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Karin Becker in ihrem Ladengeschäft, dem beliebten "Käse Becker" in der Schweizer Straße 66. Nur noch zwei Wochen ist geöffnet. Der Käsespezialistin und ihren Angestellten fällt der Abschied schwer.

Inhaberin gibt auf

"Käse Becker" in Sachsenhausen schließt nach 35 Jahren - Nachfolge offen

Ein großes Schild an der Ladentür macht unmissverständlich klar: Das Spezialitätengeschäft "Käse Becker" an der Schweizer Straße schließt noch vor Ende des Monats.

Frankfurt - "Es steckt nichts Dramatisches dahinter", versichert Karin Becker. Sie steht ans Regal gelehnt im Laden, die üppige Auslage duftet nach zahllosen feinsten Käsesorten. "Ich habe 35 Jahre durchgearbeitet, bin jeden Morgen um 5 Uhr aufgestanden und um 19.30 Uhr heimgegangen, habe kaum Urlaub gemacht und möchte jetzt noch etwas anderes in meinem Leben erleben als Käse", sagt sie und lächelt.

"Mit 51 in Rente gehen ist vielleicht etwas früh. Andererseits stehe ich vor der Wahl: Das Geschäft müsste renoviert werden. Bis ich die Kosten wieder erwirtschaftet hätte, würde ich weitere zehn Jahre hinter der Theke stehen. Dann wäre ich 61 und hätte kaum noch Lebenszeit übrig." Das alles sind verständliche Argumente. Trotzdem: Ein Leben ohne "Käse Becker"? Viele Sachsenhäuser wollen sich das lieber nicht vorstellen. "Sie machen zu?", fragt eine Kundin ungläubig, "das ist aber sehr schade!"

Noch zweieinhalb Wochen

"Es wird auch für mich sehr hart", sagt Karin Becker. "Als ich das Schild aufgehängt habe, wurde mir richtig übel. Wenn ich dann das letzte Mal den Schlüssel herumdrehen werde, wird es wohl noch schlimmer sein." Am Freitag und Samstag, 24. und 25. Mai, wird sie alle frischen Produkte zum halben Preis anbieten. Wenn die meisten Produkte verkauft sein werden, bleibt ab Montag, 27. Mai, die Ladentür zu.

"Es war eine schwere Entscheidung, aber ich denke, ich bin auf dem richtigen Weg", sagt Karin Becker. Die Kolleginnen - "ich habe so ein tolles Team" - weihte sie schon um die Weihnachtszeit herum in ihre Pläne ein. "Sie haben angefangen zu weinen, und ich habe auch geweint."

Verbindung zu Frankreich

"Ich habe das Geschäft so gerne gemacht. Es war mein Ziel, die besten Milchprodukte anzubieten, möglichst viel von regionalen Bauern, so rein wie möglich." Auch die französischen Käsesorten waren ihre Leidenschaft. Um die besten Sorten zu finden, fuhr sie jahrelang auf Märkte nach Paris und in die Normandie.

Das Käsegeschäft eröffneten ihre Eltern im Jahr 1977. Die Filiale in der Schweizer Straße war der kleinere Ableger eines Geschäfts auf der Freßgass'. Nachdem Karin Becker ihre Ausbildung beendet hatte, half sie aus. "Dann bin einfach hängengeblieben". Ihren Eltern war sie eine wertvolle Hilfe, weil sie gut französisch spricht. So war es leichter, mit den Händlern in Frankreich zu kooperieren. "Damals war es nicht so einfach, überhaupt Ware von dort zu bekommen."

Die Franzosen seien noch immer die ungeschlagenen Meister der Weichkäse, sagt sie. Auch Quark und Joghurt bietet Karin Becker im französischen Original an. Die zweite Hälfte der Theke ist dem Schweizer Hartkäse gewidmet. Natürlich gibt es auch Handkäse. Und in der Mitte stehen große Schalen mit dem bei den Kunden beliebtesten Angebot: zwölf hausgemachte Frischkäse-Varianten. "Pinienkerne-Basilikum" etwa, oder "Schalotten-Radieschen" - "das Rezept ist der Renner seit 40 Jahren", sagt die Verkäuferin. Der Frischkäse, der dafür verwendet wird, stammt von einem Biohof in Bayern.

Eigentlich wollte Karin Becker das Geschäft in andere Hände legen. Ein junger Franzose interessierte sich für eine Übernahme. Aber daraus wurde aus finanziellen und rechtlichen Gründen nichts. Nun ist sie mit einem "in Sachsenhausen bekannten Unternehmen" in Verhandlung. Mehr möchte sie nicht verraten.

Torsten Schiller, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße, ist gar nicht glücklich darüber, dass die renommierte Käsespezialistin schließt. "Es ist ein Jammer. Wir kämpfen und kämpfen für die eingesessenen Geschäfte, und doch schließt eines nach dem anderen." Schiller hofft, dass sich jemand findet, der auch künftig Käse- und Milchprodukte in dem Ladengeschäft anbietet.

Karin Becker selbst hätte es gar nicht für möglich gehalten, dass so viele Sachsenhäuser so traurig über ihren Weggang sind. "Ich merke es jetzt erst, da alle mich darauf ansprechen. Aber die große Resonanz zeigt mir auch, dass ich in den Jahren vieles richtig gemacht habe."

von Stefanie Wehr

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