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"Wir sollten eine Stadt nicht so gestalten, dass nicht nur die Jungen und Fitten sie erreichen können. Die Stadtentwicklung muss auch an Ältere und Schwächere denken, die ohne Auto nicht mobil sind", sagt IHK-Präsident Ulrich Caspar zur Verkehrspolitik.

Ulrich Caspar im Gespräch

Interview: IHK-Präsident über Fachkräftemangel, Immobilienwirtschaft und Verkehrspolitik

Heute vor einer Woche ist Ulrich Caspar (62) zum neuen Präsidenten der Industrie- und Handelskammer (IHK) gewählt worden. Der langjährige CDU-Landtagsabgeordnete, Prokurist einer Immobilien- und Unternehmensberatung, hatte keinen Gegenkandidaten. Im Interview mit Redakteur Christoph Manus skizziert der gebürtige Frankfurter, der Vater von vier Kindern ist, seine Pläne.

Herr Caspar, Ihr Vorgänger als IHK-Präsident, Mathias Müller, hat sich sehr für eine stärkere Zusammenarbeit in der Metropolregion eingesetzt. Inwieweit wollen Sie daran anknüpfen?

Das Thema ist für die Region sehr wichtig. Herr Müller hat in diesem Bereich schon Hervorragendes geleistet. Selbstverständlich werden wir diese Arbeit fortsetzen.

Bei der Kooperation in der Region ist noch viel Luft nach oben. Bei manchen Themen stehen Frankfurt und Region sowie Frankfurt und das Land immer noch gegeneinander.

Ich glaube nicht, dass Frankfurt und das Land gegeneinander stehen. Das Land weiß genau, was es an Frankfurt hat, und Frankfurt weiß, dass es mit dem kleinen Stadtgebiet, das der Stadt zur Verfügung steht, auf eine Zusammenarbeit mit dem Land und der Region angewiesen ist.

Die Stadt Frankfurt prüft, an der Autobahn 5 einen großen neuen Stadtteil zu bauen. Dagegen gibt es unter anderem Widerstand im Hochtaunuskreis. Auch Stadt und Land ziehen in dieser Frage nicht an einem Strang. Wie sehen Sie diesen Konflikt?

Frankfurt/Rhein-Main ist eine boomende Region. Darüber sind wir sehr froh. Wir haben einen enormen Zuwachs an Arbeitsplätzen. Die Menschen, die hier arbeiten, müssen aber auch die Möglichkeit haben, hier zu wohnen oder einzupendeln. Wir brauchen mehr Flächen für den Wohnungsbau und ein besseres Verkehrsnetz. Festzulegen, wo neue Wohngebiete entstehen, ist nicht Aufgabe der IHK. Klar ist aber, es reicht nicht aus, zu sagen: Dort soll kein neues Wohngebiet entstehen. Ich erwarte von Kritikern neuer Baugebiete, dass sie konstruktive Vorschläge machen, an welcher anderen Stelle Flächen bereitgestellt werden.

Müsste man den Druck auf Kommunen erhöhen, die potenzielles Bauland nicht entwickeln?

Die Kommunen haben das Recht zu entscheiden, ob und in welchem Umfang sie Bauland ausweisen. Ich bin sehr froh, dass im Koalitionsvertrag auf Landesebene vereinbart ist, dass das Land im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs Kommunen finanziell unterstützen wird, die Bauland entwickeln, zu Lasten derjenigen, die dies nicht tun. Man sollte zudem die Bebauungsplanverfahren drastisch verkürzen. Das müsste aber der Bundesgesetzgeber entscheiden.

Aus der Immobilienwirtschaft kommt der Vorschlag, die Bürgerbeteiligung bei der Aufstellung von Bebauungsplänen einzuschränken.

Bei den Projekten im Rahmen der Deutschen Einheit hat man die Erfahrung gemacht, dass man mit verkürzten Verfahren, weniger Instanzen, weniger Einspruchsmöglichkeiten, relativ schnell Infrastruktur entwickeln kann. Das brauchen wir auch für das Rhein-Main-Gebiet - sowohl für den Wohnungsbau als auch für den Ausbau des Schienen- und Straßennetzes.

Auch für den Fachkräftemangel spielt der Mangel an günstigem Wohnraum in Frankfurt und Region eine große Rolle. Was müsste man noch tun?

