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Diese beiden Jungen zeigen, wie Inklusion funktioniert. Sie lachen zusammen – und eine Bratwurst mit ganz viel Ketchup, die lieben sie beide. Da ist ihnen völlig egal, ob jemand ein Handicap hat oder nicht.

Inklusion

Eltern schlagen Alarm: Kinder mit und ohne Behinderung sollen in Kitas gemeinsam betreut werden

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Kinder mit und ohne Handicap sollen gemeinsam lernen- nicht nur in der Schule, sondern bereits in der Krippe und im Kindergarten. Kita Frankfurt will die Kinder mit Förderbedarf jetzt aber auf alle Einrichtungen verteilen. Eltern schlagen Alarm.

Frankfurt - Wenn Paula Michaelis (Name von der Redaktion geändert) über Inklusion redet, dann weiß sie, wovon sie spricht. Während einer Routineuntersuchung wurde bei ihrer Tochter eine schwere Gehirnfehlbildung  festgestellt. Damals war Hannah gerade einmal vier Monate alt. Heute, sechs Jahre später, kann das Mädchen nicht laufen, nicht sitzen, nicht sprechen. Sie wird über eine Magensonde ernährt, leidet an Krampfanfällen – mehrmals am Tag. Und dennoch kann Hannah eine Kindertagesstätte besuchen. Dort verbringt sie gemeinsam mit Kindern mit und ohne Handicap den Tag.

Kita Frankfurt: Ein eingeschränktes Kind pro Gruppe

Möglich ist dies im Kinderzentrum Gustav-Freytag-Straße im Dichterviertel. In dieser Einrichtung werden die Kinder inklusiv betreut. Sie gehört zum städtischen Eigenbetrieb Kita Frankfurt, der insgesamt 144 Krippen, Kindergärten und Horte betreibt – aber nur drei davon sind auf Kinder mit körperlichen, geistigen und seelischen Besonderheiten eingestellt.

Doch das soll sich jetzt ändern. Vor wenigen Tagen ist eine schriftliche Anordnung bei den städtischen Einrichtungen eingetrudelt, welche die Leiterinnen und Leiter darüber informiert, dass sie künftig alle Einrichtungen inklusiv betreuen  sollen. Das heißt: Behinderte Kinder sollen wohnortnah einen Betreuungsplatz finden in einer ganz normalen Einrichtung. Dieses Schreiben liegt dieser Zeitung vor. Darin heißt es, in Zukunft gelte „die Maßnahme der sogenannten ,Einzelintegration‘“, sprich: ein Kind mit Handicap pro Gruppe. Als Begründung für diesen Schritt wird die UN-Behindertenkonvention sowie die hessische Rahmenvereinbarung Integrationsplatz aufgeführt. Die Anordnung gilt bereits ab 1. Februar.

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Viele Eltern schlagen jetzt Alarm. Gestern Abend haben sie sich in einem Saal der evangelischen Dornbuschgemeinde versammelt und diskutiert, wie es nun weitergehen soll und welche Konsequenzen man aus der Anordnung zieht. Frankfurts Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) war ebenfalls vor Ort.

Paula Michaelis ist fassungslos. „Man gibt hier ein gut funktionierendes System auf“, sagt sie. „Das bedeutet das Ende der Inklusion.“ Ihre Tochter Hannah etwa könnte gar nicht in einem normalen Kindergarten betreut werden. „Das traut sich dort doch niemand zu“, sagt Michaelis. Zudem seien die „Regel-Einrichtungen“ weder personell noch materiell in ausreichendem Maß  für die Betreuung von behinderten Kindern aufgestellt.

Das Kinderzentrum in der Gustav-Freytag-Straße besuchen 75 Mädchen und Jungen; jedes dritte Kind ist behindert. Das heißt: Von 15 Kindern in einer Gruppe haben fünf ein Handicap. Für die Erzieherinnen und Erzieher ist das jedoch kein Problem. Sie haben viele Jahre Erfahrung mit den besonderen Mädchen und Jungen. Weil jedem behinderten Kind 15 zusätzliche Betreuungsstunden pro Woche zustehen, gibt es hier auch mehr Personal: Statt zwei Betreuern in einer Gruppe sind es drei bis vier. Darüber hinaus gibt es spezielle Buggys, Lagerungshilfen und spezielle Stühle für Kinder mit Behinderung. Auch ist ein Raum für Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie reserviert.

