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Keine harmlose Kritzelei: Wenn Schüler rechtsradikale Symbole verwenden, dürfen Lehrer nicht wegsehen.

Antisemitismus

Präventionsprojekt: Judenhass im Keim ersticken

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„Antisemi...was“? Der Name eines Präventionsprojekts zum „Umgang mit Antisemitismus an der Schule“ weist schon auf eine entscheidende Unkenntnis hin. Wo beginnt Judenfeindlichkeit und in welchen Formen äußert sie sich? Viele Schüler und auch Lehrer sind unsicher.

Selten tritt das Phänomen so unzweifelhaft auf wie unlängst an einer Schule im Hessischen. Ein Schüler malte Hakenkreuze ins Klassenbuch, die Lehrer waren alarmiert, sie sprachen mit dem Schüler. Seine Eltern waren zerstritten, die Scheidung im Gange. Der Vater hing rechtsradikalem Gedankengut an, die Mutter war entrüstet, das war ein Grund für ihr Zerwürfnis. Gut, dass die Lehrer reagiert haben, gut, dass sie sich mit dem Jungen befasst haben.

Darum geht es Meron Mendel, dem Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, im gestern vorgestellten hessenweiten Präventionsprojekt zum Umgang mit Antisemitismus an Schulen. Dort, wo Kinder und Jugendliche sich abfällig äußern oder verhalten, solle nicht sofort skandalisiert, sondern pädagogisch gut reagiert werden.

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Wie Lehrer angemessen sensibel und gleichermaßen sensibilisierend eingreifen sollten, will das Projekt in Fortbildungen vermitteln. Zehn bis fünfzehn sind geplant, Lehrer können sich anmelden, gut 100 aus ganz Hessen haben bereits Interesse bekundet. 36 Workshops bietet zudem die Anne-Frank-Bildungsstätte am Dornbusch für Schüler an. Ihr Bewusstsein soll geschärft, ihre Haltung gestärkt werden, als Multiplikatoren sollen sie auf ihre Klassenkameraden einwirken. Auf drei Jahre ist das Projekt angelegt, das Land unterstützt mit etwa 150 000 Euro. Die genaue Summe hatte gestern im Religionspädagogischen Institut der Evangelischen Kirche in der Innenstadt keiner parat. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Wie es danach weitergeht, werde dann entschieden, sagte Kultusminister Alexander Lorz (CDU). Klar sei aber, dass es danach irgendwie weitergeht. Weitergehen muss. „Das Problem wird uns ja noch lange beschäftigen“, so Lorz.

Nur schwer fassbar

Das Problem ist schließlich komplex und kompliziert, in seiner Dimension schwer fassbar, in jedem Fall aber wieder hoch virulent. Fakt ist: Antisemitische Gewalt wie die Attacken auf Kippa tragende Jungen in Berlin oder Anschläge auf Synagogen sind die Spitze eines wachsenden Eisbergs; antijüdische Taten nehmen zu. Unterhalb strafbarer Handlungen bereitet der erstarkende Rechtspopulismus mit seinen unverhohlenen Ressentiments den Nährboden für Ablehnung und Hass in der Gesellschaft. „Das alles dringt in Schulen durch und äußert sich dort auf verschiedene Weise“, sagte Mendel und nannte als Beispiel, dass „du Jude“ auf Pausenhöfen wieder als gängiges Schimpfwort zu hören sei und nicht nur in Einzelfällen darauf hinweise, dass sich da Gedankengut zu manifestieren beginne. „Antisemitismus ist kein Vorurteil, sondern ein Weltbild“, so Mendel.

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Dass dieses Weltbild auch mit vielen Flüchtlingen aus islamischen Ländern nach Deutschland gekommen ist, verschärft das Problem seit 2015. In manchen Staaten gehört Antisemitismus zur Räson, wird Israel das Existenzrecht abgesprochen. Mendel erzählte von einem irakischen Schüler, der im Whats-App-Chat seiner Klasse antiisraelische und antisemitische Kommentare verfasst hat. Darauf angesprochen, habe er sich über die Reaktion gewundert. In seiner Intensivklasse, also dort, wo er mit anderen Flüchtlingskindern Deutsch gelernt hatte, seien solche Äußerungen völlig normal gewesen. 

Spürbare Veränderung

Doron Kiesel von der Jüdischen Akademie wies auch auf den sich verbreitenden Antisemitismus in Migrantenmilieus hin. Wenn Erdogan mit antijüdischen Ressentiments Stimmung schüre, bleibe das bei vielen seiner Landsleute in Deutschland nicht ohne Wirkung. Und dass sich wiederum die AfD betont Israel-freundlich gebe, sei ebenfalls alles andere als beruhigend. Schließlich deute ihr radikal antimuslimischer Kurs auf ein von Feindseligkeit und Ausgrenzung gezeichnetes Denkmuster hin. „Morgen kann es eine andere Minderheit treffen“, so Kiesel. Seiner Ansicht nach verbreiten sich diese Denkmuster rapide, vielleicht nicht messbar, aber spürbar. „Ich kenne viele deutsche Juden, die bereits über eine Zweitwohnung in Tel Aviv nachdenken“, sagte Kiesel.

Kommentar von Mark Obert

Das allein reicht nicht

Es ist ein gutes Projekt – und es verdeutlicht einen Mangel. Gut ist es, Schüler gegen Antisemitismus zu wappnen, Lehrern das pädagogische Rüstzeug an die Hand zu geben. Antisemiten lassen sich wieder sehen und hören. Fußballfans verstehen „Jude“ als maximale Schmähung. Schläger attackieren Kippa tragende Schüler auf der Straße. Demonstranten kritisieren vorgeblich die Politik Israels und geifern lauthals „Judenschweine“. Brandstifter zündeln an Synagogen, Nazis schänden Friedhöfe.

Das Gift träufelt aus vielen Quellen, auch im Elternhaus, aus dem Internet ergießt es sich. Das wirkt in den Köpfen von Schülern. Gut, dass die Bildungsstätte Anne Frank und das hessische Kultusministerium ein Gegengift mischen. Bedauerlich, dass es in kleinen Dosen verabreicht wird. Religionen und ihr Verhältnis zueinander sind das konfliktreiche Feld unserer vielfältigen Gesellschaften. Dieses Feld gehört in den Unterricht, je nach Aspekt in verschiedenen Fächern – so wie es liberale Religionspädagogen fordern. In Hessen wie anderswo ist das nicht der Fall. Im Religionsunterricht bleibt es oft bei Toleranzappellen.

Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Hass gegen Ungläubige äußern sich aber schon im Ungefähren. Und oft sind die Absender im einen Fall die Adressaten im anderen. Ressentiments sind fließend, sie brauchen Trennschärfe. Begegnung ist gut. Wissenserwerb, Vertiefung, Auseinandersetzung, Austausch sind gut. Unsere vielfältigen Klassen sind der geeignete Ort, wo das Verstehen des nächsten eingeübt werden kann. Bringt die Kinder miteinander ins Gespräch. Das wäre nachhaltig.

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