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Norbert Szep (48), geboren in Rumänien, kam als Sechsjähriger nach Frankfurt. Er studierte Medizin und führt mit einer Kollegin eine Hausarztpraxis im Nordend, in der Friedberger Landstraße. 

Interview

Radentscheid-Initiative: "Jeder Unfall ist eine Katastrophe"

Großes Interview mit einem Sprecher der Radentscheid Initiative: Er fordert eindringlich eine neue Radinfrastruktur.

Frankfurt - Mehr Sicherheit für Radfahrer im Straßenverkehr - das will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mit etlichen Änderungen in der Straßenverkehrsordnung erreichen. Im Gespräch mit unserer Mitarbeiterin Brigitte Degelmann nimmt Norbert Szep von der Frankfurter Bürgerinitiative "Radentscheid" einige der Vorschläge unter die Lupe. Und erzählt dabei auch, warum ein Unfall der Auslöser für die Gründung der Gruppe war.

Herr Szep, als Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer kürzlich seine geplanten Verbesserungen für Fahrradfahrer vorgestellt hat, hat er den Radverkehr als "gleichberechtigten Teil des Straßenverkehrs" bezeichnet. Was denken Sie, wenn Sie das hören?

Das ist ein Witz. Der Autoverkehr ist gesetzlich ganz klar bevorzugt: Es geht darum, dass der motorisierte Individualverkehr fließt, danach richten sich die Gesetze und Verordnungen aus. Wenn Herr Scheuer Gleichberechtigung haben will, dann ist mit seinem Zwölf-Punkte-Plan schon die richtige Richtung gegeben. Aber eigentlich muss das Straßenverkehrsgesetz verändert werden.

Inwiefern?

Um wirkliche Gleichberechtigung zu bekommen, brauchen wir eine Umverteilung des Platzes. Wir haben im Moment auf den durchschnittlichen Straßen in Deutschland 80 Prozent der Fläche für den fließenden und stehenden Autoverkehr und weniger als zehn Prozent für das Rad. Das muss deutlich verändert werden.


Obwohl beispielsweise in Frankfurt die Zahl der Einpendler zunimmt?

Um 10 000 pro Jahr, genau. Wir haben immer längere Staus, das wird in den nächsten Jahren zum Verkehrskollaps führen. Das heißt, wir brauchen hier ein Umdenken. Eine neue Infrastruktur, neue Möglichkeiten im ÖPNV und im Radverkehr, also eine Mobilitätswende - nachhaltig und dem Klimawandel angepasst. Eine neue Radinfrastruktur ist da nur ein erster wichtiger Schritt. Wir brauchen noch viel mehr: zum Beispiel Quartiersparkplätze, deutlich preiswerteren ÖPNV und Umsteigemöglichkeiten für Pendler noch vor der Stadt. Ein riesiger Parkplatz könnte zum Beispiel am Hessencenter entstehen, wenn man die A 66 200 Meter früher zweispurig führen würde und auf der Autobahn die gewonnene Fläche als Parkplatz mit Umsteigemöglichkeiten auf die Straßenbahn und Fahrräder anlegen würde.

Laut Statistik sind im ersten Halbjahr 2019 in Deutschland elf Prozent mehr Radfahrer ums Leben gekommen als im ersten Halbjahr 2018.

Allein in Frankfurt sind im vergangenen Jahr sieben Radfahrer im Straßenverkehr gestorben, und über 100 sind schwer verletzt worden - einige von ihnen bleiben für immer behindert.

Wie erklären Sie sich diese Zunahme?

Im Moment haben wir eine schlechte Kombination: Immer mehr Menschen steigen aufs Rad um - wegen des Klimawandels und auch aus gesundheitlichen Gründen. Aber die Infrastruktur ist nicht dementsprechend. Wir haben in Frankfurt allein 85 Kilometer Hauptstraßen ohne oder mit gefährlichen Radwegen, also Riesen-Lücken im Netz. Da gleichzeitig die Fahrrad-Zahlen zunehmen, gibt es automatisch mehr Unfälle. Wir dringen darauf, dass schnell eine vernünftige und sichere Infrastruktur geschaffen wird, zum Beispiel mit 2,30 Meter breiten Radwegen.

Was halten Sie denn konkret von Scheuers Vorschlägen? Zum Beispiel von dem grünen Pfeil, der Radfahrern das Rechtsabbiegen auch bei Rotlicht erlaubt?

