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Blick aus der Vogelperspektive auf Frankfurt: Die Main-Metropole dürfte bald mehr als 800 000 Einwohner haben.

Es wird enger

Rhein-Main-Gebiet: Mietpreisbremse soll Wohnungsnot lindern

Im Rhein-Main-Gebiet wird es immer enger. Städte wie Frankfurt, Mainz oder Offenbach wachsen kräftig, müssen fleißig an ihrer Zukunft basteln - und an der ein oder anderen Stelle umdenken.

Frankfurt/Mainz - Eine Dreiviertelmillion Einwohner hat Frankfurt bereits - doch die Stadtplaner in der Metropole stellen sich für die kommenden Jahre auf noch deutlich mehr Menschen ein. Einer Prognose der Stadt zufolge hat Frankfurt im Jahr 2030 bereits 810000 Einwohner. Tendenz: Steigend. Dabei ist die Einwohnerzahl zuvor schon innerhalb von zehn Jahren um 100000 Menschen gewachsen. Können da Wachstumsschmerzen ausbleiben?

Schon jetzt muss, wer in Frankfurt nicht nur eine neue Arbeit, sondern auch eine Wohnung finden will, sich auf finanzielle Schmerzgrenzen einrichten. Bezahlbarer Wohnraum gilt als eines der brennendsten Probleme auch für Normalverdiener - von Wohnungen für sozial Schwache einmal ganz zu schweigen. "Das integrierte Stadtentwicklungsprojekt sieht vor, bis 2030 bis zu 90000 Wohnungen zu bauen", sagt Marcus Gwechenberger, Referent von Planungsdezernent Mike Josef und zuständig für den Bereich Stadtentwicklung. Dabei werde auch Wert auf "vielfältige Nutzung und soziale Struktur" gelegt - und schon mit Blick auf die Folgen des Klimawandels soll trotz neuer Baumaßnahmen die Größe der Grünanlagen nicht schrumpfen.

Schließlich ist Frankfurt buchstäblich ein "heißes Pflaster" - erst in der vergangenen Woche wurde ein neuer hessischer Hitzerekord von 40,2 Grad im Frankfurter Westend verzeichnet, keine andere deutsche Stadt hatte im vergangenen Jahr so viele Hitzetage.

Wachstum und steigender Bedarf an Wohnungen prägt aber die gesamte Region Frankfurt und Rhein-Main. "Von 75 Kommunen im Regionalverband Frankfurt-Rhein-Main hatten nur zwei keinen Zuwachs", sagt Verbandssprecher Frank Tekillic. In den Jahren 2012 bis 2017 hätten auch kleinere Kommunen wie Kelsterbach ein zweistelliges Wachstum verzeichnet.

Es kann voll werden

"Die Kommunen haben die Zeichen der Zeit erkannt mit deutlich mehr Bautätigkeit", so Tekillic. Gerade im Umkreis von Bahnhöfen und Haltepunkten sei neuer Wohnraum entstanden. Denn hier zeigt sich die Sogwirkung Frankfurts, das wochentags zur Millionenstadt wird mit 375 000 Pendlern. Ein zunehmender Teil dieser Menschen setzt dabei auf öffentliche Verkehrsmittel. Der Rhein-Main Verkehrsverbund (RMV) verzeichnete 2018 mit 788 Millionen beförderten Fahrgästen ein Rekordjahr. "Bis 2030 rechnen wir mit weiteren 30 Prozent mehr Fahrgästen", sagt RMV-Geschäftsführer Knut Ringat. "Wenn sich das Wachstum der vergangenen Jahre fortsetzt, werden wir diese Prognose sogar deutlich übertreffen."

Wer im Berufsverkehr etwa auf der Strecke Hanau-Frankfurt-Mainz-Wiesbaden mit der S-Bahn unterwegs ist, weiß: Das kann sehr voll werden. Zusätzliche Fahrten, dichtere Taktung und längere Züge sollen helfen. "In Frankfurt/Rhein-Main sind die Schienenstrecken aber an vielen Stellen überlastet", räumt Ringat ein. "Projekte wie die Nordmainische S-Bahn, der viergleisige Ausbau der S-Bahn-Linie S6 oder die Wallauer Spange müssen daher schnell realisiert werden."

In einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung vom Frühjahr heißt es: "Städte bleiben die Magneten." Die attraktiven unter ihnen hätten "enormen Zulauf", die Menschen ziehe es in Regionen mit guten Lebensbedingungen, von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen über Jobangebote bis zu Versorgungsangeboten für Ältere.

Unter den ersten im Ranking des Instituts sind mit Frankfurt und Offenbach zwei Rhein-Main-Städte. Für Frankfurt und Mainz wird bis 2035 ein Bevölkerungswachstum um zehn Prozent erwartet, Offenbach und Darmstadt dürften ähnlich stark zulegen. Offenbach zählte Ende Juni 2019 knapp 139 000 Einwohner, zehn Jahre zuvor waren es knapp 118 000 gewesen. Wiesbaden wuchs von Ende 2008 bis Ende 2018 um rund 15 000 auf rund 290 500 Menschen.

