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Mit Fahnen und Protestplakaten stimmten Horst Kleine vom Betriebsrat und andere Sanofi-Mitarbeiter ihre Kollegen vor der Jahrhunderthalle auf die Betriebsversammlung und die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber ein.

Pharmakonzern in der Kritik

Angst vor Arbeitslosigkeit: Sanofi-Mitarbeiter protestieren im Industriepark Höchst

Angst, Ärger und kämpferische Slogans auf Protestplakaten: Etwa 100 Beschäftigte des Konzerns haben gestern vor einer Betriebsversammlung in der Jahrhunderthalle ein Zeichen gesetzt gegen den weiteren Wegfall von Arbeitsplätzen im Bereich der Insulinforschung am Standort im Industriepark Höchst.

Frankfurt - An dieser Botschaft soll die Geschäftsleitung im Wortsinne nicht vorbeikommen: "Sanofi verzockt unseren Standort" zürnt es auf einem Transparent direkt über dem Eingang zur Jahrhunderthalle vor der gestrigen Betriebsversammlung. Links und rechts haben Demonstranten in orangefarbenen Westen den Weg mit Sperrbändern so markiert, dass jeder Besucher wie durch einen Schlauch frontal auf die Halle geführt wird. "Damit sich unsere Chefs nicht einfach dran vorbeiflutschen können", erklärt Horst Kleine vom Betriebsrat.

Pharamkonzern Sanofi: In Aufruhr versetzt

Er und viele seiner Kollegen, unter Federführung der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), halten Protestplakate in die Höhe, verteilen Broschüren und Flugblätter. Was sie in Aufruhr versetzt, ist der neuerliche Stellenabbau im Bereich der Insulinforschung bei ihrem Arbeitgeber: 180 Arbeitsstellen würden der umfangreichen Umstrukturierung des Konzerns zum Opfer fallen, fürchtet der Betriebsrat. Jochen Maas, der deutsche Forschungschef von Sanofi, hatte Ende Juni von 144 Jobs gesprochen.

"In unserer Rechnung sind auch die 28 Stellen in der ebenfalls vom Abbau betroffenen Abteilung Pharmakoviglianz (zuständig für die Sicherheit eines Arzneimittels, Anm. d. Red.) enthalten", erklärt Maas. Außerdem zähle man auch jene Mitarbeiter mit befristeten Verträgen dazu. Denn: "Wenn die auslaufen, sind diese Menschen auch weg." Harte Worte fand Armin Wick, Vorsitzender der Vertrauensleute: "Wir haben die Schnauze gestrichen voll. Von Arbeitsplatzabbau und der daraus resultierenden, immer weiter steigenden Arbeitslast. Seit 2010 werde jetzt das 14. Stellenabbauprogramm verhandelt - "Es reicht!"

Grund der geplanten Reduzierung der Diabetes-Forschung in Höchst ist vor allem das deutlich schlechter gewordene Geschäft mit Insulin, dem einstigen Verkaufsschlager Sanofis: Billige Nachahmerprodukte haben dem Unternehmen nach einem Patent-Ablauf vor fünf Jahren das Geschäft vermiest. Trotzdem werden derzeit noch täglich rund eine Millionen Insulin-Stifte in Höchst produziert. Insgesamt macht der Konzern in Deutschland 4,8 Milliarden Euro Umsatz und erbringt 15 Prozent der Wertschöpfung der deutschen Pharmaindustrie. Für die Stadt Frankfurt ist die Höchster Niederlassung Gewerbesteuerzahler Nummer eins.

Sanofi-Sprecher Stefan Dietrich hält sich auf Anfrage dieser Zeitung mit Details bedeckt. Als Grund dafür nennt er die gerade aufgenommenen und bald fortgeführten Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern: "Organisatorische Veränderungen haben wir stets in enger Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern umgesetzt und werden dies in guter Tradition auch weiterhin tun."

Sanofi: Es wird weiter zum Thema Diabetes geforscht

Dietrich betont, dass in Höchst auch in Zukunft weiter am Thema Diabetes geforscht werde, allerdings würde der Fokus "künftig stärker auf der Onkologie, der Immunologie und den seltenen Erkrankungen liegen". Auf lange Sicht seien nur Standorte zukunftsfähig, die Kontakte und Übergänge von der Forschung zur Entwicklung bis zur Anwendung fördern. "Diese Vernetzung von unterschiedlichen Experten und Infrastrukturen ist auf dem Bio-Campus von Sanofi in Frankfurt gegeben." Er sei einer der größten integrierten Standorte, in dem von der frühen Erkenntnis bis zum fertigen Produkt für die Patienten alles zusammengeführt ist.

Die protestierenden Beschäftigten beruhigen derlei Aussagen keineswegs. "Unsere Arbeitsgruppe wird komplett aufgelöst", berichtet eine Labormitarbeiterin vor der Jahrhunderthalle. Die vom Konzern angekündigten "adäquaten Jobs" existierten nicht, "da es für technisches Personal zu wenig passende Stellen gibt." Jobs gebe es vorrangig für leitende Angestellten oder für außertariflich Angestellte, "nicht aber für uns Labormitarbeiter". Für die Entscheidung der französischen Unternehmensführung, die Insulinforschung zurückzufahren, fehlt vielen der Demonstranten jedes Verständnis: "Das bringt einen enormen Expertiseverlust für den Standort Frankfurt", sagt eine Kollegin. ""Ich vermisse eine Strategie", beklagt ein Vertrauensmann. Wenn überall nur noch gespart werde, seien der so wichtigen Innovation und Forschung Grenzen gesetzt. Noch möge es mit reduziertem Personal weitergehen, aber: "Perspektivisch sehe ich für den Insulinbereich schwarz."

von Michael Forst

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