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An der Stroofstraße befindet sich, gut gesichert, die Hauptzufahrt zum Industriepark Griesheim. Wird das Gelände in einen Gewerbepark umgewandelt, könnte die Sicherung durch den Werkschutz wegfallen, und die Zäune wären überflüssig.

Vom Industrie- zum Gewerbepark

Neuer Pächter für Industriepark Griesheim: Chemische Industrie ist Geschichte

Ein Projektentwickler übernimmt in Erbpacht für 99 Jahre einen Großteil des Geländes im Industriepark Griesheim.

Frankfurt.Im Griesheimer Industriepark beginnt eine neue Zeitrechnung: Zum 1. Januar hat Clariant einen Großteil der Fläche verpachtet an den Berliner Immobilienentwickler BEOS, eine Tochter des Schweizer Versicherers Swiss Life. Das Unternehmen übernimmt etwa 545 000 des insgesamt 740 000 Quadratmeter großen Industrieparks in Erbpacht für 99 Jahre. Nicht enthalten sind die derzeit ungenutzten Flächen der SGL Carbon sowie der Firma Rath, die dort eine Werkstatt für Schienenfahrzeuge betreibt. Erbpachtgeber ist die Clariant, der das Gelände aus der Erbmasse der früheren Hoechst AG gehört. Über den Erbpachtzins wurde Stillschweigen vereinbart.

Die BEOS möchte den Standort zu einem modernen, gemischt genutzten Gewerbequartier weiterentwickeln. Das heißt: Chemische Industrie in Griesheim ist Geschichte.

"Es ist eine gewerbliche Nutzung ohne chemischen Schwerpunkt geplant", sagt Holger Matheis im Namen der BEOS. "Der Anteil der noch am Standort verbliebenen chemischen Nutzer ist gering, und entsprechend gering sind auch die Synergieeffekte." Ganz ausschließen will er neue Chemienutzungen nicht, aber schon in der Vergangenheit hatte sich gezeigt, das Chemiefirmen eher die Synergieeffekte eines großen Standorts wie etwa des Industrieparks Höchst nutzen.

"Zukünftig wollen wir eine Nutzungsmischung aus Gewerbe und moderner Industrie beziehungsweise Produktion ansiedeln", sagt Matheis. "Der Industriepark Griesheim bietet angesichts der großen Nachfrage nach Gewerbeflächen in der gesamten Rhein-Main-Region großes Potenzial", sagt Holger Matheis, im Vorstand der BEOS AG zuständig für die Region Rhein-Main. "Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Planungen und wollen bei der Entwicklung des Areals eng mit der Stadt Frankfurt zusammenarbeiten sowie auch die Anliegen der Anwohner in der Umgebung und der Bestandsmieter berücksichtigen."

Clariant als Eigentümer des mit Chemierückständen aus 150 Jahren Produktion belasteten Industrieparks Griesheim hatte nur wenig Erfolg damit, die wegbröckelnde Industrie durch neue Ansiedlungen zu ersetzen: 2013 scheiterten Verhandlungen mit der Lufthansa, dort eine Werkstatt einzurichten; 2014 blieben Verhandlungen mit Veolia und 2018 mit einer Batterie-Fabrik fruchtlos. Derzeit werden auf dem Gelände unter anderem - wie im Industriepark Höchst - Flächen von Autoherstellern zum Zwischenlagern ihrer Fahrzeuge genutzt. Die Infrasite Griesheim soll als Tochter von Infraserv Höchst, der Betreibergesellschaft des Industrieparks Höchst, für die Verwaltung des Griesheimer Standorts zuständig bleiben. Der Vertrag zwischen Clariant und der BEOS bedarf noch der kartellrechtlichen Zustimmung.

"Das laufende Altlasten-Management und -Monitoring verbleibt beim Erbpachtgeber Clariant", sagt Matheis. Der insgesamt 72 Hektar große Industriepark Griesheim ist seit 1856 ein Industriestandort. In diesem Jahr ist mit dem Weggang der WeylChem die letzte chemische Produktion am Standort eingestellt worden; der Standortbetreiber Infrasite ist gerade dabei, die Werkfeuerwehr aufzulösen. Auf dem Areal haben sich immer mehr mittelständische und Kleinunternehmen aus diversen Industrie-, Handwerks- und Dienstleistungssektoren angesiedelt; aktuell sind es 30 Firmen mit rund 450 Mitarbeitern.

Wie Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) ankündigte, wollen der Projektentwickler und er die Pläne schon bald im Ortsbeirat 6 (Frankfurter Westen) vorstellen. Frank geht davon aus, dass der neue Pächter das Gelände öffnen wird, dass Zäune fallen: Schließlich sinken die Sicherheitsanforderungen drastisch, sobald kein Störfallbetrieb mehr im Industriepark ansässig ist.

Bis zum Zaun werde man trotzdem keine Wohngebiete bauen können, stellte Mark Gellert, Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD), klar. Das Areal selbst werde ohnehin nicht angetastet: Es solle ein reiner Gewerbestandort bleiben.

Ursula Schmidt, Sprecherin der Bürgerinitiative Griesheim, bewertet die Nachricht als "Weihnachtsgeschenk", das städteplanerische Auswirkungen wegen des Wegfalls der Seveso-III-Richtlinie auf den Stadtteil habe. Sie geht jedoch "davon aus, dass die jahrelange gute Struktur des Nachbarschaftsgesprächskreises Griesheim fortgesetzt werde." Auch der Grünen-Ortsbeirat Thomas Schlimme zeigt sich zufrieden: "Nun ist es schneller als erhofft dazu gekommen, dass der Industriepark in einen Gewerbepark umgewandelt wird. Damit besteht die Chance, auf dem inzwischen fast verlassenen Gelände wieder neue Unternehmen anzusiedeln." Darüber hinaus fordert Schlimme, dass nun schnellstens der Vertrag der Infraserv mit der Stadt über den 500 Meter betragenden Seveso-Sicherheitsabstand so geändert wird, dass rund um den künftigen Gewerbepark Schulen, andere öffentliche Einrichtungen und Wohnhäuser neu gebaut werden können. Schlimme kündigt an, einen Antrag einzubringen, das ursprünglich für ein Gymnasium in Nied vorgesehene Gelände an der Mainzer Landstraße neu zu beplanen. 

hv/cm

Angst, Ärger und kämpferische Slogans auf Protestplakaten: Etwa 100 Beschäftigte des Konzerns haben im August vor einer Betriebsversammlung in der Jahrhunderthalle ein Zeichen gesetzt gegen den weiteren Wegfall von Arbeitsplätzen im Bereich der Insulinforschung am Standort im Industriepark Höchst.

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