Die Wirtschaft im Rhein-Main-Gebiet ist bereit, zusätzlich 100 000 Wohnungen zu bauen. Die Kommunen verhindern durch die Nicht-Ausweisung von Bauland und Erhaltungssatzungen, dass genügend Wohnraum entsteht. Darunter leiden vor allem Menschen mit geringer Kaufkraft.

Erhaltungssatzungen verhindern den Bau von Wohnungen?

Wir kennen genug Beispiele, wo Eigentümer bereit sind, aufzustocken oder das Dach auszubauen, das aber mit Hinblick auf eine Erhaltungssatzung nicht dürfen.

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) macht sich für einen Mietendeckel stark. Auch private Eigentümer sollen Wohnungsmieten nur noch um fünf Prozent in fünf Jahren erhöhen dürfen. Was halten Sie davon?

Wir brauchen keine Eingriffe in die Preise. Sie werden die Lage auf Dauer nur verschärfen. Das Problem ist, dass wir eine sehr hohe Nachfrage nach Wohnraum haben. Die einzige vernünftige Lösung ist es, das Angebot zu erhöhen.

Der Verkehr in Frankfurt und Region nimmt immer mehr zu. Was muss geschehen, damit das Netz nicht irgendwann zusammenbricht?

Die Verkehrspolitik hat zu lange geglaubt, die bisherigen Kapazitäten reichten aus. Wir können den Zuwachs nur bewältigen, wenn wir die Infrastruktur ausbauen. Wir brauchen nicht nur die Regionaltangente West, sondern einen S-Bahn-Ring um Frankfurt herum. Nötig ist aber auch eine Erweiterung der Straßenkapazitäten.

In Frankfurt setzt man eher auf Verkehrsberuhigung. Ziel ist, dass die Innenstadt für Radfahrer und Fußgänger attraktiver wird. Das nördliche Mainufer wird für Autos gesperrt. Die SPD wirbt für eine autofreie Innenstadt.

In einer dynamischen, mobilen Stadt ist es wichtig, dass man alle Gebäude mit Verkehrsmitteln erreichen kann. Wir sollten eine Stadt nicht so gestalten, dass nicht nur die Jungen und Fitten sie erreichen können. Die Stadtentwicklung muss auch an Ältere und Schwächere denken, die ohne Auto nicht mobil sind.

Sie haben in Ihrer Bewerbungsrede ein größeres Engagement für Gründer gefordert. Tut die Region nicht schon einiges?

Meine Aussage bezog sich zunächst auf die IHK selbst. Sie ist gut aufgestellt, um Gründer und Start-ups zu unterstützen. Aber ich glaube, dass ist bei vielen potenziellen Gründern noch nicht so bekannt. Wir haben 112 000 Unternehmen im Kammerbezirk. Aber wir wünschen uns noch viel mehr. Neue Gründungen stärken die gesamte Region.

Info: Schon in jungen Jahren politisch aktiv

Beruflich und politisch aktiv wurde Ulrich Caspar (62) schon in jungen Jahren: Bereits 1970, also im Alter von 14 Jahren, begann der gebürtige Frankfurter mit der Vorstandsarbeit in Schülerorganisationen und in der Jungen Union.

Als er 1975 das Abitur in der Tasche hatte, übernahm er auch Ämter in der CDU. Er ist Landesvorsitzender der Union der Vertriebenen und stellvertretender Kreisvorsitzender der Mittelstandsvereinigung (MIT) der CDU.

Parallel zur seinem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der TU Darmstadt arbeitete er für Wohnungsunternehmen und als Projektentwickler. Von 1985 bis 1991 war er Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft, anschließend arbeitete er bis 1996 als Bankdirektor. Seit 1996 ist er an einer Beratungsgesellschaft beteiligt, die Immobilien entwickelt und vermittelt.

Sein erstes politisches Mandat bekam er 1981 im Ortsbeirat 7 (Hausen, Industriehof, Praunheim, Rödelheim, Westhausen). Dort war er von 1981 bis 1985 auch Ortsvorsteher. Er war außerdem Abgeordneter im Umlandverband und ehrenamtlicher Stadtrat in Frankfurt. Dem Landtag gehört er mit kurzer Unterbrechung von 2003 bis 2019 als direkt gewählter Abgeordneter für den Frankfurter Nordwesten an. Er war Wohnungs- und verkehrspolitischer Sprecher der Fraktion und außerdem Sprecher der Frankfurter CDU-Landespolitiker. Caspar ist Vater von vier Kindern und lebt in Sachsenhausen.

Der Vollversammlung der IHK Frankfurt gehört Caspar seit 2014 an.

red

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