Das Konzept und die Ausstattung hatten Paula Michaelis damals, als sie einen Kindergartenplatz für ihre Tochter suchte, überzeugt. Sie fühlte ihr Kind gut aufgehoben  – im Gegensatz zu Regel-Einrichtungen, die sie sich auch angeschaut hatte. „Die Magensonde, die Krampfanfälle, das war für die Erzieherinnen hier alles überhaupt kein Problem.“ Inklusion sei Normalität, die Kinder seien keine Sonderlinge, die Eltern könnten sich mit anderen Vätern und Müttern von ebenfalls behinderten Kindern  austauschen. Bewusst habe sie sich für die integrative Einrichtung entschieden, auch wenn sie dafür vom Riedberg an den Dornbusch fahren muss. „Hier haben sie mir das Gefühl gegeben, dass sie das schaffen. Und nur so kann ich guten Gewissens arbeiten gehen, ohne mich wie eine Rabenmutter zu fühlen.“

Inklusion in Frankfurter Kitas: Schlechte Erfahrungen

Andere Eltern, die ihre Kinder mit Handicap zuvor in einer normalen Einrichtung in Wohnortnähe betreuen ließen, mussten schnell feststellen, dass die Inklusion dort an ihre Grenzen stößt. Das erzählt die Mutter einer Tochter mit Down-Syndrom. „Einige Erzieherinnen dort waren meiner Tochter gegenüber ängstlich, kritisch, ja, sogar ablehnend“, sagt sie. „Das ging sogar so weit, dass sie nur mit auf Ausflüge durfte, wenn wir Eltern dabei waren.“ Deshalb besucht ihre Tochter jetzt ebenfalls das Kinderzentrum im Dichterviertel. „Hier ist sie aufgeblüht, ist fröhlicher und selbstbewusster, einfach weil sie wertgeschätzt wird.“ Ihrer Ansicht nach könne man Inklusion nicht verordnen. „Die Haltung muss stimmen. Und eben auch die Ausstattung. Erst wenn das stimmt, kann Inklusion funktionieren.“

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Das sieht der Elternbeirat Benjamin Woite, Vater eines nicht behinderten Kindes, ganz ähnlich. Seiner Ansicht nach müssten die Eltern selbst entscheiden können, was die beste Einrichtung für ihr Kind ist – egal, ob wohnortnah oder eben nicht. „Der Elternwille wird hier geopfert“, sagt Woite. Er fragt sich: „Sind Kinder mit hohem Förderbedarf bei Kita Frankfurt vielleicht sogar unerwünscht?“

Dem widerspricht  das städtische Bildungsdezernat. Kita Frankfurt wolle die Integration und die Inklusion in jeder Einrichtung des städtischen Eigenbetriebes zu einem festen Bestandteil des pädagogischen Konzeptes und des praktischen Tuns machen, heißt es dort. Die Qualität der Betreuung soll sich dahingehend in allen Einrichtungen stetig steigern. Um diesem Ziel zu entsprechen, würden viele ältere Einrichtungen sukzessive barrierefrei umgebaut und erweitert, Antragsverfahren vereinfacht, Mitarbeiter fortgebildet. Die Teams sollen „Zug um Zug“ fachlich breiter aufgestellt werden, sprich: Erzieher und Heilpädagogen arbeiten zusammen.

Die Frankfurter Bildungsdezernentin Sylvia Weber versicherte gestern auf dem Elternabend: „Für die bestehenden inklusiven Einrichtungen und die dort bereits betreuten Kinder wird sich nichts ändern.“

Kommentar von Julia Lorenz:

Inklusion ist ein Menschenrecht, keine Frage. Inklusion ist auch richtig und wichtig  – egal ob in Schule, Hort, Krippe oder Kindergarten. Doch sie muss richtig gemacht werden. Gut funktionierende Systeme wie die speziellen inklusiven Kinderzentren zu zerschlagen, ist der falsche Weg.

Wer möchte, dass Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam betreut werden, der muss auch die dafür nötigen Voraussetzungen schaffen – bevor dieser Plan umgesetzt wird. Schon die Inklusion in den Schulen hat gezeigt, dass es der erforderlichen Ressourcen bedarf, ansonsten funktioniert es nicht. Deshalb muss der städtische Eigenbetrieb Kita Frankfurt erst die Kindertagesstätten mit ausreichend Personal und Hilfsmitteln ausstatten und dann Inklusion in allen Einrichtungen umsetzen – und nicht umgekehrt. Ansonsten wird die Inklusion zu Frust führen – bei Erziehern, Eltern und vor allem Kindern. Das darf nicht sein.

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