+
Im Autostau verbummelt der X97-Schnellbus an mehreren Stellen Zeit, hier auf der Friedberger Landstraße an der A661-Auffahrt.

19 direkte Linien

Der langsame Schnellbus -  aber wie schnell sind die Busse wirklich?

  • schließen

Nahverkehr Immer mehr Fahrgäste nutzen Express-Angebote im RMV - Staus und viele Stopps bremsen Linien wie die X97: Seit bald drei Jahren rollen Schnellbusse im Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV). Viele sind im Frankfurter Umfeld unterwegs. Sie sollen Fahrgästen zügige Querverbindungen zwischen S-Bahn-Strecken bieten. Die Fahrgastzahlen steigen zwar. Doch schnell sind einige Linien nicht unterwegs. Und sie leiden unter Detailproblemen, wie sich auf der Linie X97 von Bad Vilbel via Frankfurt nach Offenbach zeigt.

Frankfurt/Bad Vilbel - Gerald Wollmann (50) blickt von seinem Roman auf. Der Bus der Linie X97 rollt an die Haltestelle am Bad Vilbeler Bahnhof. Acht Minuten verspätet ist der, ein Unfall auf der Strecke war schuld. Nun soll es in nur 28 Minuten auf fast direkter Strecke nach Offenbach-Kaiserlei gehen. "Der Bus fährt mich direkt zur Arbeit", freut sich der Pendler.

Wollmann nutzt den X97 jeden Tag - statt der S-Bahn via Frankfurt samt Umsteigen. Das würde mindestens 40 Minuten dauern. Mit den Expressbussen will der RMV Fahrgästen auch dort schnelle Verbindungen bieten, wo Bahnstrecken fehlen. Dank Querverbindungen um Frankfurt herum sollen Fahrgäste nicht erst in die City und dann wieder hinaus fahren müssen.

2017 wurde dafür ein Netz im Umland geknüpft. Schnell geht es zum Beispiel mit der X17 von Hofheim zum Flughafen oder der X27 von Königstein nach Nidderau. In vielen Fällen aber wurden auch nur bestehende Linien auf eine X-Nummer umfirmiert, ohne dass die Busse kürzer unterwegs sind. Viele Strecken haben auch recht kurze Haltestellenabstände.

So richtig schnell ist auch die Linie X97 meist nicht unterwegs. In den ersten Monaten fuhr sie noch via B3 und A661. "Das war super, so schnell war ich noch nie im Büro", erinnert sich Gerald Wollmann. Doch weil die Fahrgastzahl gering blieb, stellte der RMV die Streckenführung um - um auch das Fahrgastpotenzial im Süden Bad Vilbels zu erschließen, wie RMV-Sprecherin Vanessa Rehermann erklärt.

Frankfurt: Mehr Fahrgäste in Bussen

Fahrer Erkan Uslu lenkt nun den Iveco-Bus des Altenstädter Unternehmens Stroh kurz vor halb neun über die alte B3 durch Bad Vilbel. Der X97 rollt sogar durch die Siedlung Heilsberg am Frankfurter Stadtrand. Hier bremst Uslu ab. Eine Kehrmaschine kriecht vor dem Bus her, und die Fahrbahn ist zu schmal, damit der Bus sofort vorbeikommt. Diese Route beschert zwar mehr Passagiere. Die aber sitzen länger. Und sie hätten viele Alternativen: Nicht selten rollen sogar bis zu vier Busse verschiedener Linien hintereinander hier durch Bad Vilbel.

Im X97 fahren jetzt etwas mehr Leute mit als anfangs. "Aber es könnten noch mehr sein", findet Janine Drusche (33). Die Redakteurin fährt jeden Tag nach Offenbach ins Büro. "Da müsste mehr Werbung gemacht werden", findet Drusche. Die Passagierzahl nehme langsam zu, freut sich Fahrer Uslu. Beschäftigte der Unfallklinik hätten die Express-Verbindung von und nach Offenbach inzwischen entdeckt.

Eine zügige Querverbindung zwischen der S6 in Bad Vilbel und dem S-Bahn-Halt Offenbach-Kaiserlei bietet die Linie X97. Die Nachfrage ist aber überschaubar.

Als die Skyline in Sicht kommt, setzt Erkan Uslu den Blinker nach links. Auf der Busspur der Friedberger Landstraße rauscht er am Stau vorbei. Der Zeitgewinn ist kurz danach aber schon wieder futsch: Statt einfach die Bushaltestelle Unfallklinik auf der Hauptstraße anzusteuern, muss der X97 links abbiegen ins Klinik-Quartier, das zu Seckbach gehört, dort nach rechts fahren und durch die Bus-Wendeschleife. Die sei oft aber blockiert, sagt Fahrer Uslu. "Dann parkt hier die Linie 30 und der Fahrer hat Pause." Mangels anderer Wendemöglichkeit muss der X97 dann dahinter warten. Bis zu acht Minuten dauere das, erzählt der Fahrer.

