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Screenshot aus dem Video der französischen Nachrichtenagentur afp

Kinder des Dschihad

Frankfurter will achtjährige Tochter aus Syrien zurückholen – dort war sie im „heiligen Krieg“

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Eine Deutsch-Spanierin ist mit ihrer kleinen Tochter nach Syrien gereist, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. Nun sitzt sie in einem kurdischen Lager fest. Der Vater des Kindes lebt in Frankfurt und kämpft um dessen Rückkehr.

Frankfurt - Die Geschichte, die Sufyan M.* erzählt, ist verworren. Die Beziehung zur Mutter seiner beiden Kinder war ein heftiges Auf und Ab mit vielen Problemen und Brüchen. Nun ist die private Familientragödie ein Fall für die große Politik geworden. Denn die achtjährige Tochter des Frankfurter Deutsch-Marokkaners ist eines jener Kinder, um deren Schicksal auf nationaler und internationaler Bühne gerungen wird. Das Mädchen sitzt in Syrien fest – in einem Lager für Flüchtlinge und gefangene Unterstützer des „Islamischen Staats“ (IS).

Sufyan M. zeigt zwei Fotos seiner Tochter. Auf dem einen blickt sie mit ihren glänzenden braunen Augen strahlend in die Kamera, ihr zwei Jahre älterer Bruder hält sie in den Armen. Aufgenommen hat M. das Bild im August 2014. Es war das letzte Mal, dass er seine Tochter zu Gesicht bekam. Vier Monate später nahm ihre Mutter sie mit in den Dschihad.

Das zweite Bild stammt aus einem Video der französischen Nachrichtenagentur afp. Das Mädchen ist deutlich abgemagert und klammert sich verängstigt an einer komplett verhüllten Frau fest. Nur deren Augen sind durch den Schlitz des schwarzen Umhangs zu erkennen. Doch M. ist sich sicher, dass seine ehemalige Partnerin unter der Burka steckt: „Das ist sie, zu 100 Prozent“, sagt er. Auf dem Arm trägt sie einen Säugling. Das Video wurde laut afp am 28. März 2019 im Lager Al-Hol aufgenommen. Dort, im Nordosten Syriens nahe der irakischen Grenze, bringen kurdische Kräfte Flüchtlinge des syrischen Bürgerkriegs unter. Es sind viele IS-Anhänger unter ihnen, darunter auch solche, die wie M.s Ex-Freundin aus westlichen Staaten stammen. Die Kurden wollen diese ausländischen Dschihadisten so schnell wie möglich loswerden. Doch ihre Heimatländer zögern, sie zurückzunehmen.

Vater kämpft um Tochter in Syrien: Auswärtiges Amt bremst

Vor allem Deutschland steht auf der Bremse. Nicht einmal Kinder aus den syrischen Lagern lässt die Bundesregierung derzeit einreisen. Auch im Fall von Sufyan M.s Tochter lehnte Berlin eine Rückführung bisher ab. Man werde versuchen, ihr über Partnerorganisationen vor Ort „medizinische Hilfe“ zukommen zu lassen, schrieb das Auswärtige Amt lediglich. Für den 35 Jahre alten Vater klingt diese Antwort wie Hohn. Das Familiengericht hat ihm 2016 das alleinige Sorgerecht für beide Kinder zugesprochen. Seinen Sohn zog er alleine groß, er lebt nach wie vor bei ihm in Frankfurt. Seine Tochter wuchs bei ihrer Mutter in Niedersachsen auf. Als Familie zusammengelebt hatte das Paar nur kurze Zeit. Nach der endgültigen Trennung brach der Kontakt ab.

„Sie hat sich so sehr radikalisiert, dass selbst ihre Mutter nicht mehr an sie herankam“, sagt M. Mitte 2014 wandte die sich hilfesuchend an ihn. Es kam zu einem heimlichen Familientreffen bei Oma in Osnabrück. Die Geschwister sahen sich zum ersten Mal wieder. Dort entstand das glückliche Foto seiner Tochter. M.s Ex-Partnerin erfuhr erst später von dem Treffen. Per Handy-Chat machte sie ihm Vorwürfe. Es wurde ein heftiger Streit, die Textnachrichten flogen hin und her. Irgendwann schrieb sie: „Sag meinem Sohn das ich ihn liebe und ich auf ihn in Jannah warte in shaa ALLAH“ Jannah ist das islamische Paradies. Vermutlich war sie schon auf dem Weg nach Syrien.

