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Blumenmeer am Hauptbahnhof Frankfurt

"Die normale Reaktion ist Angst"

Nach den Attacken in Frankfurt und Wächtersbach: So fühlt sich die eritreische Gemeinde

Innerhalb kürzester Zeit rückten nach zwei Gewalttaten in Hessen zwei Menschen mit eritreischen Wurzeln in den Fokus der Öffentlichkeit: Der eine als Täter, der andere als Opfer. Wie geht es der eritreischen Gemeinde damit?

Frankfurt - Bei zwei Attacken in jüngster Zeit waren Eritreer beteiligt. Am Frankfurter Hauptbahnhof als mutmaßlicher Täter, in Wächtersbach als Opfer. Wie werden die Fälle in der eritreischen Gemeinde gesehen? Da muss Mussie Semere kurz nachdenken. Welche Rolle spielt es für die eritreische Gemeinde in Frankfurt, Hessen oder Deutschland, wenn in Wächtersbach ein Eritreer aus rassistischen Motiven angeschossen wird? Oder wenn wenig später ein Eritreer am Frankfurter Hauptbahnhof eine Mutter und ihr acht-jähriges Kind vor einen einfahrenden ICE stößt?

Eritrean People's Democratic Party: EPDP im Exil vernetzt

Semere sitzt in einem großen Saal über dem Café Koz auf dem Campus Bockenheim. Hier trifft sich beim Eritrea Festival am vergangenen Samstag die EPDP, die Eritrean People's Democratic Party. Sie ist eine der größten eritreischen Oppositionsparteien. Aus dem Exil vernetzt sie sich mit anderen Parteien und klärt über Menschenrechtsverletzungen in ihrer Heimat auf. Dabei arbeiten sie eng mit den eritreischen Gemeinden in Deutschland zusammen. 

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Seit 1986 trifft sich die Partei regelmäßig in Frankfurt. Auch am vergangenen Samstag sucht sie nach Lösungen, wie sich die Diktatur Isayas Afewerkis in Eritrea beenden ließe. Statt Musik gibt es beim Festival also Vorträge und Podiumsdiskussionen.

Nach der Attacke am Hauptbahnhof Frankfurt

Als die EPDP Mitte vergangener Woche für einen Parteitag in Wiesbaden zusammenkam, nahm die Partei auch Stellung zur Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof. "Es ist nicht zu ermessen, welcher Schmerz mit dem Tod des achtjährigen Kindes über die Familie gebracht wurde. Den Angehörigen gilt unser tief empfundenes Beileid", heißt es darin. Auch war die katholische eritreische Gemeinde aus Frankfurt mit beim Gedenkgottesdienst für den toten Jungen. Aber welche Rolle spielt es für Eritreer, wenn Täter oder Opfer ihre Nationalität teilen?

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Auch Semere sagt, dass die Attacke am Hauptbahnhof die Eritreer in Frankfurt schockiert habe. Wie der 39 Jahre alt Mann im eleganten, dunkelblauen Anzug das sagt, klingt es aber so, als sei die Nationalität des Täters für ihn nebensächlich. Da hat eine Mutter ihr Kind verloren. Das macht ihn betroffen.

Ähnlich relevant ist für ihn die Nationalität des Opfers in Wächtersbach. "Die normale Reaktion für Eritreer nach dem Fall ist Angst", sagt er. Da unterscheide sich für ihn aber der Angriff auf einen Eritreer nicht von dem Mord an dem Walter Lübcke. Der Kasseler Regierungspräsidenten wurde Anfang Juni mutmaßlich von einem Rechtsextremen erschossen. "Beide Fälle zeigen, dass rassistische Strömungen stärker werden." Das mache seine Arbeit schwerer, wenn er Eritreern bei der Integration in Deutschland hilft, sie anspornt, im fremden Land Arbeit zu finden und die Sprache zu lernen.

Debatte um die Nennung der Nationalität

Bei dem Festival war auch Katharina Schreiner eingeladen, stellvertretende Kreisvorsitzende der Frankfurter FDP. Auf der Bühne greift sie die Attacke am Hauptbahnhof auf. Sie zeigt sich verständnislos darüber, dass alle Medien die Nationalität des mutmaßlichen Täters nannten. "Ich bin auch Russin, liebe Schokolade und mag Katzen. Warum soll meine Herkunft die Eigenschaft sein, die am meisten über mich aussagt?"

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