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Die Kleingärtner Brigitte Keusch und Nuri Erencin kämpfen für ihre Gärten nördlich der Anne-Frank-Siedlung in Eschersheim.

Zukunftsstrategie für die Kleingärten in der Stadt

Stadtplanung in Frankfurt: "Kleingarten- und Freizeitgärtenstrategie" wird entwickelt

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Die Großstädte platzen aus den Nähten, die Begehrlichkeiten wachsen: Könnte man nicht dort, wo Kleingärtner ihre Blumen ziehen, Wohnungen bauen? In Frankfurt wird derzeit eine "Kleingarten- und Freizeitgärtenstrategie" entwickelt.

Frankfurt -Grünes Idyll in der Stadt, oder an ihrem Rande. Klaus J. Tippmann (68) ist seit 20 Jahren täglich in seinem Garten. Auch im Winter. "Da füttere ich Vögel, und jetzt begrüßen mich die Rotkehlchen schon, wenn ich komme", schwärmt der Vorsitzende des KGV Mainwasen. "Klar, es ist viel Arbeit. Und es kostet auch Geld. Aber wir essen fast nur eigenes Gemüse, und es schmeckt wirklich besser." Ein grüner Lebensinhalt - auch wenn die Idylle bedroht ist.

"Ich habe damals gegen die EZB-Brücke gekämpft. Anfangs hieß es, wir würden vier Gärten verlieren, am Ende waren es zwölf. Wenn jetzt die Europäische Schule gebaut wird, wird es uns bestimmt wieder treffen. Und dann gibt es kein Halten mehr mit dem Bauen - bis zum Kaiserlei", ist Tippmann überzeugt. Also: Es ist ein Idyll, um das man kämpfen muss. Auch andernorts in Frankfurt gibt es Konflikte zwischen Baumaßnahmen, die zum Teil nach Jahrzehnten endlich Realität werden, und Kleingärtnern, die bleiben wollen. So im Riederwald mit der Autobahn-Erweiterung - ein Beispiel, das Tippmann einfällt.

Frankfurt: Gärten werden zu Grünzug

Auch in Eschersheim gab es Ärger um ein Baugebiet nördlich der Anne-Frank-Siedlung. Der favorisierte Architekturentwurf jedoch sieht weiterhin viele Grünflächen vor - und einzelne Kleingärten könnten irgendwann später Teil des Grünzugs werden, erläutert Mark Gellert, Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD).

Das Kleingartenentwicklungskonzept soll diese und andere mögliche Konflikte identifizieren. "Ein Kleingartenentwicklungskonzept ist im Hinblick auf die immer knapper werdenden Flächen und den wachsenden Flächenbedarf für Baugebiete unabdingbar", berichtete der Magistrat jüngst an die Stadtverordnetenversammlung. Janina Teresa Steinkrüger, Referentin bei der federführenden Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne), erläutert dieser Zeitung: "Es gibt in Frankfurt 16.000 Parzellen auf insgesamt 534 Hektar. Es geht darum, eine Strategie zu entwickeln, und aus Sicht des Umweltdezernates ist die Strategie, die Parzellen zu erhalten, möglichst auszuweiten. Wir müssen den Bedarf klären, und da müssen die Vereine mitarbeiten. Sie müssen uns sagen, ob sie Leerstand haben oder eine Warteliste führen, und so weiter."

Gärten, die vor 1983 bestehen, genießen Bestandschutz

Das Bundeskleingartengesetz schreibe vor, dass Gärten, die vor 1983 bestanden haben, Bestandschutz genießen. Das heißt auch, wenn man einen Kleingarten für etwas anderes hernimmt, etwa Bebauung, dass man Ersatzflächen schaffen muss. Das könnte auch im für die Bebauung sowieso sakrosankten Grüngürtel geschehen. "Darüber müssen wir nachdenken, es ist noch nichts entschieden. Der Bericht wird im Frühjahr 2020 fertig sein", so Steinkrüger. Die Arbeiten stehen ganz am Anfang, gerade ist der Auftrag vergeben worden.

Hannelore Dörr, Vorsitzende der Stadtgruppe Frankfurt der Kleingärtner, weiß noch nichts von dem Strategiepapier. "Wir erhalten Fragebögen, die wir ausfüllen müssen." Bislang sei das nicht geschehen. "Die Parzellen sind in Frankfurt im Schnitt 300 Quadratmeter groß, das ist schon Arbeit", berichtet sie. Zumal die Stadt vorschreibe, was anzubauen ist. Wie die Kleingartenstrategie der Zukunft aussehen könnte, kann Dörr nicht sagen.

Ärger gibt's am Wasserpark

Mark Gellert berichtet. "Ärger gibt es derzeit im Innovationsquartier am Wasserpark in Bornheim. Die Günthersburghöfe sollen dort nach Norden erweitert werden, mit öffentlichen Grünflächen, doch das sind jetzt Gärten", berichtet er. "Von öffentlichem Grün hätten alle etwas, nicht nur die Pächter" - die sich jedoch wehren.

Nicht immer verlieren die Kleingärtner. So haben die Gärtner in Preungesheim im Gebiet Wolfsweide ihre Flächen erhalten. Das vor fünf Jahren vorgesehene Baugebiet ist ein für alle Mal vom Tisch.

Kommentar zum Thema "Kleingarten- und Freizeitgärtenstrategie"

Bauen ist nicht einfach in Frankfurt. Es gibt keine Flächen. Die Nachverdichtung stößt auf Widerstand - und an Grenzen. Neubaugebiete ausweisen soll auch nicht sein - Stichwort Josefstadt. Dazu kommt eine endlose Liste von Klötzen, die die Frankfurter Stadtplaner sich selbst in den Weg gelegt haben oder in den Weg gelegt bekamen. Stichwort hier: Der Grüngürtel, das Allerheiligste. Oder der Stadtwald. Ganz zu schweigen von gesetzlichen Beschränkungen, etwa wegen des Lärmschutzes oder wegen Gewerbeansiedlungen in bestimmten Gebieten.

Andererseits: Neue Frankfurter, die eine Wohnung suchen, Mieten, die steigen, steigen, steigen. Auch für die Alteingesessenen, so weit sie nicht in (ererbtem) Eigentum leben können. Kein Wunder, möchte man sagen, dass Bauplätze gesucht werden. Kein Wunder auch, dass die Kleingärtner Angst um ihre Idyllen haben. Diese Flächen wecken Begehrlichkeiten. Oft liegen sie nicht allzu abgelegen am Rande des bebauten Raumes und wären fast ideal für eine Vergrößerung der Stadtteile.

Aber nicht nur Wohnen: Auch der nötige Bau neuer Straßen und Gleise gefährdet die Kleingärten in der Stadt. Da bleibt nur der Trost: Für jeden Garten, der weichen muss, gibt die Stadt einen Ersatz. Notfalls im Grüngürtel. Der darf ja sowieso nicht bebaut werden. Das Allerheiligste eben.

von Thomas J. Schmidt

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