Das finden wir erst mal positiv. Diesen Pfeil gibt es schon in vielen Städten, zum Beispiel in Dänemark, in den Niederlanden und in Paris. Wir wissen auch durch längere Studien, dass da weniger Unfälle passieren. Ein weiterer Schritt wäre der sogenannte "Idaho-Stop".

Was ist das?

Seit 1982 ist es im US-amerikanischen Staat Idaho üblich, dass Ampeln für Radfahrer nicht mehr bindend sind, sondern nur noch als Stoppschild gewertet werden.

Das heißt, wenn es der Verkehr zulässt, darf der Fahrradfahrer nach kurzem Halt weiterfahren?

So ist es. Wir wissen, dass die Unfallzahlen da eher runtergehen.

Außerdem schlägt der Verkehrsminister vor, dass künftig Mindestabstände gelten, wenn Kraftfahrzeuge Radfahrer überholen: innerorts 1,50 Meter, ansonsten 2 Meter.

In der Rechtsprechung gilt das seit Jahren. 2017 gab es hier einen schlimmen Unfall mit einer jungen Radfahrerin und einem Bus. Dabei wurde der Busfahrer verurteilt, weil er den Abstand von 1,50 Metern nicht eingehalten hatte. Allerdings bekommt man dann an vielen Stellen Probleme.

Toter-Winkel-Assistent ist zwingend notwendig

Warum?

Wir haben hier Rad-Infrastrukturen, zum Beispiel an der nördlichen Eschersheimer Landstraße, wo diese 1,50 Meter niemals eingehalten werden, wenn Sie auf dem Schutzstreifen fahren, weil diese Spur einfach so schmal ist. Das bedeutet, wenn diese Regelung kommt, dann ist das Überholen von Radfahrern dort verboten, wenn man konsequent ist.

Und was halten Sie davon, dass Lastwagen künftig nur noch in Schritttempo rechts abbiegen sollen, also mit höchstens elf Stundenkilometern, um Fahrradfahrer besser zu schützen?

Auch beim langsamen Abbiegen sehen wir eine massive Gefahr. Wenn da eine hohe Bordsteinkante ist, kann man als Radfahrer selbst bei einem langsam abbiegenden Lastwagen kaum schnell wegkommen.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Eine wirkliche Lösung wäre ein Toter-Winkel-Assistent für diese Fahrzeuge, eventuell auch Spiegel-Systeme an Kreuzungen. Das kostet ein bisschen was, aber das sind keine großen Summen. Wir haben vorletzten Mittwoch ein "Ghostbike" an der Europaallee aufstellen müssen, wo es um genau so einen Unfall ging: Da ist ein junger Fahrradfahrer ums Leben gekommen, durch einen abbiegenden Lastwagen. So etwas ist eine Katastrophe, jeder dieser Unfälle ist eine Katastrophe.

Sie selbst sind täglich auf dem Fahrrad unterwegs und dabei schon mehrmals angefahren worden.

Ja, ich hatte vier größere Unfälle, bei denen ich teilweise auf der Motorhaube von Autos gelandet bin. Ein Unfall war direkt vor der Nationalbibliothek. Der hat für mich den Ansporn gegeben, das Bürgerbegehren für den Radentscheid mit zu initiieren. Auch deshalb, weil ich kurz vorher in Kopenhagen gewesen war und dort gesehen hatte, dass der Radverkehr dort wunderbar funktioniert.

Fahrradzonen wären eine Möglichkeit

Wie ist der Unfall passiert?

Ich bin auf der Adickesallee nach Hause gefahren, über die Kreuzung bei der Nationalbibliothek, da ist auch ein Radfahrstreifen. Der Verkehr hat sich gestaut. Der Fahrer eines Kleinwagens wollte besonders schlau sein und fuhr auf die Busspur und den Radfahrstreifen, um alle zu überholen. Der hat mich erwischt, und ich landete auf der Straße, während das Auto einfach weiterfuhr. Lustigerweise kam hinter mir eine nette Dame auf einem Lastenrad, die mit mir hinter dem Fahrerflüchtigen hinterher gewunken hat. Ich meinte dann: ,Ich komme gerade aus Kopenhagen, das wäre dort nie passiert.' Da hat sie mir erzählt, dass sie aus Kopenhagen stamme und das bestätigen könne. Da war bei mir so ein Klick, dass ich mir gesagt habe: "Das ist ein Zeichen, jetzt muss etwas passieren." Das war Sommer 2017 - und im Oktober 2017 haben wir dann den Radentscheid gegründet.

