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IHK-Präsident Ulrich Caspar ist seit 100 Tagen im Amt. Er möchte die Infrastruktur in Frankfurt, im Hoch- und Main-Taunus-Kreis ausbauen.

Interview

IHK-Präsident Ulrich Caspar: "Frankfurt braucht einen S-Bahn-Ring"

IHK-Präsident Ulrich Caspar ist seit 100 Tagen im Amt. Er möchte die Infrastruktur in Frankfurt, im Hoch- und Main-Taunus-Kreis ausbauen.

Die Wirtschaft in Frankfurt, im Hoch- und Main-Taunus-Kreis hat einen neuen Kopf: Ulrich Caspar ist der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK). Am vergangenen Samstag war er seit 100 Tagen im Amt. Welche Erkenntnisse der frühere CDU-Landtagsabgeordnete in dieser Zeit gewonnen hat, welche Herausforderungen auf Handel und Industrie warten und welche Hilfe die Firmen dabei von der öffentlichen Hand erwarten, erklärt Caspar im Interview mit Redakteur Dennis Pfeiffer-Goldmann.

Welche Erkenntnisse haben Sie in Ihren ersten 100 Tagen im Amt erlangt, woran die IHK intensiver als bisher arbeiten sollte, Herr Caspar?

Die entscheidenden Themen für die Wirtschaft im Bezirk der IHK Frankfurt sind der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, dass wir genug Flächen bekommen für Gewerbetreibende und genug Wohnflächen für die Beschäftigten der Unternehmen. Auch innerhalb der IHK müssen wir einiges weiterentwickeln, besonders unsere Angebote für Start-ups und Existenzgründer sowie unsere eigenen digitalen Angebote.

Erst kürzlich hat die Stadt den Mainkai gesperrt, will den Autoverkehr zurückdrängen. Warum sehen Sie das kritisch?

Viele internationale Unternehmen sagen: Ihr habt die Infrastruktur einer Weltmetropole, aber die kurzen Wege. Das ist unsere DNS hier in Frankfurt. Ich bin etwas verwundert, wie wenig den kommunalpolitischen Entscheidern bewusst ist, wie extrem wichtig das Thema für die Stadt ist. Wenn Frankfurt diesen Vorteil aufgibt, hat das existenzielle Bedeutung für die gesamte Region.

Frankfurt: IHK-Präsident Ulrich Caspar - Rad-Infrastruktur ausbauen

Wie beurteilen Sie die aktuelle Verkehrspolitik in Frankfurt?

Es wäre ratsam, wenigstens kein Geld mehr in den Rückbau von Fahrspuren zu stecken. Die IHK ist durchaus ein großer Anhänger davon, die Rad-Infrastruktur auszubauen, weil viele Mitarbeiter unserer Mitgliedsunternehmen mit dem Fahrrad zur Arbeit oder Kunden zum Einkaufen fahren wollen. Aber nicht dadurch, dass man Radwege zulasten des Wirtschaftsverkehrs, also von Lkw- und Pkw-Fahrspuren, entwickelt.

Was stört Sie daran?

Wir haben als prosperierender Wirtschaftsstandort einen stetigen Zuwachs von Arbeitsplätzen und damit der Bevölkerung und nehmen dennoch derzeit Geld dafür in die Hand, um Infrastruktur zurückzubauen. In einigen Jahren werden die Menschen fragen: Wie konnten die Politiker das nur machen, wo doch schon klar war, dass mehr Infrastruktur nötig ist?

Wieso haben Sie die CDU nicht davon abgehalten, diese politische Linie mitzutragen?

Die Koalition in Frankfurt entscheidet mit allen drei Partnern. Unsere Hoffnung bei der IHK ist, dass allen Partnern bewusst wird, wie entscheidend eine optimale Verkehrsinfrastruktur für Frankfurt und die Zukunft in der Region ist. Wir benötigen dringend einen gesellschaftlichen Diskurs zur Mobilität in Frankfurt und der Region. Dieser muss die Belange von allen Beteiligten umfassen, natürlich auch die der Wirtschaft. Eine reine Fortschreibung eines Gesamtverkehrsplans mit Bezeichnung einzelner Projekte würde dafür nicht ausreichen. Es geht nicht allein um Straßen und Schienen, sondern um bessere Lösungen für die verschiedenen Anforderungen an den Verkehr in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

An welchen Stellen sollte Infrastruktur ausgebaut werden?

