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So leer wie auf diesem Bild sieht es bei Besichtigungen in Frankfurt oftmals nicht aus.

Wohnungsnot

Zermürbend: In Frankfurt sind Massenbesichtigungen an der Tagesordnung 

In Frankfurt stehen Massenbesichtigungen auf der Tagesordnung. Weshalb die Mieter darunter leiden.

Frankfurt - 2-Zimmer-Wohnung, 45 Quadratmeter, Einbauküche, TGL Bad, im wunderschönen Nordend" - die Beschreibung im Onlineportal klingt gut. Ein Blick auf die Kaltmiete lässt die anfängliche Euphorie allerdings schnell verfliegen: 780 Euro will der Vermieter haben (16,96 Euro pro Quadratmeter).

Der Mietspiegelrechner der Eigentümervereinigung Haus & Grund weist für die Wohnung eine Kaltmiete von 426, 15 Euro aus. Wie ist der Unterschied zu erklären?

In den Mietspiegel fließen nur Mieten ein, die in den vergangene vier Jahren verändert wurden. Es sind also viele preisstabilisierende Altmieten darin enthalten. Bei Neuvermietungen indes kann der Eigentümer den Preis kräftig anheben. So kostet eben die Wohnung 353,55 Euro mehr, als sie es nach Mietspiegel dürfte. Das sind 82,6 Prozent über dem Regelwerk.

Ein Preis, der dennoch für das attraktive Nordend nicht ungewöhnlich ist. Laut des Amtes für Wohnungswesen zählt es überwiegend zur guten und zentralen Wohnlage.

Was kriegt nun der neue Mieter für sein Geld? Der Balkon der Wohnung im Nordend, nahe der Fachhochschule, ist winzig. Hier passt gerade so das Fahrrad der derzeitigen Mieterin drauf. Bad und Küche sind klein und die Möblierung alt. Das Schlafzimmer hat so viele Schrägen, dass kein Schrank dort aufgestellt werden kann, und alle Fenster liegen direkt an der vielbefahrenen Friedberger Landstraße - den Feinstaub bekommt der neue Mieter kostenlos dazu. Die alte Küchenzeile und einige Möbel müssen außerdem gegen einen Abschlag übernommen werden. Wer das nicht will, kann gleich wieder gehen.

Massenbesichtigungen sind in Frankfurt gängig

Doch die Interessenten bleiben, denn die Wohnung liegt eben zentral in Frankfurt. "Dutzende" haben sich laut aktueller Mieterin für die Besichtigung angemeldet. Sie übernimmt den Job einer Maklerin. An vier Abenden führt sie die Interessenten in ihrer Freizeit durch die Räume. Auch die Vorauswahl der Mieter übernimmt sie. Der Grund: Sie will so schnell wie möglich aus der Wohnung raus, ein neuer Job wartet. Das geht nur, wenn sie einen Nachmieter präsentieren kann, sonst muss sie bis Ende der Kündigungsfrist weiter zahlen.

"Ich persönlich habe das Gefühl, dass die Wohnung größer ist als 45 Quadratmeter", schwärmt die derzeitige Mieterin bei der Besichtigung. Immer wieder predigt sie die Eckdaten der Wohnung. "Kommt einfach rein", ruft sie hektisch den neuen Interessenten zu, die den Kopf durch die Wohnungstür stecken. Eine Vorstellung gibt es nicht, dafür ist zu viel los. Wer Interesse hat, soll ihr die vom Vermieter verlangten Daten schicken. Zwei Auserwählte haben anschließend die Chance, den Vermieter persönlich zu treffen.

Solche Massenbesichtigungen sind laut Rolf Janßen, Geschäftsführer des Mieterschutzverein Frankfurt, gängig. "In Frankfurt ist bezahlbarer Wohnraum einfach ein knappes Gut." Das Angebot reicht für die Nachfrage nicht aus. Für Wohnungssuchende sei es nur noch frustrierend, solche Massenbesichtigungen eine erschreckende Szenerie und der Wohnungsmarkt seit sehr langer Zeit von den Vermietern definiert.