Warum die Schleife? Die Geradeaus-Route für den X97 auf der Friedberger habe das Straßenverkehrsamt untersagt, erklärt der RMV. Dort kann Amtsleiter Gert Stahnke zwar ad hoc nichts zu den Gründen sagen, da er den Fall nicht kennt. Er kündigt aber an, die Geradeaus-Option zu prüfen: "Ich sehe keine Schwierigkeiten, diese Fahrbeziehung zuzulassen". Wenn der X97 von der Busspur aus über die Kreuzung auf die rechte Geradeausspur fahre, "habe ich kein Problem damit". 250 Meter weiter muss der Bus zur A661 nach rechts abbiegen. An jener Kreuzung gibt es bereits eine solche Verkehrsführung: für Busse der Linie 30 in der Gegenrichtung. Anfangs durfte auch der X97 schon so zeitsparend fahren. Stahnke kündigt an: "Falls Änderungen an der Signalschaltung notwendig würden, könnte dies geschehen."

Fahrtroute weckt Unverständnis

Die Schleife erzeugt auch hinten im Bus Unverständnis. "Extrem dämlich" sei sie, findet IT-Spezialist Wollmann. Zusätzlich bremst der Stau vor der Autobahnauffahrt den X97 auch an diesem Morgen aus. Die Uhr tickt.

Auf der A661 rollt der Verkehr zäh. "Normal um diese Zeit", sagt der Fahrer. Auch vor und im Kaiserlei-Kreisel stockt es. "Wegen der Baustelle, das nervt sehr", sagt Erkan Uslu. Die Lage ist so schlimm, dass die Busse nachmittags gar nicht mehr zwischen Kaiserlei und Offenbachs Hauptbahnhof rollen. Die Verspätungen fraßen die gesetzlichen Pausenzeiten der Fahrer auf.

Solche Probleme muss der RMV unentwegt lösen. Die Expressbusse sieht er aber als Erfolgsgeschichte - mit werktäglich 20 000 Menschen auf den 19 X-Linien. Das Problem teils langsamer Strecken wegen zu vieler Haltestelle hat auch der RMV erkannt, erklärt Sprecherin Rehermann. Zukünftig solle der durchschnittliche Abstand zwischen zwei Stopps bei nur noch 800 Metern liegen - doppelt so weit wie bei anderen Buslinien.

Auf 13 Minuten ist die Verspätung geklettert, als Erkan Uslu am Kaiserlei die Türen öffnet. Gerald Wollmann steigt aus, läuft nun in drei Minuten an seinem Arbeitsplatz. Die überschaubare Zuverlässigkeit der X97 sei "nicht so schlimm", findet er. Meistens sei ja der A661-Stau schuld, und dafür könne niemand etwas. "Ich habe vorher ja auch schon stundenlang auf die S6 gewartet." Janine Drusche fährt noch bis zum Hauptbahnhof weiter. Nur noch eine handvoll Fahrgäste ist an Bord. "Hoffentlich wird die Linie nicht bald wieder eingestellt", seufzt die Vilbelerin. So schnell sicher nicht: Der Betrieb ist für vier Jahre vergeben.

Mit einem Pilotprojekt ging es 2014 los: Seitdem rollt der X27 von Karben nach Königstein. Aus anfangs 200 wurden bald 1000 Fahrgäste am Tag. Die Expressbus-Idee funktionierte.

Hintergrund: Expressbusse in Frankfurt

Expressbusse rollen halbstündlich oder stündlich auf neun Linien rund um Frankfurt sowie zehn Linien in Süd- und Mittelhessen - überall dort, wo Fahrgäste zuvor Umwege fahren mussten. So sank etwa die Fahrzeit von Hattersheim zum Flughafen von 40 auf 20 Minuten im X17, zwischen Frankfurts Unfallklinik und Kaiserlei von 30 auf 15 Minuten im X97.

Nicht überall sind die Expressbusse schnell. Bei einigen Linien hat der RMV bloß die Nummer getauscht. So wurde aus der 560 zwischen Frankfurt und Hanau die X57. Aus der Linie 651 zwischen Obertshausen und dem Flughafen wurde die X19 - bei gleich gebliebener Fahrzeit. dpg

Kommentar:

Autor Denis Pfeiffer-Goldmann

So wichtig die Verbindungen ins Herz Frankfurts für die meisten Fahrgäste sind, ist die Ausrichtung des Nahverkehrs fast nur aufs Zentrum auch eine Bürde. Selbst wer hier nicht hin will, muss oft via Frankfurt-City fahren. Das verstopft die Bahnen und Busse hier unnötig.
Mit dem Schnellbus-Ring um Frankfurt gibt der RMV die richtige Antwort. Starke Nachfrage auf einigen Linien ist deutliches Lob. Wenn in anderen Linien aber nur wenige Menschen mitfahren, ist das eine Warnung. Diese X-Busse bieten nicht, was die Menschen benötigen. In vielen Fällen dürfte der Etikettenschwindel schuld sein: Wenn als "Express" titulierte Busse in Wahrheit lahme Enten sind.
Hübsche Namen helfen nicht, die massiv steigende Nahverkehrs-Nachfrage zu bewältigen. Noch mehr Mut ist hier nötig. Damit Expressbusse endlich (fast) so schnell sind wie das Auto. Dann wird das Umsteigen auf den Bus von der Qual zur Wonne.

Mit unserem ÖPNV-Tickern sind Sie immer auf dem Laufenden, was bei S-Bahn und bei der U-Bahn läuft, oder besser gesagt, nicht läuft.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare