampf macht

Das bedeutet: Noch eine parlamentarische Ebene. Wir haben in jeder Stadt ein Parlament, jetzt kommt noch eine Ebene darüber . . .

Nein, wir müssen die kommunalen Egoismen überwinden. Dieses Kirchturmdenken ist doch wirklich albern. Die Weichen müssen neu gestellt werden. Wir stecken in einer Klimakrise. Es ist gut, dass "Fridays for Future" uns Alten Dampf macht.

Haben unsere Anstrengungen denn einen Sinn? Wir schalten unsere Kohlekraftwerke ab, weltweit werden mehr als 1000 neu gebaut, einige finanziert von China.

Global denken, lokal handeln. Es nutzt nichts, auf die Chinesen oder Amerikaner zu schauen. In manchen Dingen ist China sogar weiter als wir, in manchen hängt das Land hinterher. Jeder kann sich an der eignen Nase fassen. Muss ich das alles kaufen? Mit dieser Verpackung? Brauche ich für diese Strecke ein Auto? Man kann erstaunlich viel machen, wenn man liebgewordene Gewohnheiten hinterfragt. Wenn jeder einzelne etwas tut, können wir viel erreichen. Denn letztlich kann keine Regierung auf Dauer gegen das Bewusstsein der Bevölkerung agieren. Ich suche nicht nach Argumenten, warum etwas nicht geht! Ich suche nach Argumenten, warum etwas geht. Das lehrt uns "Fridays for Future". Die haben in einem halben Jahr eine weltumspannende Bewegung aufgebaut. Die junge Generation gibt mir Hoffnung.

Es ist gut, dass ,Fridays for Future' uns Alten Dampf macht.

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