Matthias Seiler vom Amt für Stadtplanung, Verkehrs- und Baumanagement in Offenbach spricht von einem "hohen Wachstumsdruck", der auf dem Rhein-Main-Gebiet laste. Offenbach habe in den vergangenen Jahren auf viele zuvor ungenutzte Freiflächen zurückgreifen können. Auch auf alten Fabrikflächen seien Wohneinheiten entstanden. Es gehe aber nicht nur mit dem Auffüllen dieser Flächen, auch neue Gebiete müssten hinzukommen - gerade geschieht dies in Bieber-Nord und Bürgel-Ost. Die Möglichkeiten seien aber wegen der Lärmbelastung limitiert. Verstärkt sähen Projektierer einen Markt für Gebäude mit kleineren Wohneinheiten. Wie Mainz braucht auch Offenbach neue Schulen.

Mehr Aufenthaltsräume

Mehr Bevölkerung brauche auch mehr öffentliche Aufenthaltsräume, sagt der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). In der Innenstadt würden systematisch Parkplätze umgewandelt und Straßenzüge aufgewertet. "Die zunehmenden Bevölkerungszahlen dynamisieren unsere Anstrengungen für den ÖPNV", sagt Ebling. Hier sieht er in Rhein-Main Nachholpotenzial. Es sei eine der größten Aufgaben, künftig einen vertretbaren Ansatz für die Mobilität in der ganzen Region zu denken. "Die Infrastruktur ächzt, wir brauchen dringend den Blick auf die gesamte Metropolregion."

Das sieht Gwechenberger ähnlich. "Man muss öfter mal die Stadtgrenze im Kopf ausblenden", betont er. Die interkommunale Zusammenarbeit zwischen Frankfurt und Offenbach zum Beispiel klappe schon ganz toll. Ein Beispiel, wie das noch weitergeführt werden kann, sieht er in den "Regionale"-Projekten in Nordrhein-Westfalens, in denen Kommunen gemeinsam an einem Thema arbeiten, Fördermittel einwerben und mit geballtem Know-How umsetzen.

Und auch aus den Fehlern der Vergangenheit wird gelernt: Während erst nach dem Bau des Frankfurter Europaviertels der Ausbau der U-Bahn-Strecke in das Gebiet vorangetrieben wurde, treffen derzeit die ersten Gutachten ein, die die Möglichkeiten eines neuen Frankfurter Stadtteils im Nordwesten der Stadt für bis zu 30000 Menschen prüfen. U-Bahn- und S-Bahnstrecken dorthin gibt es bereits.

Allerdings gibt es auch Widerstand gegen das Projekt, besonders die angrenzende Taunus-Gemeinde Steinbach ist empört und fürchtet Eingemeindungsbestrebungen. In einer Resolution kurz nach Bekanntwerden der Pläne lehnte sie einen Frankfurter Stadtteil in der Nachbarschaft wegen der "erheblichen städtebaulichen und sozialen Auswirkungen" ab.

Angebot und Nachfrage von Wohnungen klaffen in den sogenannten Schwarmstädten weit auseinander - die Folge sind steigende Mieten. Das Instrument der Mietpreisbremse begrenzt den Anstieg bei der Neuvermietung von Wohnungen auf maximal zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete. Dies gilt allerdings nicht für Neubauwohnungen und die erste Vermietung nach umfassender Modernisierung. Auch weichen Vermieter aus, indem sie ihre Wohnung künftig möbliert anbieten.

In Hessen wurde die Mietpreisbremse Ende 2015 für zunächst 16 Gebiete bestimmt. Im Juni trat die Miepreisbremse nach einer weiteren Bewertung für nunmehr 31 Gemeinden in Kraft. Hierzu gehören mit Frankfurt und Wiesbaden zwei Städte der Rhein-Main-Region mit ihrem besonders angespannten Wohnungsmarkt, aber auch die Universitätsstädte Darmstadt und Marburg und zahlreiche Taunus-Kommunen.

Kritiker der Mietpreisbremse bemängeln die begrenzte Wirkung der Regelung: Bei einem stark angespannten Wohnungsmarkt akzeptiere ein Mieter im Zweifel auch eine überhöhte Miete, weil er froh sei, überhaupt eine Wohnung zu bekommen. Abgelehnt wird die Mietpreisbremse von der Eigentümervereinigung Haus und Grund: Sie sorge nicht dafür, unteren Einkommensgruppen den Zugang zu Wohnraum in begehrten Städten zu ermöglichen. Stattdessen sollten besser die Ursachen des Wohnraummangels angegangen werden. 

dpa/red

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