Wir brauchen Radfahren plus Fahrspuren für Auto und Lastwagenverkehr, nicht das eine gegen das andere. Muss man zum Beispiel eine Bockenheimer Landstraße von drei auf zwei Fahrstreifen reduzieren und damit auch den gewerblichen Verkehr ausbremsen? Wäre es für die Fahrradfahrer nicht viel attraktiver, wenn man den Kettenhofweg zu einem Radschnellweg ausbaut? Dort könnten die Radfahrer schnell vom Alleen- zum Anlagenring fahren, ohne direkt neben dem motorisierten Verkehr mit seinen Abgasen fahren zu müssen und ohne an Ampeln stehen bleiben zu müssen. Ähnlich kreativ könnte man auch im Nordend vorgehen. Es gibt keinen Grund, die Friedberger Landstraße weiter einzuschränken für Pendler-, Kunden- und Lieferverkehr.

Wo muss jenseits der Straßen investiert werden?

Ein Fernbahntunnel ist vor allem sinnvoll, um mehr Kapazitäten für den Nahverkehr auf der Schiene zu bekommen. Die Gleisbelegung durch den Fernverkehr erschwert momentan den dringend nötigen Ausbau des Regionalverkehrs. Es wäre gut, wenn die Regionaltangente West möglichst bald käme und auch gleich angeschlossen würde an eine Regionaltangente Süd. Wir brauchen, verbunden mit der Tangente Ost, einen S-Bahn-Ring rund um Frankfurt.

Ulrich Caspar: Autobahnen in der Region ausbauen

Benötigen wir angesichts des Klimawandels dann überhaupt noch Autobahn-Ausbau, etwa auf der A3 und der A5?

Neue Antriebe und Treibstoffe sind wichtig, denn der Lastwagenverkehr ist weiter in einer Wachstumsphase. Deshalb müssen wir auch die Autobahnen in der Region ausbauen. Man sollte auch überlegen, ob die Autobahnen intelligenter genutzt werden können durch wechselseitig nutzbare Fahrstreifen in der Mitte, die je nach Bedarf des Pendlerverkehrs freigegeben werden. So etwas gibt es in Los Angeles oder Seattle schon. Hier könnten wir in Frankfurt Vorreiter für Deutschland sein, wenn wir etwas kreativer werden.

Warum ist der Verkehrsbereich so wichtig für Frankfurt?

Wir haben in der Verkehrs- und Logistikwirtschaft doppelt so viele Arbeitsplätze wie in der Finanzwirtschaft, für die Frankfurt so bekannt ist.

Bei der Wichtigkeit der Verkehrswirtschaft: Müssen wir uns nun Sorgen machen, wenn bald Kohlendioxid-Ausstoß besteuert werden könnte?

Die Reduzierung des CO2-Ausstoßes ist wichtig. Über das bessere Modell wird auch in der IHK noch diskutiert. Für das erfolgreichste Modell halte ich persönlich, wenn der Gesetzgeber vorgibt, welche CO2-Menge insgesamt ausgestoßen werden darf, und diese Menge muss jährlich reduziert werden, bis sie auf null ist. Und dabei wäre aus meiner Sicht die einfachste Form die Regelung über einen Zertifikatehandel.

Also besser keine Steuer?

Wie gesagt, wir haben als IHK noch keine abschließende Position dazu und prüfen die verschiedenen Argumente. Die Frage ist, ob eine Besteuerung die Menge nennenswert reduzieren kann? Zudem würde eine Steuer neue Fragen aufwerfen. Ein Mitarbeiter aus dem hinteren Vogelsberg hätte auch bei zehn Cent Steuer mehr pro Liter Kraftstoff keine Möglichkeit, auf eine S-Bahn umzusteigen, weil es die dort gar nicht gibt. Am Ende würde zur CO2-Reduktion wenig erreicht und der Zuzugsdruck auf Frankfurt würde sich eher noch erhöhen.

Für viele Firmen ist der Fachkräftemangel ein großes Problem. Wie lässt es sich lösen?