Alkohol und Minirock: Frankfurter berichtet über seine Ex

„Als wir uns kennengelernt haben, war sie eine lebenslustige junge Frau“, sagt M. „Sie trug Minirock, ging tanzen, trank Alkohol und flirtete. Mit Religion hatte sie überhaupt nichts am Hut.“ Als Tochter eines Spaniers und einer Deutschen sei sie vermutlich Christin gewesen, aber er wisse es nicht. Auch für seine eigene, muslimische Familie sei die Religion seiner Partnerin nie Thema gewesen, sagt er. Wie die schleichende Radikalisierung der Mutter seiner Kinder begann, sei ihm bis heute nicht ganz klar. „Sie war immer auf der Suche nach irgendwas und litt unter starken Stimmungsschwankungen, an einem Tag sprach sie von Heiraten, am nächsten schrie sie aus heiterem Himmel: ,Ich verabscheue dich.‘“

Nach der Geburt der Tochter habe sie sich tagsüber im Schlafzimmer eingeschlossen – mit ihrem Computer. „Ich weiß nicht, auf welchen Internetseiten sie da war und mit wem sie Kontakt hatte. Sie bestellte sich Kopftücher und weite Gewänder“, erzählt M.

Er habe sich Sorgen gemacht und das Jugendamt eingeschaltet. Daraufhin sei es zum großen Knall gekommen. Die Beziehung, die ohnehin nie stabil war, ging endgültig in die Brüche. In dem Video aus Al-Hol gibt die schwarz verhüllte Gestalt freimütig Auskunft. „Ihr Vater ist in Deutschland. Und sie wurde in Deutschland geboren“, sagt die Frau auf Englisch über das ängstliche Mädchen an ihrer Seite. „Die anderen Kinder, die Väter sind tot.“ Gemeint ist der Säugling auf ihrem Arm und ein weiteres Kleinkind, das nicht zu sehen ist. „Sie hat in Syrien zwei weitere Kinder bekommen“, erklärt Sufyan M. Deren Väter waren wohl IS-Kämpfer. Und da sie Deutsche ist, haben auch diese Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit.

Der Fall zeigt, vor welchem Dilemma die Bundesregierung steht. Denn diese Kinder des Dschihads sind kein Zufall. Die Strategen des „Islamischen Staats“ haben gezielt westliche Frauen in ihr „Kalifat“ gelockt und ihnen heiratswillige Gotteskrieger vermittelt. Auch wenn sie militärisch inzwischen geschlagen sind, funktioniert die Nachwuchs-Strategie weiterhin. Die in Al-Hol untergebrachten Frauen gebären fleißig. „Hier kommen jede Woche 25 bis 30 Kinder auf die Welt“, berichtete eine Besucherin der Hilfsorganisation Medico International. Wie viele dieser Kinder deutsche oder andere europäische Eltern haben, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob ihre Eltern überzeugte Anhänger oder vielmehr Opfer des IS sind. Doch die Gefahr, dass Kinder in solchen Lagern zu Islamisten heranwachsen, ist groß. Auch Sufyan M. hat diese Befürchtung. „Meine Tochter hat diese radikale Ideologie mit Sicherheit beigebracht bekommen“, sagt er. „Sie muss therapiert werden, das wird kein leichter Weg.“ Aber auch deshalb sei es wichtig, dass sie so schnell wie möglich zu ihm nach Frankfurt komme.

Mutter will auch zurück nach Deutschland - Staatsanwalt ermittelt

Die Mutter seiner Kinder will ebenfalls zurück nach Deutschland. Deshalb ist sie wohl so offensiv vor die Kamera getreten. Doch was sie in ihrer Heimat erwarten würde, ist unklar. Die Generalstaatsanwaltschaft Celle führt ein Ermittlungsverfahren gegen die 30-Jährige. Der Verdacht: „Werben um Mitglieder oder Unterstützer für eine ausländische terroristische Vereinigung (IS bzw. Vorgängerorganisation ISIS)“. Dieses Verfahren wurde laut der Ermittlungsbehörde zwar vorläufig eingestellt, allerdings nur „aufgrund des Aufenthalts der Beschuldigten in Syrien“. Zudem droht ihr noch eine Strafanzeige wegen Kindesentzugs. Ob sich Sufyan M. vorstellen kann nocheinmal mit ihr zusammenzuleben? „Auf keinen Fall“, antwortet er. Mit seiner neue Lebenspartnerin schmiedet er bereits Hochzeitspläne.

*Sufyan M. heißt in Wirklichkeit anders. Wir haben seinen Namen geändert, um ihn zu schützen. Sein richtiger Name ist uns bekannt.

Von Daniel Gräber

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