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Badespaß im Main hatten diese Freunde aus Sindlingen, Kelsterbach und Nied. Das Kelsterbacher Feuerwehr-Boot war immer an ihrer Seite.

"Mainlust pur"

Abkühlung gefällig? Sindlinger Freundeskreis schwimmt nach Kelsterbach 

Der Sindlinger Freundeskreis schimmt nach Kelsterbach. Den neun Männern und Frauen geht es jedoch nicht um Rekorde, sondern um Spaß. 

Sindlingen - Es war nicht die erste Maindurchquerung der Gruppe. Der frühere Wirt der Gaststätte "Mainlust" in Sindlingen, Thomas Jelitto, und Klaus Breckheimer aus Kelsterbach hoben die Idee vor vier Jahren aus der Taufe. Anlass waren Erzählungen älterer Stammgäste, die gerne schilderten, wie sie in ihrer Jugend über den Main schwammen. "Das können wir auch", waren sich Jelitto und Breckheimer einig.

Der direkte Weg ans andere Ufer hat eine Tradition, die wesentlich weiter zurück reicht als die Erinnerungen der heute noch Lebenden. Allerdings hatten es Schwimmer und Reiter früherer Jahrhunderte leichter: Vor dem Bau der Wehre und der Vertiefung des Flusses für die Schifffahrt war der Main ein ruhiges, flaches Gewässer, nicht viel tiefer als einen Meter. In seiner Mitte lagen Flussinseln, Wörthe genannt. Zwischen Sindlingen und Höchst beispielsweise bildeten das Sindlinger Wörth oder Küchenwörth, vor der Mündung des Schwarzbachs das Höllenwörth Stellen, an denen der Fluss durchwatet werden konnte. Wem die Inseln genau gehörten und wo genau die Grenze zwischen den verschiedenen früheren Kleinstaaten verlief, war unklar.

Sindlingen: Freundeskreis schwimmt bis nach Kelsterbach

Darüber sprach vor einigen Monaten Roswitha Schlecker, Stadtarchivarin in Hofheim, beim Sindlinger Heimat- und Geschichtsverein. Sie hatte Belege dafür gefunden, dass das Verhältnis der Nachbarn am Fluss nicht immer so freundschaftlich war wie heute. Im Gegenteil: Illegale Grenzübertritte, Diebstähle im Ausland, Entführungen, Verhaftungen und heftige Briefwechsel dazu sind für die Sindlinger Historie belegt.

Das Dorf gehörte zu Kurmainz, das benachbarte Okriftel zu Isenburg-Büdingen, und Kelsterbach auf der anderen Seite zu Hessen-Darmstadt. Zwischen den Flusskilometern 22 und 17 berührten sich die Gebiete in einem Dreiländereck.

 Roswitha Schlecker schilderte den Fall zweier Fischer aus Sindlingen, die mit ihren Nachen übersetzten und auf Kelsterbacher Seite Äpfel klauten. Der Kelsterbacher Schultheiß setzte ihnen nach und fing sie ab, bevor sie mit ihrer Beute am Sindlinger Ufer landen konnten. Er ließ sie zurück auf die Kelsterbacher Seite ziehen, wo sie zu drei Tagen Zuchthaus und einer Strafzahlung verurteilt wurden.

Sindlingen protestierte. Die Fischer seien widerrechtlich auf Kurmainzer Seite aufgegriffen worden, um ins hessisch-darmstädtische Ausland verschleppt zu werden, warfen sie den Kelsterbachern vor. Höhere Verwaltungsstellen wurden eingeschaltet, böse Briefe gewechselt. Als der Kelsterbacher Schultheiß eines Tages in Schwanheim in einem Gasthaus saß, griff ihn dort der Höchster Zollschreiber auf. 

Er schaffte ihn ins kurmainzische Höchst und klagte ihn des Vergehens gegen die Sindlinger Fischer an, die ja seine Landsleute waren. Der Schultheiß entschuldigte sich, und letztlich legten die Nachbarn im Kleinen ihren Streit bei. Im Großen jedoch ging das Gezänk über den genauen Grenzverlauf als "oberste Territorialangelegenheit" noch länger weiter.

Sindlingen und Kelsterbach: Früher gab es eine Fähre

In späteren Jahren stritten die Gemeinden beidseits des Mains über die Kosten des Fährbetriebs. Viele Jahrzehnte lang bestand eine Personenfähre zwischen Sindlingen und Kelsterbach; der Sindlinger Fähranleger lag unterhalb des Mainbergs in der Allesinastraße. Da Sindlingen ab 1839 an die Eisenbahn angeschlossen war, Kelsterbach aber erst ab 1863, ermöglichte die Fähre den Kelsterbachern einen Zugang zu dem modernen Transportmittel. Ab 1863 wurde die Fähre flussabwärts verlegt, 1888 stellte Preußen den Betrieb ein. Von 1905 bis 1974 pendelte dann eine Gierseilfähre zwischen dem Sindlinger Mainufer und Kelsterbach.

An diese Fähre erinnern sich die Mainschwimmer noch aus eigenem Erleben. Es gab weder die "westliche Werksbrücke" noch die Brücke der B 40 a. Die Fähre stellte den einzigen Übergang weit und breit dar. Schwimmen oder wie früher Waten war damals keine Option: Die Flussinseln waren der Begradigung und Ausbaggerung der "Wasserstraße Main" gewichen. Die blühende chemische Industrie und die fehlende Klärung der Abwässer hatten den Fluss zudem in eine stinkende Brühe verwandelt. 

Der Main galt als einer der am stärksten verunreinigten Flüsse Europas. "Geh da bloß nicht rein", warnten Eltern die Kinder der 60er und 70er Jahre. Ab den 80er Jahren wurde daran gearbeitet, die Fließgewässer als Lebensräume für Fische, Vögel und Pflanzen zurück zu gewinnen. Sogar Schwimmen geht inzwischen wieder, auch wenn die Wasserqualität nicht den hygienischen Anforderungen gemäß der europäischen Badegewässerrichtlinie genügt.

Main verdreckt - den Sindlinger Mainschwimmern ist das egal

Den Sindlinger Mainschwimmern ist das egal. Thomas Jelitto, Klaus Breckheimer, Marco Greiner, Natascha Breckheimer und Jens Schreiber aus Kelsterbach sowie Kornelia Vossberg, Nina Seitz und Roland Münz aus Sindlingen plus Karlheinz Günther aus Nied fackelten nicht lange, stiegen in den kanalisierten Auslass, von Kindern seit Generationen "Echo" genannt, und tasteten sich über eine Stufe im Wasser in den Fluss hinein.

"Herrlich", riefen die ersten. "Das Wasser ist wunderbar", versicherte Thomas Jelitto. "Es hat 25 Grad", stellte Natascha Breckheimer fest. "Wir schwimmen erst rüber und lassen uns dann treiben", nahmen sich Karlheinz Günther und Klaus Breckheimer mit ihren Wasserhängematten vor. 

Freunde und Ehepartner sahen zu, wie die Gruppe gemütlich losschwamm. Fünf gingen unterhalb der Autobahnbrücke an Land, vier ließen sich gleich bis zur "Kelsterbar" weitertreiben. Dort trafen sich alle und auch die Zuschauer, die trockenen Fußes hinkamen und den Schwimmern Handtücher und Kleider mitbrachten. Gemeinsam saßen sie am Kelsterbacher Mainufer und genossen den schönen Tag - unbelastet von den Grenz- und Geldstreitereien der Vorfahren.

Von Heide Noll

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