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Zwischen Hochspannungsmasten steht die Aussichtsplattform einer Autobahnraststätte an der A5. Vermutlich wissen die Besucher nichts von der von den Starkstromleitungen ausgehenden elektromagnetischen Strahlung.

Neubaugebiet an der A5

Wie schädlich ist die Strahlung von Starkstromleitungen? Politik diskutiert

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Das geplante Neubaugebiet nördlich und westlich der A 5 beschäftigt die Bürger. Etwa 110 Besucher waren in das Titusforum des Nordwestzentrums gekommen, um einen Vortrag des Bundes für Umwelt und Naturschutz anzuhören. Das Thema lautete: „Wohnen unter Höchstspannung“.

Frankfurt. Wie gefährlich ist elektromagnetische Strahlung? Das geplante Baugebiet am Rande der Stadt, zwischen Oberursel-Weißkirchen, Steinbach, Praunheim und Nordwestzentrum gelegen, wird von zwei Stromleitungen durchschnitten, einer mit 110 Kilovolt und einer weiteren mit 380 Kilovolt. Von diesen Stromträgern geht Strahlung aus.

Deshalb ist im hessischen Landesentwicklungsplan vorgeschrieben, dass der Abstand zu Höchstspannungsleitungen beidseitig 400 Meter betragen muss. Damit wäre ein großer Teil des geplanten Areals für den neuen Stadtteil nicht bebaubar. Planungsdezernent Mike Josef (SPD) will diese Abstandsregelung nicht akzeptieren.

Gute „Gründe für Abstand“ von mindestens 400 Metern zu Starkstromleitungen im Neubaugebiet an der A5

Eine andere Meinung vertrat der Referent des Abends, der Physiker Werner Neumann, einstmals Leiter des Energiereferates der Stadt Frankfurt. Es gebe „gute Gründe, die 400 Meter einzuhalten“. Bei 400 Metern sei man auf der sicheren Seite, deshalb habe die Politik diesen Abstand übernommen.

Die von Strommasten ausgehende Strahlung sei möglicherweise krebserregend, „die öffentliche Gesundheitsvorsorge muss das beachten“. Genauere Nachweise für die Krebsgefahr gebe es nicht, räumte Neumann ein. Die Studien, auf die sich der Referent berief, waren teilweise mehr als 20 Jahre alt.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt als Grenzwert 100 Nanotesla, ein Wert, dem die meisten europäischen Länder folgen. Selbstverständlich will auch der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef (SPD) im neuen Stadtteil, der im Volksmund bereits Josefstadt genannt wird, die Grenzwerte einhalten. Er setzt allerdings nicht auf abstrakte Abstandflächen, sondern auf tatsächliche Messungen direkt am Ort. Denn möglicherweise ist ein 400-Meter-Abstand gar nicht nötig. Die Stärke eines elektromagnetischen Feldes hängt auch davon ab, wie viel Strom tatsächlich durchfließt.

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Neumann zeigte noch eine andere Möglichkeit auf: Die der Verlegung der Leitungen in den Boden, die sogenannte Erdverkabelung. Doch auch in diesem Falle könnte ein 45 Meter breiter Streifen nicht überbaut werden. Allein die dann zusammengelegten Kabel würden nach Neumanns Angaben einen 17 Meter breiten Raum beanspruchen. Darüberhinaus müsse eine aufwendige Übergangsstation von der Freileitung zum Erdkabel gebaut werden. Zudem stelle sich die Frage, ob der Netzbetreiber bereit sei, sieben bis acht Starkstromleitungen sechs Kilometer unter die Erde zu verlegen. Die Kosten dafür bezifferte Neumann auf 200 Millionen Euro oder 20 000 Euro pro Wohnung. In der Josefstadt sollen bis zu 12 000 Wohnungen entstehen – für bis zu 30 000 Bewohner.

Neumanns Kostenrechnung widersprach in der Diskussion ein Mitarbeiter des städtischen Planungsamtes. Eine Verlegung von drei Kilometern würde reichen, dann wären die Kosten nur noch 100 Millionen Euro. Der städtische Planer machte auch klar, dass die Entwicklung von Baugebieten nun mal Geld koste. Eine physikalisch weitere Möglichkeit des Schutzes vor Strahlung wäre es laut Neumann, die Gebäude mit Metallplatten zu verkleiden. Dies sei aber wenig praktikabel.

Kundige Diskutanten wissen über elektroagnetische Strahlung im Alltag Bescheid

Die sehr kundigen Diskussionsteilnehmer wiesen darauf hin, dass auch im Alltag elektromagnetischen Strahlung vorkomme. So erzeuge bereits ein Fernsehgerät eine Strahlung von 100 Nanotesla.  Ein anderer betonte, dass bei einer Untersuchung im Magnetresonanztomographen der Patient ein bis zehn Millionen Tesla Strahlung ausgesetzt sei.

Zuvor hatte Neumann bereits auf die elektromagnetische Strahlungsbelastung einer Hausfrau hingewiesen, die wegen der elektrischen Geräte im Haushalt, beispielsweise durch Cerankochfelder auf dem Herd, höher sei als die eines Handwerkers.

Ein anderer Zuhörer wies daraufhin, dass am Riedberg und in anderen Frankfurter Stadtteilen die Bebauung 50 bis 100 Meter an Starkstrommasten heranrücke. Dass früher näher an Starkstromleitungen herangebaut worden sei, bestätigte auch Neumann.

Sorgen müssen sich die Bewohner am Riedberg deshalb trotzdem nicht machen. Denn die Baugenehmigung wurde auf Grund tatsächlicher Messungen erteilt, wie es beispielsweise in Bayern und bislang auch in Hessen gehandhabt wird. Deswegen sind bei der Bebauung des Riedbergs die Abstände deutlich unter 400 Meter ausgefallen, weil die Grenzwerte eingehalten wurden.

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