Es gibt Fachkräfte, die sind nur nicht in ausreichender Anzahl hier. Der Bund hat ja inzwischen Möglichkeiten geschaffen, dass man qualifizierte Menschen aus anderen Regionen gewinnen kann. Der Engpass ist aber der günstige Wohnraum für diese Fachkräfte. Dafür tragen die Kommunen die Verantwortung, weil sie zu wenig Bauland ausgewiesen haben oder zu wenige Aufstockungsmöglichkeiten zulassen.

Ulrich-Caspar: Zuwanderung von 20 000 Menschen jährlich nötig

Wie viel Zuwanderung benötigt die Wirtschaft denn?

Wir brauchen einen Zuzug von jährlich vielleicht 20 000 Menschen in die Region, um den Bedarf zu decken. Wenn das nicht möglich ist, entwickelt sich die Wirtschaft erheblich langsamer. Einige Firmen haben schon jetzt zu wenige Mitarbeiter, um alle Aufträge abzuarbeiten, zum Beispiel bei Ingenieurbüros. Es ist schon seltsam: Menschen suchen Wohnraum, die Unternehmen sind bereit, zu bauen, aber die Kommunen weisen nicht genügend Bauland aus. . Wachstumspotentiale können nicht ausgeschöpft werden. Das gilt auch für Gewerbebauland. Zum Beispiel finden Rechenzentren nicht mehr genügend Flächen.

Frankfurt stellt gerade mit dem Stadtentwicklungskonzept die Weichen für den Zuzug von bis zu 90 000 Menschen. Sind Sie damit zufrieden?

Es ist sehr gut, dass die Stadt den Bedarf erkannt hat. Aber im Stadtentwicklungskonzept fehlt ein wichtiger Teil: der Verkehr. Wir als Wirtschaft würden uns wünschen, wenn der Planungsdezernent auch die Verkehrsplanung in das Konzept integrieren würde. Dann müsste man sich nämlich auch mit der Steigerung der Zahl von Arbeitsplätzen, Einwohnern und Pendlern beschäftigen - und mit den Folgen, wie viele Fahrspuren oder Radwege, S-Bahnen und U-Bahnen benötigt werden.

An welchen Bereichen muss sich Frankfurts Wirtschaft dringend weiterentwickeln?

Junge Unternehmen bringen oft neue Ideen mit. Dort liegt die höchste Innovationskraft - im gesamten Bereich digitaler Dienstleistungen. Deshalb haben wir bei der IHK einen Arbeitskreis ins Leben gerufen, der sich mit Start-ups und Existenzgründungen beschäftigt. Junge Unternehmen unterstützen wir quasi wie eine Selbsthilfeorganisation. Die kleinen Unternehmen müssen keinen Beitrag zahlen, können aber trotzdem das gesamte Beratungs- und Betreuungsangebot nutzen.

IHK-Präsident Ulrich-Caspar: Start-ups nach Frankfurt locken

Bisher zieht ja das kreative Berlin die Start-ups an. Einen solchen Ruf hat Frankfurt nicht. Warum sollten Start-ups dennoch herkommen?

In Berlin waren Wohn- und Gewerbeflächen lange besonders günstig. Dadurch konnten junge Unternehmen Flächen nutzen ohne große Risiken. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass die Kommunen mehr Bauland zu schaffen.

Das ist aber nicht das einzige Problem der Gründer, oder?

Einen Engpass gibt es nicht so sehr bei den Gründungen, sondern eher in der zweiten Phase. Wenn es darum geht, dass junge Unternehmen, die eine gute Markt-Idee haben, das notwendige Geld bekommen wollen, um ihr Unternehmen auszubauen. Unser Arbeitskreis für Start-ups wird genau deshalb Gespräche mit Banken und Bürgschaftsgebern führen.

Wo muss die IHK selbst ihre Arbeit noch verbessern?

Die Mitarbeiter hier im Haus haben ein außerordentliches Know-how. Aber wir brauchen immer wieder neue Impulse, um uns weiterzuentwickeln. Da ist es gut, dass wir die vielen Ehrenamtlichen haben. Sie bringen ihr Denken aus der Wettbewerbswirtschaft ein.

Indem Sie schimpfen und drängeln?

Sie geben gute Ideen. Diese nehmen wir auf. Unsere Mitglieder sind da sehr engagiert dabei.

Es geht nicht allein um Straßen und Schienen, sondern um bessere Lösungen für die verschiedenen Anforderungen an den Verkehr.

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