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"Fridays for Future" - Frankfurt/Main

Tausende Schüler demonstrieren

Fridays For Future: Das sagen die hessischen Bildungsinstitutionen

Jeden Freitag demonstrieren Tausende Schüler für eine bessere Klimapolitik - das stößt nicht überall auf Begeisterung

Viele hessische Schüler beteiligen sich heute an dem weltweiten Aktionstag gegen den Klimawandel. Das Kultusministerium betont, dass das Schülerengagement nicht das Fernbleiben vom Unterricht rechtfertige.

Die Schülerbewegung, die seit Monaten immer freitags gegen den Klimawandel auf die Straße geht, protestiert heute erstmals in einer weltweiten Aktion in über 100 Ländern für mehr Klimaschutz.

Auch in Hessen wollen viele Schüler sich diesem internationalen Protesttag anschließen. So sind in allen größeren Städten Hessens, wie in Kassel, Fulda, Marburg, Gießen, Frankfurt und Darmstadt Kundgebungen geplant.

Frankfurt: Bis zu 5000 Schülerinnen und Schüler erwartet

„In Frankfurt erwarten wir die größte Teilnehmerzahl. Wir rechnen mit rund 5000 Schülerinnen und Schülern“, sagt Johannes Strehler, Sprecher der Landesschülervertretung (LSV). Die LSV, so Strehler weiter, habe Hessens Schüler zur Teilnahme an der Demonstration aufgefordert. „Das war das erste Mal, dass wir zu einer solchen Aktion aufgerufen haben“, sagt der Strehler. Er hält es für wichtig, dass jeder Schüler selbst entscheidet, ob er an solchen Demonstrationen teilnehmen will. Aus Sicht der Schülervertretung ist der Klimaschutz ein sehr wichtiges Anliegen. „Es geht schließlich um unsere Zukunft“, so Strehler. Die LSV sähe es als positives Zeichen, wenn der heutige Schultag sich am Thema Klimaschutz orientieren würde.

Obwohl die Schülervertretung sich in puncto Werbung für die Freitagsdemos der Schüler Zurückhaltung auferlegt, bietet sie jenen Schülern, die von ihrer Schulleitung wegen der Teilnahme an den Klima-Protesten sanktioniert werden, Hilfe an.

Das sagen die Bildungsinstitutionen

Bei den Lehrern fällt die Aktion der Schüler in aller Regel auf fruchtbaren Boden. „Das ist eine sehr gute Sache und auf jeden Fall unterstützenswert“, sagt Birgit Koch, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen. Sie wünscht sich, dass möglichst wenige Schüler nach der Teilnahme an der heutigen Klima-Demonstration und anderen Aktionen bestraft werden.

Die GEW-Vorsitzende weist darauf hin, dass es eine Schulpflicht für Schüler gebe, die noch keine 18 Jahre sind. Wer sich daran nicht halte, könnte sogar mit einem Zwangsgeld belegt werden. Für Koch ist aber auch die „Erziehung zur Demokratie“ ein wichtiger Erziehungsauftrag. Deshalb würde sie es begrüßen, wenn die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz mehr in den Unterricht einfließen würden.

Größere Hochachtung, wenn sie in ihrer Freizeit demonstrierten

Auch beim Deutschen Lehrerverband Hessen steht man dem Engagement der Schüler positiv gegenüber. „Einerseits habe ich große Hochachtung vor den Schülern, die sich so viele Gedanken machen um unsere gemeinsame Zukunft, um ihre Zukunft, die diese Gedanken auch öffentlich kundtun und eine solch weite Protestaktion ins Leben gerufen haben“, sagt Verbandssprecherin Edith Krippner-Grimme. Andererseits wäre ihre „Hochachtung noch größer“, wenn Schüler in ihrer Freizeit demonstrierten und damit zeigen würden, dass sie bereit sind, auch „Opfer“ zu bringen, statt durch regelmäßiges Fehlen an Schultagen ihre Schulpflicht regelmäßig zu verletzen.

Krippner-Grimme hat auch nichts dagegen, wenn Lehrer dieses Engagement der Schüler ideell unterstützen. Allerdings sollten die Lehrkräfte dabei auch ihre rechtlichen Verpflichtungen beachten. „Sollten die Schüler dauerhaft immer freitags im Unterricht fehlen, so verpassen sie regelmäßig dieselben Fächer und deren Inhalte, was sich negativ auf ihre Leistungen auswirken wird“, so die Verbandssprecherin. Diese Gefahr sei besonders groß, wenn es Fächer betreffe, die mit ihrer Haupt-Stundenzahl an diesem Tag auf dem Stundenplan stehen.

Nobelpreis für Greta?

Unterdessen steht für Hessens Kultusminister Alexander Lorz fest, dass „das Engagement der Schüler für den Klimaschutz nicht das Fernbleiben vom Unterricht rechtfertigt“. Gerade auch in einem demokratischen Gemeinwesen würden Regeln gelten, so Lorz weiter. Und eine dieser Regeln sei in Deutschland die Schulpflicht. In einem Brief an die Schulleiter des Landes wies das Ministerium darauf hin, dass „Teilnahmebescheinigungen“ für die heutigen Demonstrationen nicht als Entschuldigung für die teilnehmenden Schüler gelten. Die wollte nämlich die Landesschülervertretung den Teilnehmern der heutigen Protestaktion ausstellen.

