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Der Frankfurter Professor Christoph Mäckler übt Kritik an der städtebaulichen Entwicklung. Was die Stadt Frankfurt besser machen könnte. 

Interview

Kritik an städtebaulicher Entwicklung: "Es darf nicht separiert werden, sonst schaffen wir Ghettos"

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Der Frankfurter Professor Christoph Mäckler übt Kritik an der städtebaulichen Entwicklung. Was die Stadt Frankfurt besser machen könnte. 

Vor 32 Jahren haben Sie eine fundamentale Kritik an der städtebaulichen Entwicklung Frankfurts geübt. Wie zufrieden sind Sie heute mit der Entwicklung Ihrer Heimatstadt?

Ich glaube, dass die Stadt eine hervorragende Entwicklung hinter sich gebracht hat, denken Sie nur einmal an das Mainufer. Wir haben jetzt einen Planungsdezernenten, der sich sehr stark auf städtisches Wohnen konzentriert, mit der Betonung auf städtisch - was ich hervorragend finde. Wir müssen anfangen, europäische Städte zu bauen.

Was meinen Sie damit?

Der öffentliche Raum wird beim Thema Wohnen deutschlandweit zu wenig beachtet. Wohnen ist ja nicht einfach nur wohnen, sondern Wohnen geschieht auch auf der Straße, am Platz, im Park, in der Stadt. Dafür engagieren wir uns sehr stark mit unserem Institut für Stadtbaukunst, das wir in Frankfurt angesiedelt haben.

Wer in der Stadt wohnt, möchte heute im Nordend, im Westend oder in Bornheim wohnen, aber nicht in neueren Gegenden wie im Europaviertel oder auf dem Riedberg. Wieso?

In diesen Neubauvierteln wird nicht gearbeitet, dort wird in erster Linie nur gewohnt. Es fehlen sämtliche Attribute, die die europäische Stadt ausmachen: die soziale Mischung, die funktionale Mischung, die städtebauliche Gestaltung des öffentlichen Raums, die Trennung in öffentlich und privat sowie die Dichte. Ein Riedberg kann kein urbaner Stadtteil werden, er ist eine reine Wohnstadt. Dort hat zwar ein Einkaufszentrum noch eine Chance, aber kein anderer Betrieb, weil alle Leute tagsüber nicht dort sind, weil sie woanders arbeiten. In Bornheim dagegen gibt es die Bäckerei, den Autoschlosser, den Friseur, den Fotografen und das Architekturbüro in den Höfen. Dadurch sind dort auch tagsüber Menschen, die einkaufen, in die Kneipe gehen, die ins Café Wacker am Uhrtürmchen gehen. Dort ist ständig Leben und Begegnung möglich.

Wohnen in Frankfurt: Soziale Mischung wichtig

Es kommt also auf die Mischung an?

Nicht nur, aber auch die soziale Mischung ist ganz wichtig. Es darf nicht separiert werden. Sonst schaffen Sie ein Ghetto, entweder für Arme oder für Reiche - völliger Schwachsinn! Früher wohnte im Vorderhaus, in der Beletage, jemand, der einen dickeren Geldbeutel hatte. Und im Hinterhaus saß jemand, der sich nur eine kleinere Wohnung leisten konnte. Dadurch hatten man eine soziale Mischung auf nur einem Grundstück. Heute bauen wir 100 Meter lange Häuserreihen mit Karnickelställen einen wie den anderen, in denen wir Leute ansiedeln, die dann unterstützt werden müssen.

Was muss die öffentliche Hand besser machen?

Das, was unser Planungsdezernent jetzt möchte. Mit der Gesetzgebung kann man wunderbar Festlegungen treffen. Für die soziale Vielfalt gibt es ja schon die 30-Prozent-Regel für Großprojekte - das ist der vorgegebene Anteil öffentlich geförderter, also billigerer Wohnungen. Aber die Nutzungsvielfalt fehlt noch. Prinzipiell muss ein Umdenken stattfinden, weg von einer Stadt mit funktional getrennten Bereichen, einer Stadt, die vom Arbeiten in Eschborn und vom Leben auf dem Riedberg geprägt ist. Das funktioniert nicht, was Sie schon am Verkehr sehen, der jeden Morgen zusammenbricht.

