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Mamma Hesselbach (Liesel Christ) ist empört: Ihr Gatte ist verreist, ohne zu sagen wohin.

Viel mehr als eine Volksschauspielerin

Gedenken an Frankfurter Ikone: Heute wäre Liesel Christ 100 Jahre alt geworden

Liesel Christ, Gründerin des Frankfurter Volkstheaters und "Mamma Hesselbach"-Darstellerin, hätte heute ihren 100. Geburtstag gefeiert. 

Frankfurt - Liesel Christ hat lange Theater gespielt. Aber in ganz Deutschland bekannt wird sie durchs Fernsehen. In den Wirtschaftswunderjahren übernimmt sie eine Hauptrolle in der Kultserie über die Familie Hesselbach. Es wird ein Straßenfeger. Liesel Christs Erfolg steht in den Sternen. Eine Wahrsagerin soll dem talentierten Arbeiterkind aus dem Nordend, geboren im Sternzeichen Widder, vorausgesagt haben, dass es mit 40 Jahren berühmt sein werde. Schon früh zeichnet sich der spätere Erfolg ab, die „klaane Christ“, das Nesthäkchen einer Großfamilie, scheut weder Rampenlicht noch harte Ballettstunden. Doch ohne Ruckeln beginnt die Karriere nicht: Als kleines Mädchen tritt Liesel Christ in Puccinis Oper „Madame Butterfly“ auf. Die ungewohnten Masken und Kostüme erschrecken sie derart, dass sie weinend von der Bühne getragen werden muss. 

Liesel Christs erste Hauptrolle: "Peterchens Mondfahrt" 

Aber sie gibt nicht auf: Ihre erste Hauptrolle in „Peterchens Mondfahrt“ macht sie zum Kinderstar und „Wunderkind“ der Frankfurter Theaterszene. Mit 14 Jahren darf sie ihre Ausbildung an der Schauspielschule beginnen, als jüngste Studentin überhaupt. Schnell wird sie zu einer professionellen Bühnenakteurin, die Rollen unter anderem am Stadttheater Koblenz oder Heilbronn übernimmt. Nach dem Krieg zählt sie zu den Gründern der Landesbühne Rhein-Main. Nebenher tritt sie auch im Frankfurter Zoo-Theater, im Stadttheater Mainz und in den Städtischen Bühnen in Bielefeld auf. Das Hochdeutsche ist ihr Metier, auch als Operettensoubrette tritt sie auf. Nach dem Ende des Krieges geht die geschiedene Mutter von zwei Töchtern mit dem einstigen Ufa-Star Lilian Harvey und dem in Friedberg geborenen Entertainer Wolf Schmidt auf ausgedehnte Tourneen. 

Sie tingeln durchs zerstörte Land, vielen Stars fällt der Neuanfang nicht leicht. Egal, ob Kästner oder Brecht auf dem Spielplan steht – Liesel Christ brilliert. 

Christs "Mamma Hesselbach" wird zum hessischen Original

Wolf Schmidt ist es schließlich zu verdanken, dass Liesel Christ in den 60er Jahren zu einem der ersten deutschen Serienstars aufsteigt – ihre eigensinnige „Mamma Hesselbach“, die sich mit ihrem Mann, verkörpert von Autor Wolf Schmidt, Wortgefechte lieferte, wird zum hessischen Original. Liesel Christ ist da Anfang 40 – die Prophezeiung hatte sich erfüllt. Ihre lange Bildschirmpräsenz hat aber zur Folge, dass Bühnenrollen für sie rar werden. „Jeder sagt, das ist ja Mamma Hesselbach“, bedauert sie. Ermuntert von Kollegen wie Heidi Kabel und Willy Millowitsch erfüllt sie sich einen „Herzenswunsch“ und gründet 1971 ihre eigene Dialektbühne. 

Liesel Christ als Mamma Hesselbach mit Wolf Schmidt.

Dabei bevorzugt sie eine Mischung aus unterhaltsamen Schwänken und anspruchsvollen literarischen Stücken. Gespielt wird dort auch Shakespeare, Brecht und Goethe. Und wie es ihr Frankfurts größter Dichter 200 Jahre früher vormachte, reist sie 1990, nach der Wende, nach Weimar, um dort auf dem Schlossplatz den „Urfaust“ auf Frankfurterisch zu präsentieren. Ihr Ende kommt jäh: 

Liesel Christ verstirbt 1996

Im August 1996 zieht sich die 77-Jährige bei einem Sturz schwerste Kopfverletzungen zu. Mehrere Operationen bleiben erfolglos. Die „letzte große Hessin“, wie Kult-Entertainer Heinz Schenk sie nannte, erwacht nicht mehr aus der Bewusstlosigkeit. Ihre Grabstätte auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, im Gewann J 296, wo auch ihre 2015 verstorbene Tochter Gisela Dahlem-Christ ruht, ist eine feste Station bei kulturhistorischen Führungen über das Gelände – ihr Andenken ist eingereiht in das anderer großer Persönlichkeiten. 

