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Blumenfreundin: Jutta W. Thomasius, quirlig wie stets, verstand es wie keine Zweite, für den guten Zweck - die Leberecht-Sammlung dieser Zeitung - Freunde, Spender und großzügige Unterstützer zu finden. Die Aufnahme entstand im Jahr 2010. 

Trauer

Jutta W. Thomasius: Mit ihr geht ein Stück Frankfurter Seele

Jutta W. Thomasius, die große Dame der Frankfurter Neue Presse und gute Seele der Leberecht-Stiftung, ist im Alter von 96 Jahren gestorben.  

Frankfurt -  jwt - das war ihr Kürzel und Markenzeichen, sie war Reporterin für Gesellschaft, Zoo und Flughafen, gute Seele der Leberecht-Stiftung und das Gesicht der Frankfurter Neuen Presse. jwt, das war Jutta W. Thomasius. Sie hielt es bis zuletzt so preußisch wie möglich, so wie sie als einzige Tochter erzogen worden ist. Jetzt hat sich der Kreis dieses Lebens geschlossen, das 1923 in Bad Hersfeld begann, ihr eine Kindheit im Luxus, in einem Haus mit vielen Zimmern und einem großen Garten weit wie ein Feld bot. Sie dachte zuletzt immer häufiger an den Tod. Und hatte einen Wunsch: "Ich will mit Anstand sterben."

Ein reiches Leben wurde ihr bescheinigt, wann immer man sie würdigte. Von der Legende war bald die Rede. Sie selbst machte keine großen Worte um sich, schon gar nicht um ihr Werk. Wie in ihren Berichten richtete sie den Glanz auf die Menschen, denen sie begegnete, den universell Gebildeten wie dem Zoodirektor Bernhard Grzimek, die Vielseitigen verehrte sie überhaupt, Spezialistentum langweilte sie. Die deutschen Hollywood-Schauspieler Gert Fröbe und Peter van Eyck hat sie wie auch viele Lokalprominente in ihrer ersten Frankfurter Wohnung bewirtet, klein war sie, unterm Dach. Ihre Begegnung mit Cassius Clay gehört zur Stadtgeschichte, wie sie erst Mutter Clay zur Modenschau mitschleppte, und Mutter Clay dann sie zum Box-Training, wo die Thomasius den Champion unter der Dusche erblickte. "Ein schöneres Mannsbild habe ich nie gesehen."

Der Fall Schneider

Sie war es auch, die Jürgen Schneiders Betrügereien aufdeckte, was ihr Vergnügen bereitete, weil sie den Baulöwen wie alle hochmütigen Gecken nicht leiden mochte. Nicht, dass sie diese Anekdoten nicht gern erzählte. Mit Nachdruck aber betonte sie andere Leistungen: Dass sie es war, die die Kollegen mit auf die Freßgass' geschleppt hat, um für die Leberecht-Stiftung zu sammeln, wie sie überhaupt als eine Art rasendes Mädchen für alles überall dort die Fahne der Zeitung hochgehalten hat, wo Leser waren.

Sie hatte eine Leidenschaft für die Haute Couture. Sie hat den Frankfurter Modekreis gegründet, Modeschauen organisiert im Namen der Frankfurter Neuen Presse, eigene Kreationen entworfen. Die Oper war schon in jungen Jahren nur ein Traum, dabei sang sie gut, 250 Arien und Lieder konnte sie auswendig. Studiert hat sie Germanistik, Musik und Kunstgeschichte, las viel. All diese Neigungen kamen zu kurz im Berufsalltag, blieben verbannt ins Private. Sie habe eben nie Zeit gehabt, sagte sie. Rund um die Uhr war sie auf Achse.

Sie galt als treu, als zuverlässig ohnehin, mehr als 60 Jahre war sie bei dieser Zeitung, aber bei allem, was sie der Zeitung, den Lokalchefs und Chefredakteuren zu verdanken hatte, beschlich sie zuweilen auch das Gefühl, ihr Einsatz sei nicht angemessen gewürdigt worden. "Ich hätte öfter Nein sagen sollen", sagte sie einst. Um dann wieder davon zu schwärmen, mit welcher Hingabe einst Zeitung gemacht wurde, weil nicht jeder Cent umgedreht werden musste. Sie ist in diesen Blütezeiten selbst zu einem Teil der Lokalprominenz geworden, erhielt viele Preise, auch das Bundesverdienstkreuz. Stets war sie elegant gekleidet, trug Hut oder Baskenmütze, 13 treue Hunde haben sie durchs halbe Leben begleitet.

"Ein leidenschaftlicher Journalist muss Single sein", sagte sie einmal, aber auch: "Ich hätte gerne sechs Kinder gehabt, ohne Mann." Ihre Ehe, das war Ende der 40er Jahre, hielt nur zwei Jahre. Zu jener Zeit musste sie auch für die Mutter sorgen. Der Vater war bald nach dem Krieg gestorben, am Bodensee, wohin es die Familie verschlagen hatte, war der Mutter nicht viel geblieben. Eine Familie, kleine Leute, half ihnen. Seither war ihr die Solidarität mit denen, die am Boden liegen, mehr als ein politisches Anliegen. Und der Bodensee ihre Heimat.

Von dort tingelte sie als Jazzsängerin durch Bars, arbeitete als Fremdsprachenkorrespondentin, als Dolmetscherin für die französischen Besatzer, saß wegen eines Missverständnisses sogar ein halbes Jahr lang im französischen Militärgefängnis. Eine Freundin animierte sie, nach Frankfurt zu kommen. Jutta begann, für ein Frauenjournal zu schreiben, kam zur Abendpost Nachtausgabe. Und dann, 1953, zur Frankfurter Neuen Presse.

Die Heimat Bodensee

Dass sie vor 16 Jahren zurück an den Bodensee gezogen ist, dafür nannte sie vor allem einen Grund: die teuren Mieten in Frankfurt. 30 Jahre hatte sie am Dornbusch gelebt, standesbewusst auf 110 Quadratmetern. Aber sie hatte in den vielen Jahren als freie Zeitungsmitarbeiterin nie vorgesorgt, ein festes Honorar, endlich als Anerkennung, wie sie sagt, erhielt sie erst spät, ihre Rente war entsprechend schmal. 2018 dann spielte ihre Gesundheit nicht mehr mit; nach einer Operation zog sie vom Bodensee zurück nach Frankfurt, in die Kursana-Seniorenvilla an der Eschersheimer Landstraße. Nur kurz konnte sie dort die Gesellschaft von Wolfgang Kaus, dem alten Freund und langjährigen künstlerischen Leiter des Volkstheaters Frankfurt, genießen, er starb im Juli 2018 wenige Tage vor seinem 83. Geburtstag. "Ich würde gern so viel noch machen", sagte Kaus einmal. Beide könnten sie je ein dickes Buch mit ihren Memoiren füllen. Doch daraus wurde nichts und Jutta fragte ganz uneitel: "Wer soll das denn lesen?" Und sie sprach auch einmal von ihrer Vorstellung des eigenen Todes, nämlich wie der Vater während eines schönen Fest einfach umzufallen: "Das wäre wunderbar."

Jutta W. Thomasius, die eine Adoptivtochter hinterlässt, wird im Friedwald Dietzenbach beigesetzt. Zuvor gibt es eine Trauerfeier in der Katharinenkirche. Der Termin wird noch bekanntgegeben.

Von Mark Obert 

und Ute Vetter 

Die Letzte eines legendären Quartetts

Der 15. August 1975 war mein erster Tag als Volontär bei der FNP. Wie vereinbart, kam ich um zehn Uhr ins Verlagshaus an der Frankenallee. Polizeireporterin Madlen Lorei war allein in der Lokalredaktion. Sie hatte Frühdienst und musterte mich kritisch: "Was willste hier?", raunzte sie mich mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme an. Derart barsch "empfangen", war ich im ersten Moment sprachlos. Da kam Jutta W. Thomasius zur Tür hereingerauscht. "Madlen, lass' den Jungen in Ruh", herrschte sie die bärbeißige Kollegin an und ich, der "Junge" von 26 Jahren, hatte Ruh. Es folgten viele gemeinsame Jahre, in denen ich oft erlebte, wie Jutta Mitmenschen zur Seite stand - in kleinen Alltagsszenen ebenso wie im ganz großen Stil bei der Leberecht-Aktion unserer Zeitung.

Madlen und Jutta waren die eine Hälfte des legendären Quartetts der ersten FNP-Jahrzehnte, der langjährige Lokalchef Richard Kirn und das Frankfurter Original Wendelin Leweke die andere Hälfte. Von allen vier habe ich gelernt, was guter Journalismus ist.

Jutta kannte einfach jeden in der Stadt. Oft nahm sie mich mit zu Terminen, öffnete mir Türen. Immer war sie mit Hund unterwegs, ihre Vierbeiner waren in der Stadt so bekannt wie sie selbst. 13 Hunde waren es insgesamt in ihrem langen Leben. Immer mal wieder hat sie einen irgendwo vergessen. Einer verschwand beim Radrennen "Rund um den Henninger Turm" am Hainer Weg im dichten Gedränge, ein anderer musste beim Pförtner im Verlagshaus übernachten, weil Frauchen ohne ihn nach Hause gefahren war.

Ich kann mich noch gut an die erste Leberecht-Sammlung auf der Freßgass' erinnern. Das war 1982, damals noch nicht mitten in der Fußgängerzone, sondern an der Ecke zur Börsenstraße. Jutta hatte schon Wochen vorher mit bewundernswerter Disziplin und Energie geplant und organisiert. Am Tag der Sammlung war sie schon vor 8 Uhr zur Stelle und ging nicht eher, bis am späten Nachmittag alles wieder abgebaut war.

Eine enge Freundschaft verband Jutta mit Volkstheaterchefin Liesel Christ. Beide waren fürs Babbeln geboren. Ein Beispiel: das beliebte Rödelheimer Volksradfahren Anfang der 1990er Jahre. Jutta und "die Liesel" empfingen die Hobbysportler am Ziel mit einer witzigen, bühnenreifen Plauderei und hatten auch noch nach Stunden ebenso viel Spaß daran wie die Radler.

Bereits mit 16 Jahren hatte Jutta den Führerschein, noch mit 90 fuhr sie mit ihrem Auto von Wasserburg am Bodensee nach Frankfurt. Im Mai 2003, als sie 80 wurde, habe ich sie für ein paar Tage besucht. Jeden Morgen schwamm sie mit offensichtlichem Vergnügen eine halbe Stunde im kalten Wasser des Bodensees - ich zitterte schon beim Zuschauen.

Richard Kirn, Madlen Lorei, Wendelin Leweke und Jutta W. Thomasius haben die FNP geprägt, sie waren populäre Gesichter dieser Zeitung. Nun ist Jutta als letzte des Quartetts für immer gegangen.

Von Jürgen Walburg

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