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Die Kleinmarkthalle verändert sich, weil sich die Nachfrage verändert hat

Händler kämpfen ums Überleben

Immer mehr Gastronomie: Wird die Kleinmarkthalle zur "Fressmeile"?

In der Kleinmarkthalle hat eine neue Metzgerei eröffnet. Sie setzt auf artgerechte Haltung und regionale Produkte. Und wie so viele andere bietet auch sie einen Mittagstisch – denn ohne geht es heutzutage kaum noch. 

Frankfurt - Beherzt schneidet Metzgermeisterin Anna Satvary ein Stück Fleisch für ihren Kunden ab. Um sie herum hängen Ahle Worscht und Fleischwurst-Kringel. In der Auslage liegen verschiedene Sorten Salami und Schinken. Natürlich dürfen auch Frankfurter Würstchen nicht fehlen.

Händler in der Kleinmarkthalle sind immer stärker auf Mittagstisch angewiesen

Anna Satvary ist die Inhaberin der Fleischerei Else Kalbskopp, die gerade neu in der Kleinmarkthalle eröffnet hat – dort nahe des Eingangs an der Hasengasse, wo einst „Schön’s Wurstwaren“ beheimatet waren. Drei Monate war der Stand verwaist, nun hat sich Satvary – Ururenkelin der Gref-Völsing-Gründer – einen langgehegten Traum erfüllt: Bei den Lieferanten handelt es sich um von ihr persönlich vor Ort geprüfte und möglichst regionale Händler, die auf artgerechte Haltung setzen.

Neben frischen Wurst- und Fleischwaren für den heimischen Verzehr bietet Satvary auch einen Mittagstisch an. Der Grund: „Wir müssen hier alle Umsatz machen“, sagt sie. „Ich habe viel Geld in die Hand genommen, um den Stand herzurichten. Es ist ein finanzielles Wagnis.“

Gastronomie: Geringerer finanzieller Einsatz, höherer Gewinn

Und genau das spiegelt das Dilemma der Händler in der Kleinmarkthalle wider: Alleine vom Verkauf von Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Gewürzen, Fisch, Fleisch und Wurst können sie nicht leben – die Gewinnspanne ist zu klein. Deshalb gibt es immer mehr Stände, die auf gastronomische Angebote spezialisiert sind. Da werden mit einem geringen finanziellen Wareneinsatz höhere Gewinne erzielt. So können beispielsweise für zwei Euro produzierte Gerichte für zehn Euro verkauft werden.

Stammkunden beklagen die neue Entwicklung in der Kleinmarkthalle. Aber auch die Händler selbst erkennen das Problem. „Das Geschäft wird immer schwerer“, sagt ein Verkäufer, der namentlich nicht genannt werden will. „Die Lebensweise der Menschen hat sich geändert. Es muss alles schnell gehen. Viele kochen nicht mehr, kaufen lieber Fertiggerichte oder lassen sich das Essen direkt nach Hause liefern.“ In die Kleinmarkthalle würden die meisten nur noch zum Essen und Trinken kommen. „Danach gehen sie dann in den Supermarkt und kaufen sich eine Tiefkühlpizza.“

Nachfrage nach klassischem Markthandel ist rückläufig

Das Problem erkennt auch die Stadt. „Die Anbieter stellen sich darauf ein und bieten neben dem Kernsortiment auch Waren ,to go’ an“, antwortete Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) jüngst auf eine Anfrage seines Parteikollegen, des Stadtverordneten Thomas Dürbeck. Der wollte wissen, wie der Magistrat die Entwicklung der Kleinmarkthalle einschätzt und ob in Zukunft eine Ausweitung des gastronomischen Angebots geplant ist.

„In den zurückliegenden Jahren war festzustellen, dass Bewerbungen zunehmend aus dem Gastronomiebereich stammen. Die Nachfrage nach Standplätzen aus dem klassischen Markthandel sind dagegen rückläufig“, so Frank. Im Zuge von Neuvermietungen achte die städtische Hafen- und Marktgesellschaft (HFM), die für Betrieb und Vermietung der Markthalle zuständig ist, zur „Wahrung eines attraktiven Gesamtangebots auf authentische, markthallentypische Standkonzepte mit hervorgehobener Produktqualität“. Anbieter von entsprechenden Lebensmitteln würden bei der Bewerberauswahl bevorzugt. Die Ausweitung der gastronomischen Versorgung in der Halle werde dagegen nicht angestrebt. „Die Kleinmarkthalle wird weiter ein Ort des Handels bleiben, sie muss jedoch auch mit der Zeit gehen und den ,Erlebniseinkauf’ bieten, den sich die Verbraucher heute wünschen, um künftig im Wettbewerb bestehen zu können.“

Kleinmarkthalle: "Händler stärken“

Für Unmut unter einigen Händlern sorgt aber auch ein Vertragsmodell, das die Hafen- und Marktgesellschaft 2010 eingeführt hat. Das Modell gilt aber nur bei Neuverträgen. Die Händler zahlen eine Grundmiete und müssen zusätzlich bis zu acht Prozent ihres Umsatzes an die Gesellschaft abgeben. „Da bleibt am Ende des Tages nicht viel übrig“, sagt ein Händler.

Bianca Winkel von der HFM entgegnet jedoch: „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht.“ Das Modell soll eher dafür sorgen, dass die Händler mit weniger Einnahmen ein geringeres wirtschaftliches Risiko haben. Winkel sagt: „Noch kein Händler musste aus finanziellen Gründen die Kleinmarkthalle verlassen.“

von Julia Lorenz

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