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Polizisten sichern nach dem Mord das Geschäftshaus in der Walter-Kolb-Straße.

Oliver F. in Sachsenhausen getötet

Mordprozess im Wettmilieu: Vermutlicher Auftraggeber will kein Motiv haben

Beim dritten Anlauf gelang es der 21. Strafkammer, den mutmaßlichen Auftraggeber am Mord an dem Sachsenhäuser Wettbürobetreiber Oliver F. per Videokonferenz aus Belgrad als Zeugen zu verhören.

Frankfurt - Seit Ende Juli 2018 läuft am Landgericht Frankfurt das Verfahren gegen Ivan M., der die tödlichen Schüsse abgegeben haben soll. Der Prozess wird bis mindestens Ende Juli fortgesetzt.

Mord aus Heimtücke und Habgier

Seit fast einem Jahr verhandelt die 21. Strafkammer über den Mord aus Heimtücke und Habgier an Wettbürobetreiber Oliver F. (50) aus Sachsenhausen. Ivan M. (47) soll am 3. Ja­nu­ar 2014 um 10.30 Uhr Oliver F. (50) im Auftrag mit drei Schüssen im Hinterhof eines Bürohauses in der Walter-Kolb-Straße getötet haben. Hier hatte Oliver F. das Wettbüro „Happy Bet“ betrieben. Der mutmaßliche Auftraggeber ist weiterhin auf freiem Fuß, obwohl er mit drei Haftbefehlen gesucht wird. Er hält sich in Serbien auf. Das Land liefert den Serben nicht aus. Um als Zeuge auszusagen, forderte er zunächst freies Geleit. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt stimmte zu. Er erschien dennoch nicht. Danach war eine Videovernehmung in Belgrad angesetzt, zu der er auch nicht erschien. Erst beim dritten Anlauf stellte er sich jetzt den Fragen des Gerichts.

Aleksander alias Sascha D. alias Victor P. (67) erscheint ganz in Schwarz gekleidet im Gerichtssaal in Belgrad. Er hat eine breite, bullige Figur, Stiernacken, kurze breite Hände, trägt eine rechteckige Brille und kurze dunkle Haare. Er setzt sich Kopfhörer auf, steht breitbeinig mit nach außen gewandten Füßen am hölzernen Stehpult, stützt sich mit beiden Händen ab. Über eine Standleitung wird er mit seinen Aussagen auf Bildschirme in den Frankfurter Gerichtssaal mit höchsten Sicherheitsvorkehrungen durch die Polizei und Justiz übertragen. Die Zuschauer sind durch eine gepanzerte Glasscheibe vom Gerichtssaal abgetrennt. Die Leitung knistert, manchmal bleibt das Bild stehen.

Angeklagter Ivan M.: Kein Wort zum Tatvorwurf

Der Angeklagte Ivan M. wird von seinem Anwalt und einem Sicherheitsbeamten flankiert, weitere Sicherheitskräfte sind im Verhandlungssaal positioniert. M. wirkt fahrig, streicht sich durch das Gesicht, die Zähne fest zusammengebissen. Er hat sich bislang mit keinem Wort zum Tatvorwurf eingelassen. Nur an einem Verhandlungstag wurde der schlanke unscheinbar wirkende Mann in Olive farbigem Hoodie und rötlichen Hosen aggressiv und laut. Er wehrte sich mit hartem Akzent gegen einen Fotografen. “Warum machen Sie Das? Jetzt reicht’s aber!“, schrie er damals. Als er jetzt den Zeugen auf dem Bildschirm sieht, faltet er die Hände, Daumen nach oben, die Zeigefinger geradeaus gerichtet. Konzentriert lauscht er dem Zeugen, der Deutsch spricht und den Dolmetschern, die dessen Worte für das Gericht in Belgrad übersetzen.

Der Mann in Belgrad, der verschiedene Namen „völlig legal“ trägt, „um trotz finanzieller Miseren wieder Fuß fassen zu können“, erklärt dem Vorsitzenden Richter mit tiefer fester Stimme, dass „alles eine Farce ist, was mir vorgeworfen wird. Die Anschuldigungen gegen mich treffen nicht zu.“ Unbeeindruckt davon lassen sich Richter und Staatsanwaltschaft die Zusammenhänge der Wettgeschäfte zwischen ihm und dem erschossenen Oliver F. erklären. Mal waren sie Partner, mal nicht, beim Betreiben von Wettbüros verschiedener Firmen. Der Zeuge hatte auch einen FKK-Club, den er „illegal verkaufen musste“. Er habe Oliver F. nachweisen können, dass er ihn betrogen habe und auch andere. Es sei um Millionenbeträge gegangen.

Mord an Oliver F. in Sachsenhausen: Es ging um Millionenbeträge

Offizielle Forderungen gegen Oliver F. habe er zu Zeitpunkt dessen Ermordung nicht gehabt. Inoffiziell etwa 800.000 Euro. Andere hätten durch F. mehr als 10 Millionen Euro verloren. Er widerspricht nicht, dass er einmal vor anderen Geschädigten gesagt habe, „dass man F. normalerweise in den Kofferraum sperren müsste, ihn nach Holland bringen und dann soll er zwei bis drei Millionen zahlen.“ Das sei nur albernes Gerede gewesen, ebenso wie Sätze anderer, der gelautet hätten: „Dem Rattenkopf müsste man den Kopf abschießen“ und „den muss man vom 18. Stock schmeißen.“ Von einem Bein auf das andere tretend sagt der Zeuge mehrfach, dass er „niemals jemanden umbringen oder umbringen lassen würde. Schon gar nicht, wenn ich noch Geld erwarte.“

Wie seine Fingerabdrücke auf Klebeband auf eine Waffe gekommen seien, die in der Wohnung, die er für M. angemietet hatte, gefunden wurde, kann er nur damit erklären, dass das Paketband von seinem Umzug käme, bei dem M. geholfen habe. Den Angeklagten „halte ich für unfähig, einen kaltblütigen Mord zu begehen. Der ist alles andere als ein Mörder.“ Dass M. wegen einer Schießerei in Berlin den Ermittlern am Mord-Tag von Fröhlich in Frankfurt ins Netz ging, und für diese Tat bereits zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt ist, erklärt der Zeuge damit, dass M. von zehn Männern angegriffen worden sei. Auch Aussagen vieler bereits gehörter Zeugen dementiert der Mann in Belgrad. Er selbst sei am Tattag in Serbien gewesen, mit M. habe er einen Albaner und einen Griechen „abziehen wollen, weil wir beide Geld brauchten“.

Frankfurt: Zeuge verdächtigt einen anderen Zeugen

Der Zeuge verdächtigt einen anderen Zeugen, der im Frankfurter Gerichtssaal bereits ausgesagt hatte. „Der hätte ein Motiv.“ Die Frage des Vorsitzenden Richters, warum der Serbe erst selbst zur Zeugenaussagen die eigene Forderung nach freiem Geleit gestellt hat und dennoch nicht in Frankfurt erschien, obwohl die Staatsanwaltschaft auf alle seine Bedingungen eingegangen ist, begründet er mit aggressivem Tonfall. „Ich habe kein Vertrauen in das Rechtssystem hier.“ Fünf Stunden lang sagt er aus und widerspricht allen anderen Zeugenaussagen. Als die Standleitung abgeschaltet wird, wirkt M. erleichtert. Er lächelt und hält den Daumen hoch in Richtung Publikum hinter der Panzerglasscheibe. Der Prozess wird noch bis mindestens Ende Juli fortgesetzt.

bi

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