Ein Abschnitt des Anlagenringes an der Alten Oper wird ihr zu Ehren umbenannt. Unweit davon, im alten Theaterbau, hatte sie als Kind in einer Inszenierung von Puccinis „Madame Butterfly“ getanzt. Die Mundartbühne „Frankfurter Volkstheater“, von Liesel Christ 1971 als große Herzenssache gegründet und ab 1975 im Cantate-Saal beheimatet, führten die Töchter Gisela und Bärbel zusammen mit dem Regisseur Wolfgang Kaus im Sinne der Prinzipalin weiter. Das Haus gibt es allerdings seit 2013 nicht mehr in Frankfurt. Quasi zum „heimlichen“ Nachfolger ist Michael Quast geworden. Der aus dem Kabarett kommende Schauspieler und Regisseur liebt ebenfalls die Mundart. Mit seiner „Fliegenden Volksbühne“ wird er im derzeit renovierten Cantate-Saal eine feste Bleibe erhalten. In diesem Saal – unmittelbar neben dem Geburtshaus Goethes – spielte einst auch das Volkstheater.

Liesel Christs Dialekt war authentisch - eine echte Frankfurterin eben

Liesel Christ glückte ein Phänomen. Bei ihr war die Mundart kein schmückendes oder gar rührseliges Requisit, sondern stark und selbstbewusst genug für Klassiker der Weltliteratur. Sie und das Ensemble des Frankfurter Volkstheaters bewiesen es. Auch im Fernsehen („Mit Leib und Seele“) blieb die Schauspielerin dem Dialekt verbunden. Anfangs, nach dem immensen Erfolg der TV-„Hesselbachs“, hatte sie noch versucht, von der Mundart wegzukommen – vergebens. Das Publikum sah in der Frankfurterin nunmehr die „Mamma“ und nicht „Lady Macbeth“. Man erlebt sie, die über viele Jahrzehnte in einem eigenen Haus in der Leerbachstraße wohnte, als Familienmenschen mit eisernen Regeln. Widder-Geborene stehen im Ruf, großzügig zu sein. 

Liesel Christ unterstützte den Wiederaufbau der Alten Oper

Und Großzügigkeit zeigte Liesel Christ, indem sie etwa den Wiederaufbau der Alten Oper unterstützte oder sich für krebskranke Kinder engagierte. Ihre Tochter Gisela Dahlem-Christ, die das Theater bis zuletzt leitete, legte später den Grundstein für eine Stiftung, die Nachwuchsschauspieler unterstützt. Das Gremium vergibt Stipendien an angehende Schauspieler, die auf der Bühne zweisprachig auftreten – entweder in Mundart oder als in Deutschland heimisch gewordene Zuwanderer. Das sei ganz im Sinne Christs, so die Stiftungsvorsitzende Sabine Hock. Christ habe sich als tolerante Frau in den 1990er Jahren auch gegen den damals aufkommenden Hass gegen Asylbewerber eingesetzt, sagt Hock, die früher beim Volkstheater mitarbeitete. „Bei den ,Hesselbachs‘ habe ich Liesel Christ als professionelle Kollegin kennengelernt. 

Liesel Christ (links) als "Frau Schnippel"

Ich war damals, in der Rolle der Schwiegertochter Helga, noch sehr jung“, erinnert sich die Münchnerin Helga Neuner-Wilhelm, die nach Ende der Dreharbeiten ihre Filmkarriere zugunsten der Familie aufgab. Zusammen mit „Hesselbach“-Kollegin Gaby Reichardt lässt sie heute bei der Gala zum 100. Geburtstag im Foyer des Sendesaals des Hessischen Rundfunks die Zeit von Liesel Christ als „Mamma“ lebendig werden. Die Schriftstellerin Eva Demski, deren Vater das Bühnenbild für die TV-Serie gestaltete, wirkt auch mit. Aus den „Volkstheater“-Jahren plaudern unter dem Motto „Was fer e Theater“ die Sängerin und Schauspielerin Margit Sponheimer und der Medienmanager Helmut Markwort, der 2010 im hessischen „Jedermann“ auftrat. „Was fer e Theater“ startet am 16. April, 19.30 Uhr im Foyer des HR-Sendesaals, Bertramstraße 8. Karten an der Abendkasse kosten 13 Euro.

Von Jutta Failing und Thomas Maier

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