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Kommentar zum Welt-Down-Syndrom-Tag: Was ist ein Mensch?

Zum Welt-Down-Syndrom-Tag stellt sich FNP-Chefredakteur Matthias Thieme die Frage: Was ist ein Mensch?

Frankfurt - Der medizinische Fortschritt hat der Menschheit viele Segnungen gebracht. Todbringende Epidemien sind selten geworden, schwere Krankheiten heilbar. Nun ist eine Stufe erreicht, die in der Menschheitsgeschichte nie dagewesene Fragen aufwirft. Es geht nicht mehr nur um die Heilung von Menschen, sondern auch um ihre mögliche vorgeburtliche „Verbesserung“. Eine Art Menschenzüchtung, „Human Engineering“ genannt. Das mächtigste Werkzeug dieser Entwicklung ist die Gen-Schere, mit der Wissenschaftler jede beliebige DNA-Sequenz zerschneiden können. Solche Eingriffe können das Erbgut über Generationen hinweg verändern – und damit die ganze Spezies Mensch.

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Wo es mit solcher Macht um die Eliminierung von „Defekten“ geht, stellt sich auch die Frage nach dem Lebensrecht von Embryonen mit Anomalien auf ganz neue und gefährliche Weise. Denn in der Logik der Züchtung und Verbesserung werden solche „Launen der Natur“ bald als überwindbar angesehen. Damit gerät das Lebensrecht von werdenden behinderten Menschen noch stärker in Gefahr. Schon jetzt driftet die Pränataldiagnostik beim Thema Down-Syndrom in diese Richtung. Neue Bluttests verstärken den massenhaften Trend zur Abtreibung, gleichzeitig sinkt die Akzeptanz von Behinderten in der Gesellschaft. Wo der perfekte Mensch zum Ziel wird, sind die weniger perfekten bald unerwünscht.

Eine Reihe von bekannten Gentechnik-Forschern, darunter ein Nobelpreisträger, hat kürzlich einen Bann von ethisch zweifelhaften Eingriffen verlangt. Es gehe um „abenteuerlichste Pläne, die menschliche Spezies umzuformen“, schrieben die Experten. Auch abseits der Labore sollten wir besorgt sein über den Trend zur Zwangsoptimierung, dem eventuell bald viele nicht mehr genügen können. Menschen mit Behinderung gehören in jeder zivilisierten Gesellschaft dazu. Viele brauchen auch keine Optimierung – sie sind schon perfekt.

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