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Kleiner Pieks mit großer Wirkung: Die Masern-Impfung schützt wirksam vor der gefährlichen Infektionskrankheit. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) möchte sie gerne verpflichtend einführen. Doch es gibt auch Kritik an diesem Plan.

Das Problem liege ganz woanders

Impfpflicht ab 2020: Leiter Frankfurter Gesundheitsamt kritisiert Gesetzesentwurf

Das Thema Impfpflicht gegen Masern wird bundesweit heftig diskutiert - der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts hat eine klare Meinung: Er ist dagegen.

Frankfurt - Masern gehören zu den besonders ansteckenden Infektionskrankheiten und haben einen dramatischen, manchmal gar tödlichen Verlauf für die Erkrankten. In diesem Punkt ist sich Gesundheitsamtsleiter Prof. Gottschalk mit Gesundheitsminister Jens Spahn einig. Und auch darin, dass Masern ausgerottet werden sollten. "Auf Kindergarten- und Schulkinder Zwang auszuüben, bringt nichts", so Gottschalk. "Das Problem sind die in weitaus größerer Zahl ungeimpften Erwachsenen." Für einen lückenlosen und lebenslangen Infektionsschutz sind zwei Masernimpfungen erforderlich. 

Frankfurt hat eine gute Impfquote

Die Quote der Frankfurter Kinder mit Erstimpfung liegt laut Gottschalk bei 96 Prozent. "Es hapert an der zweiten Impfung", diagnostiziert der Infektiologe. "Da erreichen wir nur noch knapp über 88 Prozent. Das muss besser werden." Eine gesetzliche Verpflichtung hält er für eher ungeeignet. "Was soll denn geschehen? Sollen ungeimpfte Kinder mit der Polizei zum Arzt gebracht werden?", fragt Gottschalk. Und gibt selbst die Antwort. "Das ist absurd." Ungeimpfte Kleinkinder vom Kindergarten auszuschließen, sei zwar möglich, aber nach seiner Ansicht wenig zielführend. Aufklären statt Ausschließen wäre seiner Ansicht nach der richtige Weg. "Das ist eine klassische Aufgabe für uns als Gesundheitsamt."

Impfpflicht gegen Masern: Amtleiter sieht die Probleme ganz woanders

Überhaupt nicht seine Aufgabe sei indessen, was Jens Spahn den Gesundheitsämtern im neuen Gesetz zuzuweisen gedenkt: Verhängung und Eintreibung von Bußgeldern gegen impfunwillige Eltern von Schulkindern. "Wir sind nicht und unter keinen Umständen die Gesundheitspolizei", zeigt Gottschalk klare Kante. "So lange ich im Frankfurter Gesundheitsamt etwas zu sagen habe, werden wir weder Bußgelder verhängen noch einziehen." Ob eine drohende Strafzahlung Eltern von Schulkindern zur Impfung des Nachwuchses bewegen kann, sieht er ohnehin skeptisch. "Überzeugte Impfgegner zahlen. Und dann? Ist das Kind immer noch nicht geimpft und geht weiterhin ohne Impfschutz in die Schule." Gottschalk hält ein verpflichtendes Schulfach Gesundheitsvorsorge für einen guten Weg. "Wenn Kinder ihre Eltern fragen: ,Warum seid ihr, warum bin ich nicht geimpft?', hat das meist die größte mobilisierende Wirkung auf die Erwachsenen.

Überhaupt, die Erwachsenen. Sie seien das weitaus größere Problem im Hinblick auf den Masern-Impfschutz.

Der Grund: Erst Anfang der siebziger Jahre wurde die Dreifach-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln medizinischer Standard. In Anspruch nahm sie zunächst nur eine Minderheit. Das Ergebnis ist, dass nur etwa 25 Prozent der Erwachsenen im Alter von 40 bis 50 Jahren gegen Masern immunisiert sind, bei den 35-Jährigen sind es weniger als 50 Prozent. In den jüngeren Jahrgängen sei der Impfschutz etwas besser. "Aber bei weitem nicht ausreichend", so Gottschalk.

Digitaler Impfausweis: Könnte das helfen?

Heute erhalten Kinder laut Impfkalender der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts (RKI) die erste Masern-Impfung im Alter von 11 bis 14 Monaten. Die zweite folgt im Alter von 15 bis 23 Monaten. Wer nach 1970 geboren ist und nur einmal geimpft wurde, seinen Impfpass nicht mehr findet oder nicht weiß, ob er die Masern hatte, sollte sich impfen lassen, empfiehlt das RKI. Eine überzählige Impfung schade nicht. Der digitale Impfausweis soll übrigens mit dem neuen Gesetz zur Masern-Pflichtimpfung eingeführt werden. "Durch so einen digitalen Impfausweis kann der Patient automatisiert an Termine für Folge- und Auffrischimpfungen erinnert werden", heißt es dazu im Gesetzesentwurf.

Dass dieser auch vorsieht, künftig alle professionell mit Kindern arbeitenden Erwachsene, also Lehrer und Erzieher, Kinderärzte und Pflegekräfte, zum Nachweis eines wirksamen Masernschutzes zu verpflichten, findet der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes übrigens angebracht. "Es wäre weder sinnvoll noch vermittelbar, wenn gegen ungeimpfte Schulkinder hohe Bußgelder verhängt würden, aber nicht immunisierte Lehrer vor der Klasse stünden."

Unklar bleibt freilich, ob diese Anforderung erst bei Neuanstellungen ans Personal gestellt werden soll oder auch an Bestandspersonal, ob die rückwirkende Forderung arbeitsrechtlich durchgesetzt werden kann, ob impfunwilliges Personal ebenfalls mit Bußgeldern belegt werden soll. Man darf gespannt sein auf die Ausführungsbestimmungen des Gesetzes.

Aufklärung über die Gefahren von Masern könnten helfen

Für verstärkte Aufklärung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung will das Bundesgesundheitsministerium Mittel in Höhe von 5 Millionen Euro pro Jahr bereitstellen. Wie diese Aufklärung konkret aussehen soll, ist noch ein Geheimnis. René Gottschalk erinnert sich an eine der effektivsten Aufklärungskampagnen für eine Schutzimpfung in der Nachkriegszeit: die gegen Polio. "Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam" lautete der eingängige Slogan, der Anfang der 60er Jahre regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt wurde. "Immer fünf Minuten vor der Tagesschau", sagt Gottschalk. "Das hat die Leute erreicht. Das bräuchten wir heute wieder, diesmal als Sensibilisierung für die Masern-Impfung."

von Sylvia A. Menzdorf

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