+
Fest in der Hand der Touristen ist die Neue Altstadt.

Barcelona als abschreckendes Beispiel

Stadt Frankfurt will noch mehr Touristen - doch die Einwohner leiden

Hektik und Trubel in der Innenstadt: Nicht alle Frankfurter lieben das. Anwohner fühlen sich in ihren Stadtvierteln oft fremd, bestaunt von Touristen und Besuchern aus dem Umland, die zum Shoppen gekommen sind. Nicht zu vergessen die Bettler und die Musiker. Fest in fremder Hand sind die Neue Altstadt und der Römerberg. Frankfurter trifft man hier kaum mehr.

Frankfurt - Kaum zu glauben, dass Frankfurt noch vor drei Jahrzehnten als "Krankfurt" verrufen war. Das Museumsufer und neuerdings die Neue Altstadt haben die Stadt und ihren Ruf mächtig aufpoliert. In allen Sprachen werden zwischen Römer und Dom Touristen über Fassaden und Geschichten informiert, erfahren, was es mit Friedrich Stoltze auf sich hat und dieser Rekonstruktion. Frankfurter sind hier kaum anzutreffen. Allenfalls fühlen sie sich selbst wie Besucher, wenn sie über das neue Pflaster gehen. Rechts ein Bettler, links ein Musiker und vorne vier knipsende Asiaten: Alltag in der Altstadt.

"Im Frühjahr müssen wir die anfragenden Reiseveranstalter manchmal vertrösten, weil wir kaum noch genug Gästeführer haben", sagt Sabine Gnau, Sprecherin der städtischen Tourismus + Congress GmbH (TCF). Seit der Fußball-WM 2006 stiegen die Besucherzahlen stetig, auch weil Städtereisen im Trend sind und viele Asiaten ihre Europa-Rundreise in Frankfurt beginnen oder beenden. Dann kommen sie noch auf einen Sprung in die Stadt neben dem Flughafen.

Kritik an dieser Entwicklung bringt TCF-Geschaftsführer Thomas Feda auf die Palme: "In Frankfurt von Über-Tourismus zu sprechen ist absurd. Wir brauchen mehr." Die Einzelhändler seien auf die Einnahmen angewiesen, besonders die in der Neuen Altstadt. Die Hotels brauchten Gäste.

Rund vier Milliarden Euro bringt der Tourismus jährlich nach Frankfurt

Rund vier Milliarden Euro bringt der Tourismus jährlich nach Frankfurt, davon drei Millionen die Tagestouristen. 60 Millionen werden jährlich gezählt, bei zehn Millionen Übernachtungen und sechs Millionen Übernachtungsgästen. "Andere Städte wie Prag, Amsterdam und Venedig haben Grund, sich wegen zu vieler Touristen Sorgen zu machen. Frankfurt nicht." Und was, wenn eine Überlastung eintritt? Dann würde die Stadt weniger Werbung machen, sagt Feda. "Wir steuern die Touristen ja. Wir führen sie durch die Stadt. Also nicht nur durch die Neue Altstadt und den Römerberg, sondern auch das Museumsufer und vieles andere. Es ist ja nicht so wie in Barcelona, wo einem mancherorts die Touristen wie ein Bienenschwarm entgegenkommen."

Nun mag Barcelona ein entferntes Beispiel sein, in jeder Hinsicht. Näher liegt da schon das fränkische Bamberg, wo die zum Weltkulturerbe gehörende Altstadt so klein ist, dass sich die vielen Touristen gar nicht verteilen können. Dass Dauergedränge auch zwischen Römer und Dom drohen könnte, die Gefahr sieht Feda nicht. Schließlich habe die Stadt auch andernorts viel zu bieten, worauf die TCF auch hinweise. Und nicht nur die Stadt: "Wir müssen auch im Tourismus mit der Region zusammenarbeiten und den Gästen sagen, dass sie auch nach Wiesbaden können, in den Rheingau oder den Odenwald." Derzeit jedoch müsse Frankfurt - bei einer Auslastung von 70 Prozent bei den Hotelbetten - um Touristen werben.

Frankfurt: Die Einwohner leiden

Wie auch immer: Die Einwohner leiden - nicht nur, aber auch - an den Reisenden. Dr. Oliver Strank, Ortsvorsteher der Innenstadt, sieht es von beiden Seiten: "Mit der Neuen Altstadt ist das Interesse an einem Frankfurt-Besuch gestiegen. Ich sage als Frankfurter: Es ist gut so. Die Innenstadt muss ein Magnet bleiben für die Touristen." Gleichzeitig müssten auch die Frankfurter zu ihrem Recht kommen - "und das ist Aufgabe von uns Kommunalpolitikern", sagt Strank. Was er beobachtet hat: "Viele Einheimische trauen sich gar nicht in die Innenstadt, weil dort alles kommerziell ist. Es gibt fast keine Möglichkeit, sich irgendwo hinzusetzen, ohne gleich etwas verzehren zu müssen."

Ein weiteres Problem: Es gibt in der Innenstadt kaum noch günstige Lebensmittelmärkte, schon gar nicht in der Altstadt. "Die Nahversorgung ist schlecht." Alles sei Schickimicki und hochpreisig. Also: "Die Frankfurter selbst dürfen nicht vergessen werden!"

Die Zeil ist die größte Verkaufsmeile Deutschlands. Sie zieht Kunden aus dem Umland an. Nur mit Frankfurter Kundschaft könnten die Läden nicht überleben.

Frust wegen Dauerparty in der Innenstadt

Wer sich über Reisende mit locker sitzendem Geld freut, sind zweifelsfrei Bettler und Straßenmusiker. "Das muss man sicher kontrollieren, damit es nicht überhand nimmt", sagt Strank. "Aber es ist halt auch die Innenstadt. Wer dort wohnt, muss damit auch klarkommen. Es ist kein ruhiger Vorort."

Und manchmal ärgern sich auch Frankfurter über Frankfurter - je nach Situation und Eigenart. Die einen lieben die Feste am Römer, am Mainufer. Die anderen wollen da mittendrin wohnen und trotzdem ihre Ruhe haben. Der Lärmschutz für die Bewohner gilt auch bei Volksfesten, die für alle veranstaltet werden. Strank nimmt die Bewohner in Schutz. Auch er sieht ein "Überhandnehmen der Event-Kultur" mit Festen und Musikbeschallung fast an jedem Wochenende, fast auf jedem Platz. "Das ist zu viel geworden", sagt Ortsvorsteher Strank. "Die Anwohner haben auch ein Recht auf Ruhe."

Von Thomas J. Schmidt

Lesen Sie auch:

Wohnungsnot: Junges Paar schickt täglich mindestens vier Anfragen raus - ohne Erfolg

Täglich schicken Lisa und Luke mindestens vier Wohnungsanfragen raus. Seit mehreren Monaten suchen die Studentin und der Auszubildende in Frankfurt eine Bleibe. Bislang ohne Erfolg.

Auf Leben und Tod: Dramatischer Einsatz im Bahnhofsviertel

In der Nacht auf Sonntag rasen in Frankfurt gegen 0.35 Uhr fünf Polizeieinsatzwagen mit Blaulicht durch die Taunusstraße im Bahnhofsviertel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare