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Nördliches Mainufer in Frankfurt

Hamburg und München haben auch schon Pläne

Autofreie Innenstadt in Frankfurt? So funktioniert es in Basel und Madrid

Die Frankfurter SPD fordert eine autofreie Innenstadt: Andere Städte sind da schon weiter - zum Beispiel Basel und Madrid

Update, 27. März, 08:03 Uhr: In Frankfurt ist eine autofreie Innenstadt bislang nur ein Gedankenspiel, andere Städte sind da schon weiter. Auch andere deutsche Städte planen eine autofreie Innenstadt: München und Hamburg zum Beispiel. In Basel und Madrid gibt es sie schon. 

Autofreie Innenstadt: in Basel sind jetzt die Fahrradfahrer das Feindbild

In einer Umfrage der Baseler Zeitung von vor einem Jahr sahen 35 Prozent der 1100 Teilnehmer die autofreie Innenstadt als Bereicherung, 65 Prozent nicht. Folgt man der Diskussion in den Kommentarspalten der Zeitung, scheinen vor allem rücksichtslose „Velo“-Fahrer den Zorn der Fußgänger auf sich zu ziehen – jetzt, nachdem die Autos ausgesperrt sind. 

In Basel gibt es keine Umsatzsteigerung im Einzelhandel

Das Experiment in Basel läuft seit Anfang 2015. Der Basler Gewerbedirektor Dr. Gabriel Barell zieht eine gemischte Bilanz: „Das Verkehrskonzept Innenstadt ist mit den getroffenen Anpassungen okay, allerdings hätte man die Aufwertung der Innenstadt und die Rahmenbedingungen vorgängig verbessern müssen.“ Umsatzsteigerungen gebe es bis jetzt nicht für den Einzelhandel. Barell zufolge ist die Sache in Basel verkehrt herum gelaufen. „Zuerst wurde das Verkehrskonzept Innenstadt umgesetzt und danach wurde begonnen, die Innenstadt aufzuwerten. Neuer Belag, mehr Sitzgelegenheiten, Trottoirabsenkungen etc. Ein Prozess der noch lange dauert.“ 

Basel: Parkmöglichkeiten knapp und viel zu teuer

Zudem seien Parkmöglichkeiten außerhalb der Sperrzonen knapp und viel zu teuer. Immerhin, nach vier Jahren erhalten auch Firmen außerhalb der Sperrzone leichter Einfahrgenehmigungen. Fazit: Alles nicht so schlimm, aber auch alles nicht so rosig wie einst erwartet. Der Gewerbeverband Basel gehörte zu den Befürwortern der autofreien Innenstadt. 

Wie berichtet, hat der SPD-Vorsitzende Mike Josef die Diskussion um eine autofreie Innenstadt innerhalb des Anlagenrings aufgeworfen. Viele Parkhäuser liegen in diesem Ring – darunter auch recht neue, wie die Parkmöglichkeiten unter dem Goethe-Platz oder die mehr als 1000 Plätze im MyZeil, beide explizit geschaffen, um den Einzelhandel zu beleben. Auch wichtige Durchfahrtstraßen liegen in der autofreien Innenstadt, wie die Berliner Straße/Battonnstraße und die Kurt-Schumacher-Straße. Dies müsste bei der Planung der autofreien Innenstadt bedacht werden. 

Madrid: Umsatz im Einzelhandel um 9,5 Prozent gestiegen

Die CDU ist, wie berichtet, gegen die Überlegungen, hingegen springt die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen ihren Frankfurter Parteifreunden nun zur Seite und verweist darauf: „Kopenhagen, Amsterdam und Madrid sind auch nicht ausgestorben und haben belebte Innenstädte mit vielen Vorteilen für die ansässige Wirtschaft.“ In Madrid sei der Umsatz des Einzelhandels um 9,5 Prozent gestiegen binnen eines Jahres, seit die Innenstadt autofrei wurde. 

In München und Hamburg diskutiert man noch, ist aber mit den Plänen schon weiter. Dabei ist die Bezeichnung „autofreie Innenstadt“ für Hamburg vergleichsweise ehrgeizig. Es geht im Hamburger Bezirk Mitte um das Rathausquartier. Acht kleine Straßen sollen hier zur Fußgängerzone werden – in den Sommermonaten, von 11 bis 23 Uhr. „Wir haben viele Wirtschaftsverkehre“, sagte eine Sprecherin der Hamburger Verkehrsbehörde. Man werde sehen, wie es funktioniert. Langfristig sei es nicht realistisch, den Autoverkehr auszusperren, schätzt sie. Noch zwei Jahre Planungen In München will man noch im Mai darüber abstimmen. Oberbürgermeister Dieter Reiter sieht laut „Süddeutsche Zeitung“ eine Planungszeit von einem bis zwei Jahren vor, an deren Ende eine gesperrte Altstadt stehen könnte. 

Die vom Altstadtring umschlossene Fläche ist größer als der Frankfurter Anlagenring. Hauptverkehrsstraßen indessen führen nicht hindurch. Dennoch entscheiden die Münchener erst, nachdem alles geprüft ist. Einzelhandelsverband und Handwerkskammer sollen befragt werden. Klar ist auch: Autofrei wird es nicht werden. Anwohner und Lieferverkehre können weiter einfahren – so die Planung.

SPD will, dass die Frankfurter Innenstadt autofrei wird

Erstmeldung, 23. März: Frankfurt - Mit dem Auto zum Einkaufen in die City fahren? Das soll nach den Vorstellungen der SPD in Zukunft nicht mehr möglich sein. „Die Frankfurter Innenstadt würde massiv aufgewertet, wenn wir beim motorisierten Verkehr nur noch die Anlieger und Lieferverkehre in das Herz der Stadt lassen würden“, schreibt der Frankfurter SPD-Vorsitzende Mike Josef in einer aktuellen Pressemitteilung.

„Parkplätze im öffentlichen Raum könnten zurückgebaut, Bäume gepflanzt und den Menschen als Lebensraum zurückgegeben werden.“ Es sei an der Zeit, Konzepte für eine autofreie Innenstadt innerhalb des Anlagenrings zu entwickeln. Betroffen wären Verkehrsadern wie die Adenauer- und die Kurt-Schumacher-Straße, die Berliner und die Battonstraße, wie fnp.de* berichtet. 

Frankfurter Innenstadt soll autofrei werden, ginge es nach der SPD

Es ist genau die Innenstadtzone, die von der Landesregierung bereits als mögliches Gebiet für Diesel-Fahrverbote in Betracht gezogen wurde. Ob es dazu kommen wird, steht wohl frühestens Ende des Jahres fest, wenn der Hessische Verwaltungsgerichtshof sein Urteil spricht. Der SPD-Vorstoß geht aber noch weit über die bisher diskutierten Fahrverbote hinaus. Betroffen wären nicht nur ältere Fahrzeuge bestimmter Schadstoffklassen, sondern alle. 

Frankfurter CDU hält dagegen: "Völlig abwegig"

Entsprechend groß ist die Aufregung über Mike Josefs Vorschlag. Als „völlig abwegig“ bezeichnetete der CDU-Fraktionsvorsitzende im Römer, Michael zu Löwenstein, die Idee einer autofreien Innenstadt. „Das wäre ein fatales Signal nicht nur für den Einzelhandel, sondern für die Mobilität aller Bürger, die in Frankfurt wohnen und nach Frankfurt kommen. Das wird mit uns nicht zu machen sein“, teilte Löwenstein gestern mit. Er kritisierte den Alleingang des sozialdemokratischen Koalitionspartners damit recht deutlich. 

Frankfurter Anlagenring

Auch bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) stößt die SPD-Initiative auf Widerspruch. „Je schwerer wir es den Menschen machen, zum Einkaufen nach Frankfurt zu fahren, desto mehr werden sie sich nach Alternativen umsehen“, sagte Alexander Theiss, Geschäftsführer Standortpolitik der IHK Frankfurt. Die Stadt sei von einem Kranz aus Einkaufszentren umgeben, zudem konkurriere Frankfurt mit anderen Städten in der Region um Kundschaft. 

Und der stark wachsende Online-Handel bereite den stationären Anbietern ohnehin Probleme. Bus und Bahn seien für viele Kunden derzeit keine Alternative zum Auto, sagte Theiss. „Die Kapazitäten des öffentlichen Nahverkehrs reichen nicht aus. Außerdem fehlt es an Sicherheit, Sauberkeit und Zuverlässigkeit.“ Laut einer Befragung des Kölner Instituts für Handelsforschung kommt fast jeder dritte Passant mit dem Auto oder Motorrad in die Frankfurter Innenstadt. Dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren nicht gesunken, sondern gestiegen.

Autofreie Innenstadt: Plausibles Zukunftskonzept?

„Wir fordern schon lange, dass Frankfurt ein Zukunftskonzept entwickelt, das alle Verkehrsträger umfasst“, sagte der IHK-Geschäftsführer. „Der öffentliche Nahverkehr muss dringend ausgebaut und attraktiver werden, auch der Fahrradverkehr hat wachsende Bedeutung.“ Das Auto ganz aus der Innenstadt zu verbannen, sei jedoch der falsche Weg. „Auch viele Pendler und Unternehmen sind darauf angewiesen“, mahnte Theiss. Innerhalb des Magistrats sorgt der SPD-Vorstoß für neue Unruhe. 

Denn die Verkehrspolitik ist ohnehin ein Streitthema in der schwarz-rot-grünen Römer-Koalition. So haben sich die drei Parteien immer noch nicht geeinigt, wie sie mit den Forderungen des sogenannten Radentscheids umgehen sollen. Eine Bürgerinitiative will mittels Volksabstimmung erreichen, dass Frankfurt fahrradfreundlicher wird. Doch die Koalition ist sich uneinig darüber, wie darauf sinnvoll zu reagieren ist. Ob es zu einem solchen Bürgerentscheid kommen wird, steht daher noch nicht fest.

Kommentar von FNP-Redakteur Thomas J. Schmidt: "Wer hat uns verraten?":

Immer feste drauf auf die Autofahrer – eine Forderung, die man sonst von den Grünen erwartet, kommt diesmal von der SPD. „Ich mach’ mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt“ hat die derzeitige Vorsitzende im Bundestag gesungen. Von so viel guter Laune haben sich ihre Frankfurt Genossen anstecken lassen. Die Innenstadt für Autofahrer zu schließen, würde bedeuten, Hauptverkehrswege zu kappen. 

Zuerst muss der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden

Schon ulkig: Der SPD-Verkehrsdezernent setzt die Sperrung des Mainkais durch und verweist die Autofahrer auf die Berliner Straße, um die Innenstadt zu durchqueren. Der SPD-Planungsdezernent will nun die Berliner sperren und Tischchen aufstellen, an denen Latte Macchiato serviert wird. An die arbeitende Bevölkerung denkt die ehemalige Arbeiterpartei zuletzt. Diese Leute müssen zu ihren Arbeitsplätzen kommen. Nicht jeder hat die Geduld, verspätete und überfüllte Bahnen zu ertragen. Falls überhaupt eine fährt. Vielleicht war der autogerechte Umbau der Innenstädte tatsächlich ein Irrweg. Aber wer ihn korrigieren will, muss zuerst den öffentlichen Verkehr aufrüsten und Pendler-Parkplätze bauen, ehe er Autos aussperrt.

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