Die 30 Jahre alte Lina (Name von der Redaktion geändert) ist eine der Interessenten für die Wohnung im Nordend. Sie kommt aus Frankfurt und ist Lehrerin. Sie sucht schon seit September 2018 eine Bleibe für sich alleine. "Ich habe mir schon sehr viele Wohnungen angeschaut und kann mir langsam nicht mehr erklären, warum es nicht klappt." Bei jeder Besichtigung waren mindestens 20 andere Interessenten anwesend. Die Chancen, so eine Wohnung zu ergattern, sei gering. Als Einzelperson empfindet Lina es schwieriger eine Wohnung zu bekommen. "Zwei Gehälter sehen halt einfach besser für den Vermieter aus."

Vermieter haben bei Massenbesichtigungen die Entscheidungsgewalt

Und bei dem Vermieter liegt nun einmal die Entscheidungsgewalt. "Die Vermieter können sich bei den vielen Interessenten einfach ihren persönlichen Wunschmieter aussuchen", weiß Janßen.

Wer schon bei der Anfrage für die Besichtigung nicht genug über sich und seine finanzielle Situation preisgebe, bekomme nicht mal eine Antwort. Zwar habe der Vermieter ein berechtigtes Interesse an der finanziellen Situation, persönliche Nachfragen nach politischer oder sexueller Ausrichtung, sowie Fragen zur Familienplanung gingen ihn dagegen nichts an. "Der Interessent muss aber quasi einen Daten-Striptease machen, um überhaupt in die engere Wahl zu kommen", kennt Janßen die Realität.

Auch Manuel (24) aus Frankfurt ist an der Wohnung im Nordend interessiert. Sie liegt preislich noch unter seiner Schmerzgrenze von 1200 Euro Gesamtmiete. "Ich will aber eigentlich nicht die Hälfte meines Gehalts für die Miete ausgeben." Zwar liegt die durchschnittliche Nettokaltmiete pro Quadratmeter Wohnraum für Frankfurt nach dem aktuellen Mietspiegel bei 9,36 Euro. 

Mindestmietdauer und Mietstaffelung werden gerne vereinbart

Die tatsächlichen Marktmieten sehen oft anders aus: 48 Quadratmeter für 650 Kaltmiete in Bockenheim oder 1080 Euro für 50 Quadratmeter in Bornheim, solche Angebote findet man in den Immobilienportalen oft. Auch wenn sich die Vermieter augenscheinlich nicht an den Mietspiegel halten - die Wohnungen werden trotzdem stark angefragt.

Manuel hat vor drei Wochen angefangen, nach einer eigenen Wohnung zu suchen. Bei der jüngsten Besichtigung wollten die Vermieter eine Mindestmietdauer von zwei Jahren, und die Miete wäre jedes Jahr um 15 Euro teurer geworden. Nichts Ungewöhnliches, wie Janßen weiß. "Mietrechtliche Vereinbarung wie eine Mindestmietdauer und eine Mietstaffelung sind rechtlich möglich, damit der Vermieter eine Planungssicherheit hat." Bis zu vier Jahren kann eine solche Mindestmietdauer vereinbart werden. "Man muss genau den Vertrag durchlesen, bei einer Nichteinhaltung kann der Vermieter nämlich eine Verwaltungspauschale von mehreren Hundert Euro fordern", sagt Janßen. Bei Staffelmieten habe sich der Vermieter dagegen eigentlich offiziell an die Mietpreisbremse zu orientieren. "Das wird aber faktisch nicht beachtet."

Für Manuel sind es nicht nur die Besichtigungen, die ihn Nerven und Zeit rauben, sondern auch die Suche an sich. "Ich schaue jeden Tag auf der Arbeit nach Wohnungen." Zwei Stunden täglich kämen locker zusammen. Er hoffe, bald etwas zu finden.

Von Svenja Wallocha

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