Wenn aber neue Stadtviertel städtischer werden, schwächt das nicht die Stadtkerne?

Nein, überhaupt nicht! Natürlich brauchen Großstädte eine attraktive Innenstadt. Aber wir müssen auch eigenständige Stadtquartiere am Stadtrand haben, die funktional gemischt sind. Das haben wir bei den jüngsten neuen Stadtquartieren überall nicht: Wir haben dort Wohngebiete und hier Gewerbegebiete. Wir müssen urbane Quartiere in unsere Städte bauen.

Bisher scheinen vor allem die Investoren das Sagen zu haben - noch immer so, wie Sie es vor 32 Jahren kritisiert haben.

Die Investoren trifft keine Schuld. Sie machen das, was der Gesetzgeber und damit wir alle, die Gesellschaft, in die Bebauungspläne hineinschreiben.

Muss also die Stadt mehr tun?

Ja, die Politiker müssen mutiger werden! Sie sollten sich einmal die derzeit beliebtesten Stadtteile anschauen: wie gemischt dort die Stadtstruktur ist, wie dicht dort die Bebauung ist, wie viele Höfe es dort gibt, wie viel Grün es dort gibt. Die Günthersburgallee ist zum Beispiel eine riesige Grünschneise, eine grüne Lunge, aber als Allee städtebaulich gefasst. Das lieben die Bürger, sonst würden dort nicht die höchsten Mieten bezahlt.

Sollten also besser vorhandene Viertel erweitert werden, als dass neue Stadtteile nur auf der Grünen Wiese wachsen?

Ja und nein. Prinzipiell muss eine Stadt wachsen, dafür muss man auf die Grüne Wiese gehen. Der Hauptbahnhof stand auch auf der Grünen Wiese, als er gebaut wurde, das Bahnhofsviertel entstand danach. Es ist ein grundlegender Fehler anzunehmen, dass vor der Stadt anders gebaut werden müsste als in der Stadt. In Ballungszentren wie Frankfurt ist das Zentrum eins mit dem Umland. Die ganzen Hutzelhäuschen am Riedberg gehören nicht nach Frankfurt. Wir müssen dichter bauen, was heißt, dass mehr Menschen auf gleichem Raum wohnen und arbeiten. Wenn wir das zulassen, schaffen wir eine europäische Stadt - auch auf der Grünen Wiese.

Wohnen und soziale Mischung: Kein Ghetto schaffen

Weltweit wachsen große Städte nach oben. Sind Wohnhochhäuser ein Ausweg?

Erstmal ja. Wir müssen aber stärker kontrollieren, dass wir nicht von Investoren aus Asien oder von sonst irgendwo aufgekauft werden und Wohnraum schaffen, der für die Stadt keinen Sinn ergibt, weil er immer leer steht. Das sehen wir auch in London und anderen europäischen Städten.

Das kritisiert ja Planungsdezernent Josef mit Blick auf den neuen Henningerturm, wo er abends kaum Licht sieht.

Die Hochhäuser müssen denjenigen zugute kommen, die in der Stadt wohnen.

Hochhaussiedlungen haben sich oft zu sozialen Brennpunkten entwickelt, etwa in der Nordweststadt oder in Eckenheim. Dadurch haben Wohnhochhäuser keinen guten Ruf. Wie kann der verbessert werden?

Indem wir das Wohnhochhaus mischen und kein Ghetto schaffen. Um eine soziale Mischung zu schaffen, darf nicht nur eine Einkommensschicht dort wohnen. Man darf nicht die sozial Schwachen nach Griesheim abschieben. In Bornheim, Bockenheim, Sachsenhausen wohnen ja auch sowohl Menschen, die viel Geld haben, als auch welche, die wenig haben. Wir müssen analysieren, wie die europäische Stadt seit Jahrhunderten funktioniert, und das in die heutige Stadt mit unseren gesellschaftlichen Vorstellungen übertragen.