Zurück zu den Plänen des Bundesverkehrsministers. Er regt an, Parken in zweiter Reihe sowie auf Geh- und Radwegen mit einer Geldbuße von 100 Euro zu ahnden.

Das ist keine große Summe, in anderen Ländern gelten deutlich höhere Summen. Entscheidend ist außerdem die Kontrolle. So eine Regelung ist nett, aber befolgt wird sie nur dann, wenn jemand da ist, der aufschreibt. Und die Fahrzeuge müssten abgeschleppt werden.

Und was halten Sie von den Fahrradzonen, die Herr Scheuer vorschlägt? Auf ihnen sollen dieselben Regelungen gelten wie auf Fahrradstraßen.

Prinzipiell ist das eine gute Idee - insbesondere dort, wo keine Radwege gebaut werden können, weil es an Platz fehlt, zum Beispiel in Heddernheim. Beim Thema Fahrradstraßen, zum Beispiel in der Goethestraße, sind wir allerdings sehr skeptisch. Theoretisch haben da Fahrradfahrer Vorfahrt, aber das weiß keiner. Die Autofahrer benutzen sie genauso wie eine andere Straße, trotz der Piktogramme auf der Fahrbahn.

Wie könnte man das verbessern?

Eine Fahrradstraße funktioniert nach unserer Meinung nur dann, wenn die Geschwindigkeit deutlich unter die 30 Stundenkilometer gesenkt wird, die dort momentan gelten. Ein Kind ist auf dem Fahrrad mit acht Stundenkilometern unterwegs. Wenn ein Fahrzeug Tempo 30 fährt, dann ist das trotzdem noch eine Gefahr, weil die Geschwindigkeiten so unterschiedlich sind. Außerdem müsste Durchgangsverkehr dort verboten werden.

Scheuer will außerdem an Kreuzungen das Parken verbieten - im Bereich von fünf Metern bis zur Eckausrundung.

Das ist ein entscheidender Punkt. Wir haben die meisten Unfälle an Kreuzungen. Hier brauchen wir Sichtfreiheit. Dazu gehören aber nicht nur parkende Autos, sondern zum Beispiel auch Litfaßsäulen und Straßenschilder. Fünf Meter, ungefähr eine Fahrzeuglänge, sind dafür allerdings viel zu wenig, der ADFC fordert hier mindestens zwei Fahrzeuglängen. Ganz wichtig ist für uns auch noch ein weiterer Vorschlag des Verkehrsministers.

Nämlich?

Städte sollen künftig mehr Möglichkeiten haben, Modellversuche auszuprobieren. Zum Beispiel bei der Einrichtung von Tempo-30-Zonen. Das erachten wir als eine der wichtigsten Überlegungen, denn das würde Städten ganz andere Möglichkeiten geben, die Mobilitätswende anzustoßen.

Der Autoverkehr ist gesetzlich ganz klar bevorzugt. Eigentlich muss das Straßen- verkehrsgesetz verändert werden.

Wenn alles gut läuft, dann ist es in wenigen Tagen so weit: Am kommenden Donnerstag, 29. August, wird während der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung voraussichtlich die Einigung zwischen den Initiatoren des Frankfurter Radentscheids, Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) und der Regierungskoalition aus CDU, SPD und Grünen beschlossen. Aus diesem Anlass wird es auf dem Römerberg eine Kundgebung zwischen 19.30 Uhr und 20 Uhr geben. 

Initiative Radentscheid hatte 40.000 Unterschriften gesammelt

Ein roter Teppich für Fahrradfahrer wird ausgerollt und das im April 2018 aufgestellte goldene Fahrrad wieder entfernt. Nachdem die Bürgerinitiative "Radentscheid" im Sommer 2018 fast 40 000 Unterschriften für eine bessere Radinfrastruktur in Frankfurt gesammelt hat und zunächst durch die Stadt für rechtlich unzulässig erklärt worden ist, haben sich die Initiatoren mit Vertretern des Magistrats und der Regierungskoalition auf eine Beschlussvorlage einigen können, die die Forderungen des Radentscheids vollumfänglich aufgreift und darüber hinaus konkretisiert. "Die Einigung mit dem Magistrat ist ein großartiger erster Schritt für Frankfurt auf dem Weg zu einer sicheren und umfassenden Radinfrastruktur," sagt Alexander Breit, einer der Initiatoren. red

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