Derweil hat der Einsatz für das Klima hat der jungen schwedischen Aktivistin Greta Thunberg eine Nominierung für den Friedensnobelpreis eingebracht. Drei Abgeordnete der norwegischen Sozialistischen Linkspartei sprachen sich dafür aus.

„Wir haben Greta nominiert, weil die Klimabedrohung vielleicht einer der wichtigsten Beiträge zu Krieg und Konflikten ist“, wurde einer der Abgeordneten zitiert. Auch von zwei Politikern aus Schweden wurde sie nominiert. Greta schrieb daraufhin, sie fühle sich geehrt.

von Dieter Hintermeier

Pro und Contra Fridays for Future

Pro (von Klaus Spähne)

Nach dem Hambacher Forst könnte demnächst vielleicht der Homburger Forst für überregionale Schlagzeilen sorgen. Wie bei seinem Pendant in NRW soll im reichen Bad Homburg eine Großfläche Wald für ein Projekt abgeholzt werden, an dessen Sinn gezweifelt werden darf. Statt um Kohleabbau geht es hier um die geplante Erweiterung eines Golfplatzes. Dafür wollen der CDU-OB und ein Golfclub über vier Hektar Forst opfern. In Zeiten des Klimawandels eine politische Instinktlosigkeit sondergleichen, die, auch wenn das Projekt derzeit auf Eis liegt, nur eines unterstreicht: Nie war der Protest der Schüler für mehr Klimaschutz notwendiger als heute.

Fragt sich jedoch, ob die „Fridays for Future“ unbedingt innerhalb der Unterrichtszeit sein müssen. Ja, müssen sie, denn würde der Protest ohne anzuecken nachmittags oder am Wochenende stattfinden, wäre die Aufmerksamkeit und damit die Möglichkeit, öffentlichen Druck aufzubauen, weitaus geringer. Außerdem ist das Engagement für unseren Planeten eine Lebenserfahrung, die in dieser Form kein Pauken im Klassenzimmer bieten kann. Davon abgesehen, dass viele Jugendliche den versäumten Stoff von sich aus nachholen. Ihnen deshalb wegen ein paar Fehlstunden einen Strick drehen zu wollen, ist kleinliche Paragrafenreiterei.

Es ist mehr als berechtigt, dass die Jugendlichen für den Klimaschutz auf die Straße gehen. Nicht umsonst haben sie diese Woche Unterstützung und Rückendeckung von 12 000 Wissenschaftlern erhalten. Also jenen Profis, denen die Schüler nach Meinung von FDP-Chef Lindner den Kampf gegen die Erderwärmung überlassen sollten. Was für ein Hohn, wenn man sich vor Augen führt, dass Deutschland die Klimaziele für 2020 reißt,

ein Klimaschutzgesetz in der Groko-Warteschleife hängt und die Verkehrswende nicht absehbar ist.

Vor allem die Jugendlichen wird der Klimawandel mit aller Macht treffen. Die Aktionen machen Mut, dass hier eine Generation heranwächst, die Verantwortung übernehmen will. Diese Zukunft Politikern zu überlassen, die für einen Minderheitensport Tausende Quadratmeter Wald abhacken, wäre jedenfalls sträflich.

Contra (von Thomas J. Schmidt)

Es ist ein Hype entstanden um die 16-jährige Greta. Sie ist wegen ihres Protestes jetzt sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Entschuldigung, geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner? Das ist grotesk, und es zeigt, welcher Kampf hier geführt wird: Ein Kampf um Symbole und Bilder, Bilder wie das der angeblich gefährdeten Eisbären oder des tapferen schwedischen Mädchens. Und auf diesen Zug – ein bisschen Irrsinn, ein bisschen Medienrummel – sind tausende Schüler aufgesprungen.

Sie wollen auch so sein wie Greta. Sie engagieren sich gegen den Klimawandel. Sie wollen es den Alten so richtig zeigen und sie auffordern, mehr für den Klimaschutz zu tun. So weit, so gut. Wenn ich jedoch Schüler wäre, würde es mich misstrauisch machen, wenn diese Alten – denen ich ja Untätigkeit vorwerfe – anfangen, mich zu loben. Wenn die Bundeskanzlerin sagt, dass ich etwas ganz Tolles und Wichtiges mache, wenn ich freitags nicht in die Schule gehe, sondern gegen den Klimawandel demonstriere. Ist das nicht Irrsinn?

Schüler kritisieren die verfehlte Klimaschutzpolitik der Klimakanzlerin, und diese lobt sie huldvoll, statt sie aufzufordern, in die Klassenzimmer zurückzukehren. Irrsinn auf allen Seiten.

Wenn Schüler die Schule ausfallen lassen – weil sie gegen den Klimawandel demonstrieren oder weil sie Fußball spielen wollen oder was auch immer – dann sollen sie dafür einen Eintrag ins Klassenbuch bekommen. Und diesen Eintrag sollen sie dann als Konsequenz ihres Engagements hinnehmen, quasi wie eine Narbe, die man mit Stolz trägt. Gegen den Klimawandel könnten sie ansonsten auch nachmittags demonstrieren oder samstags oder sonntags.

So, wie sie sich in ihrer Freizeit für den Umweltschutz engagieren können, bei Greenpeace oder anderen Organisationen. Das ist völlig in Ordnung. Sie können für die Generation ihrer Eltern sogar ein Vorbild sein oder auch ein Stachel im Fleisch. Die Älteren werden beschämt sein . . . – wenn es nach dem Unterricht geschieht und nach den Hausaufgaben.

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