Im gemischten Hochhaus wohnen dann die weniger Betuchten in den unteren Stockwerken, wo es mehr Schatten gibt und etwas dunkler ist?

In den unteren Stockwerken gibt es nicht immer Schatten, das ist ein Vorurteil. Nicht jede Wohnung oder jeder Wohnraum braucht den gleichen Anteil Sonne, um attraktiv zu sein. Und nicht jeder Bewohner hat das Bedürfnis, eine Wohnung mit viel Sonne und einem Balkon zu haben, als ob hintendran die Côte d'Azur wäre.

Wie gefällt Ihnen die Entwicklung der Hochhäuser in Frankfurt in den vergangenen 30 Jahren?

Die Bürohochhäuser stehen - abgesehen von denen im Westend - alle richtig, weil sie an zentralen Stellen der Verkehrserschließung sitzen. Ich kann mir vorstellen, dass man auf den einen oder anderen Turm hätte verzichten können, der dem Dom zu nahe gekommen ist.

Welche positiven Entwicklungen nimmt die Skyline?

Von der Alten Brücke auf Frankfurt geblickt sehen Sie vorn die alten Türme der Stadt und dahinter den Pulk der neuen. Das ist etwas sehr, sehr Positives. Gut, dass nicht kleckerweise irgendwo Türme hingestellt wurden, sondern dass sie über den Hochhausrahmenplan gesteuert wird, wo gebaut werden darf und wo Hochhäuser ausgeschlossen werden. Im Westend lässt sich sogar sehen, wie sich die Entwicklung zurückdreht: Dort werden Büro- in Wohnhochhäuser umgebaut.

Diese Clusterbildung ist also die richtige Linie auch für den Hochhausrahmenplan 2021?

Ja, unbedingt!

Wohnen: Dicht bauen führt zu Lebensqualität

Wie eng darf das noch werden?

Ach, schauen Sie sich New York oder asiatische Städte an, dann sehen Sie, dass da noch einiges geht. Dichte führt auch zu Lebendigkeit. Das ist Urbanität, etwas Wunderbares.

Einen herausragenden Einzelstandort für ein Hochhaus gibt es mit der Europäischen Zentralbank. Nun will die Stadt allerdings ein weiteres Hochhaus gleich daneben erlauben, auf der Molenspitze am Osthafen. Wie passt dieser Bau für Sie dorthin?

Das ist städtebaulich in Ordnung, auch niedrigere Höhe ist schon richtig, um der EZB ihren Charakter als symbolträchtiges, europäisches Hochhaus zu erhalten. Aber die Bebauung muss sich auch mit dem Ort verknüpfen, an dem sie steht. Das tut sie nicht mit zu viel Masse und wenn nicht die richtigen Materialien gewählt werden.

Sollte die Stadt das Vorhaben noch einmal überdenken? Könnte die Nutzfläche vielleicht auf etwas mehr Höhe untergebracht werden, 100 Meter?

Auf alle Fälle! Das wäre verträglich. Lieber die Höhe etwas anheben und dafür die Masse in der Breite wegbekommen. Die Entwürfe verknüpfen sich aber auch nicht mit den beiden direkt angrenzenden Bogenbrücken, der Honsell- und der Osthafenbrücke. Die Bebauung muss zusammen mit den Brücken als Ensemble wirken. Zum Beispiel muss der Naturstein aus dem Sockel und den Bögen der Brücke auch im Hochhaus auftauchen. Nicht komplett, aber wenigstens im Sockel als verbindendes Element.

Also am besten nun ein Schritt zurück im Verfahren?

Das muss die Stadt entscheiden. Ich würde es ändern, eindeutig: Ich würde diese Masse nicht zulassen.

Es ist ein grundlegender Fehler anzunehmen, dass vor der Stadt anders gebaut werden müsste als in der Stadt.

Das Interview führte Dennis Pfeiffer-Goldmann.

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