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Die Sanofi-Gebäude - hier der Bio-Campus - dominieren den Südrand des Industrieparks Höchst. Morgen wird ein 41,5 Millionen Euro teures Kompetenzzentrum in Betrieb genommen, das Forschung, Produktion und Vertrieb enger verzahnen soll.

Neuausrichtung

Pharmakonzern Sanofi baut in Höchst um – 144 Stellen weg

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Der Pharmakonzern Sanofi strukturiert seine Forschung im Industriepark Höchst um. Die Neuausrichtung soll 144 Jobs in der Diabetes-Forschung kosten, den Standort aber insgesamt stärken.

Frankfurt - Für Jochen Maas, den deutschen Forschungschef von Sanofi, ist es ein Rechenexempel. Anfang dieses Jahres habe Sanofi unter seinen rund 8000 Beschäftigten am Standort Höchst rund 1500 in der Forschung gehabt; im Jahr 2012 seien es noch rund 1200 gewesen. Wenn jetzt 144 gestrichen werden sollen, heißt das für Maas: "Der Standort schrumpft nicht."

Von "Transformation des Standorts" spricht man in der Kommunikationsabteilung des Pharmakonzerns, dem in Deutschland seit 1. Januar der Italo-Schweizer Fabrizio Guidi vorsteht. Die Forschung wird umgebaut, enger mit der Produktion verzahnt: Ein Zeichen ist das neue "Device Technology Center", das Sanofi für 41,5 Millionen Euro im Südteil des Industrieparks Höchst hat bauen lassen. Morgen wird es eröffnet: 350 Sanofi-Mitarbeiter werden dort auf rund 5000 Quadratmetern ein Kompetenzzentrum bilden, in dem die Bereiche "Medical Device Entwicklung", "Manufacturing Science & Technology" sowie Device-Fertigung zusammengeführt werden.

Für Frankfurt ist Sanofi Gewerbesteuerzahler Nummer eins

Ein "Device" ist eine Einnahmehilfe, etwa ein Insulin-Pen oder auch eine Pumpe. Es geht um Biologika, also Arzneistoffe, die mit Mitteln der Biotechnologie und gentechnisch veränderten Organismen hergestellt werden. Sie sind die Wirkstoffe der Biopharmazeutika - mit denen sich noch Geld verdienen lässt auf dem von Generika und Billigproduktion in Drittweltländern bestimmten Arzneimittelmarkt. Biologika allerdings kann man nicht per Tablette oder Pille verabreichen: Die Moleküle überstünden die Passage durch die Magensäure nicht und könnten wegen ihrer Größe auch die Darmwand nicht passieren. Deshalb braucht es "Devices", Mittel etwa zur subkutanen Verabreichung, also der Injektion unter die Haut - wie bei Insulin.

Die zentrale Diabetes-Forschung werde reduziert, so Maas. Aufgegeben werde das Forschungsgebiet, einstmals vom Umsatzschlager-Insulin Lantus beherrscht und immer noch mit rund 3000 Stellen in Höchst verquickt, jedoch nicht. Billige Nachahmerprodukte haben Sanofi nach einem Patentablauf vor fünf Jahren das Geschäft vermiest. Trotzdem werden derzeit noch täglich rund eine Million Insulin-Pens in Höchst produziert. Insgesamt macht Sanofi in Deutschland 4,8 Milliarden Euro Umsatz und erbringt 15 Prozent der Wertschöpfung der deutschen Pharmaindustrie; für Frankfurt ist die Höchster Niederlassung Gewerbesteuerzahler Nummer eins.

Sanofi will in den kommenden fünf Jahren 20 neue Medikamente auf den Markt bringen

Trotzdem will der Konzern in den kommenden fünf Jahren 20 neue Medikamente auf den Markt bringen, alles Biologika. Das heißt: Höchst muss liefern. Es steht in Konkurrenz zu Sanofis beiden anderen "Ausbietungsstandorten" in Frankreich und Irland. Als "Ausbietung" bezeichnet die Pharmaindustrie die Zulassung und das Auf-den-Markt-bringen eines neuen Medikaments. Dabei setzt die Sanofi-Forschung verstärkt auf die Felder Immunologie und Onkologie. Derzeit gebe es 19 Forschungsprojekte in der Immunologie und 26 in der Onkologie - bei nur 5 im Sektor Diabetes, listet Forschungschef Maas auf. Auch die Antikörper, die von den Sanofi-Kollegen in Boston weiterentwickelt würden, kämen aus Höchst: "In der Sanofi-Welt kann das nur Frankfurt", so Maas.

Die enge Zusammenarbeit und der persönliche Kontakt der Mitarbeiter seien wichtig, so Maas: "Es sind mehr wissenschaftliche Probleme beim gemeinsamen Mittagessen gelöst worden als in Konferenzen." Früher habe die Forschung der Produktion einen Wirkstoff "über den Zaun geworfen und gesagt: Nun fangt mal an zu produzieren"; das gehe heute nicht mehr.

Sanofi gut aufgestellt – Spitzen-Forscher von der Konkurrenz abgeworben

Trotz der 144 Forschungsplätze, die nun abgebaut werden sollen, ist Maas stolz auf die "niedrige Fluktuation der Spitzen-Mitarbeiter". Das sei auch nötig, denn die Forschung bestimme heute die Erfolge von 2028 oder 2030: "Wir machen nicht das Portfolio von morgen, sondern von übermorgen." Dazu gehöre, dass Forscher wie Laboranten Flexibilität zeigten und etwa - mit Umschulung - von der Diabetes- in die Onkologie-Forschung wechseln könnten. 

Während der Diabetes-Markt schrumpfe, sind "in der Onkologie Jahresbehandlungskosten von 100.000 Euro kein Thema", so Maas. Man habe weltweit von der Pharma-Konkurrenz Wissenschaftler abgeworben, darunter Spitzen-Forscher mit herausragender Reputation. Maas sieht Sanofi gut aufgestellt: "Wir waren relativ spät dran, aber wir haben signifikant aufgeholt."

Von Holger Vonhof

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