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Skandal bei Sankt Marien in Bockenheim

Sexueller Missbrauch? Deshalb musste Frankfurter Pfarrer wirklich gehen

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Pfarrer S. war in seiner Bockenheimer Gemeinde sehr beliebt, doch eines Tages verschwand er plötzlich. Wegen psychischer Probleme, hieß es damals. 

Frankfurt - Im der aktuellen Ausgabe des Pfarrjournals Sankt Marien nimmt Andrea Krawinkel kein Blatt vor den Mund. 

„Als ich vor ungefähr zehn Jahren wieder nach Bockenheim gezogen bin, landete ich in einem recht schweigsamen Stadtteil“, schreibt die Vorsitzende des katholischen Pfarrgemeinderats. 

„Es war was los, die Gemeinde-Insider guckten bedröppelt und bedrückt, die meisten Kirchgänger wussten nicht warum. Ich auch nicht. Im Laufe der Zeit waberte dann die dampfige Luft durch Bockenheim, die aus der Gerüchteküche quoll.“

Missbrauchsvorwürfe: Depressionen und Burn-Out als angeblicher Grund

Die Gerüchte drehten sich um das plötzliche Verschwinden des beliebten Pfarrers S.. Er verließ seine beiden Bockenheimer Gemeinden, St. Elisabeth und Frauenfrieden, im Frühjahr 2007. 

Kaum jemand wusste, warum. S. befinde sich in ärztlicher Behandlung im Krankenhaus, hieß es daraufhin zur Erklärung. Hintergrund sei eine „bereits seit längerem bestehende Depression und ein Zustand des Ausgebranntseins “. 

Doch die tatsächlichen Hintergründe des Falls blieben im Dunkeln. Diejenigen, die etwas mehr wussten, sagten nichts. Geredet wurde dennoch viel.

Frankfurter Pfarrer: Bistum Limburg reagiert mit Ruhestand

Erst diese Woche erfuhren die Gemeindemitglieder, was die Ursache für die psychischen Probleme und den Weggang ihres früheren Pfarrers gewesen war: In den 1990er Jahren soll S. in einer anderen Frankfurter Gemeinde einen 14-Jährigen sexuell missbraucht haben. 

Sein damaliges Opfer meldete sich 2007. Das Bistum Limburg versetzte den Pfarrer deshalb in den Ruhestand.

Klärung der Gerüchte nach 12 Jahren

Bei einer gemeindeöffentlichen Sitzung des Pfarrgemeinderats informierte der Personaldezernent des Bistums, Domkapitular Georg Franz, die Mitglieder der Großpfarrei über die Missbrauchsvorwürfe.

 Die Initiative dazu ging nicht nur von ehrenamtlichen Pfarrgemeinderäten wie Andrea Krawinkel aus, sondern auch von den beiden heutigen Pfarrern, Joachim Braun und Holger Daniel. 

Er habe den Spekulationen ein Ende bereiten wollen, sagt Daniel. „Es ist gut, dass nun alle denselben Informationsstand haben. Außerdem wollten wir die Menschen zum Reden bringen. Das ist gelungen.“ 

Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe wichtig

Es sei ein sehr emotionaler Abend gewesen, so der Geistliche. Manche hätten sich dagegen gewehrt, dass alte Wunde wieder aufgerissen werden, und den früheren Pfarrer verteidigt. 

Doch insgesamt habe sich gezeigt, wie wichtig die Aufarbeitung ist. Dass dies erst mit zwölf Jahren Verspätung geschehen ist, schreibt Daniel der früheren Bistumsleitung zu. „Deren Krisenmanagement war ein Armutszeugnis. Die haben die Gemeinde im Stich gelassen.“

Strafrechtlich sind die Vorwürfe verjährt

Strafrechtlich wurden die Vorwürfe gegen S. nie aufgeklärt. Es gab zwar ein Ermittlungsverfahren. Laut Staatsanwaltschaft Frankfurt wurde es im März 2010 eingeleitet. 

Doch weil der Vorfall zu lange zurücklag, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren im November 2010 wegen Verjährung ein. 

Weitere Missbrauchsvorwürfe gegen Pfarrer S. wurden nicht bekannt. Auch während der Veranstaltung, zu der rund 100 Gemeindemitglieder kamen, hätte niemand von möglichen weiteren Opfern berichtet, sagt Daniel.

Frankfurt: Weiterer Pfarrer wegen Missbrauch beschuldigt

Domkapitular Franz informierte dort allerdings über drei andere Missbrauchsfälle, die einen Bezug zu Frankfurter Gemeinden haben. Sie liegen allerdings noch weiter zurück. 

In einem dieser drei Fälle gilt ebenfalls ein Pfarrer als Täter. Er soll während seiner Kaplanszeit, bevor er Pfarrer in Frankfurt-Hausen wurde, sexuell übergriffig geworden sein. 

Bekannt geworden sei dies aber erst, nachdem er innerhalb des Bistums versetzt worden war, sagt Daniel.

Limburg: Über 90 Vorwürfe wegen Missbrauch

In der katholischen Kirche kommen über die Jahre immer Mehr Fälle sexuellen Missbrauchs zu Tage. Vor allem in Limburg gab es in letzter Zeit immer wieder Meldungen über Missbrauchsvorwürfe, bei einem Vorwurf kam es auch zur Strafanzeige.

Insgesamt sind im Bistum Limburg einer Studie zufolge Missbrauchsvorwürfe gegen 92 Priester, Diakone, Laien-Kirchenmitarbeiter sowie Ehrenamtliche bekannt. 

23 von ihnen gelten als Täter, entweder weil sie Übergriffe eingeräumt haben oder überführt wurden. Die Vorwürfe reichen den Angaben des Bistums zufolge bis in die 1940er Jahre zurück. 

Ein großer Teil der Anschuldigungen betreffe die 1960er bis 1980er Jahre.


Kommentar von Daniel Gräber:

Die Missbrauchsfälle, die in Frankfurter Kirchengemeinden nun öffentlich wurden, liegen schon Jahrzehnte zurück. Weshalb sollte man sich heute noch damit beschäftigen? Wäre es nicht besser, das Gras weiter darüber wachsen lassen?

Nein, wäre es nicht. Die Aufklärung kommt spät. Sie ist mitunter auch schmerzvoll. Aber sie ist dringend notwendig. Denn sexueller Missbrauch geschieht in Institutionen wie der katholischen Kirche auch deshalb, weil die Täter dort viel zu lange geschützt worden sind. Durch einen Mantel des Schweigens. Wenn intern Vorwürfe bekannt geworden sind, wurde das ganz diskret gelöst. Nach außen durfte nichts dringen, um den Ruf der Kirche nicht zu beschädigen. So handhabte es das Bistum offenbar auch im Fall des Bockenheimer Pfarrers.

Selbstverständlich gilt auch und gerade bei Missbrauchsvorwürfen die Unschuldvermutung. Doch für die Opfer, die meist erst Jahre später über ihre Erlebnisse reden können, ist es fatal, wenn sie zu spüren bekommen, dass alles schnell unter den Teppich gekehrt werden soll.

Der Schritt, den Pfarrei und Bistum nun gewagt haben, ist daher mutig und richtig. Er dient nicht nur der Vergangenheitsbewältigung, sondern auch der Prävention. Künftige Täter können nicht mehr darauf setzen, dass lieber diskret weggesehen wird.

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